Film
Greg Zglinski: «Das Kino Royal war mein ‹Cinema Paradiso›»

Der polnisch-schweizerische Regisseur Greg Zglinski stellt seinen Film «Courage» im Badener Kino Sterk vor. Darin geht es um zwei ungleiche Brüder. Der eine wird für seine Heldentat geschlagen, der andere prahlt mit ihr.

Elisabeth Feller
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«Beziehungen zwischen Menschen interessieren mich sehr», sagt Regisseur Greg Zglinski.

«Beziehungen zwischen Menschen interessieren mich sehr», sagt Regisseur Greg Zglinski.

Emanuel Freudiger

Mit «Star Wars» begann sein Interesse am Kino. Er drehte mit der Super-8-Kamera Filme; er war als Platzanweiser und Operateur in einem Badener Studiokino tätig, über das er rückblickend sagt: «Das ‹Royal› war mein ‹Cinema Paradiso›.» In Greg Zglinskis braunen, Wärme ausstrahlenden Augen blitzt es amüsiert auf, bevor er ergänzt: «Das Schweizer Kinopublikum ist einmalig und dasjenige in der Region Baden-Wettingen erst recht: Es ist intelligent und erfahrungshungrig.»

Greg Zglinski

Der polnisch-schweizerische Filmregisseur wurde 1968 in Warschau geboren. Er lebte von 1978 bis 1992 in der Schweiz, besuchte in Obersiggenthal die Bezirks- und danach in Baden die Kantonsschule. Ab 1992 lebte Zglinski in Lodz (heute arbeitet er in Warschau) und absolvierte dort die Filmhochschule. Seit 1983 dreht er Filme. Zglinski ist Drehbuchautor, Regisseur und Produzent; früher war er auch Kameramann, Cutter und Komponist von Filmmusik. Zudem war er Gitarrist und Bassist in verschiedenen Rockgruppen. 2004 lief Zglinskis erster Film «Tout un hiver sans feu» im Hauptwettbewerb am Filmfestival in Venedig, wo er mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde; 2005 bekam er den Schweizer Filmpreis. Als polnische Produktion mit polnischen Schauspielern und Schauplätzen konnte sein aktuellster Film «Courage» zwar nicht für den Schweizer Filmpreis nominiert werden, doch an den Solothurner Filmtagen 2012 fand er dennoch grosse Beachtung. (AZ)

Welch ein Kompliment, zumal aus dem Munde eines Mannes, dessen Filmkarriere in Baden begann. Und das nicht nur, weil seine Eltern, sondern vor allem ein Mann felsenfest an ihn glaubte und noch immer glaubt: Peter Sterk, ein Kinobesitzer «mit Herzblut und einem untrüglichen Sinn für Qualität». Da ist es nur folgerichtig, dass Peter Sterk auch den zweiten Spielfilm des schweizerisch-polnischen Filmregisseurs aufs Programm setzt (siehe Box).

«Courage» läuft ab heute in Baden – ist im Rahmen von «Kino Polska» jedoch auch in weiteren Schweizer Städten zu sehen. Weshalb erst jetzt? Bereits 2012 hatte ein Filmkritiker glasklar festgehalten: «Der beste neue Schweizer Film ist polnisch» (siehe Box). Greg Zglinski wägt seine Worte sorgsam ab: «Es ist schwierig, einen Verleiher zu finden für einen Film, der für einige weder ein reiner Studiofilm noch ein kommerzieller Film ist.» Doch nun ist Cinélibre, Dachverband der Schweizer Filmklubs und nicht-gewinnorientierter Kinos, eingesprungen.

Eine gute Geschichte finden

Zwischen Zglinskis Erstling «Tout un hiver sans feu» von 2004 und «Courage» von 2011 liegen sieben Jahre – eine lange Zeit. Der Regisseur nickt und erzählt dann in seinem sanft östlich gefärbten Dialekt: «Ich habe in dieser Zeit an mehreren Projekten gearbeitet – auch in der Schweiz. Einige davon haben nicht geklappt. Ich habe aber auch einige erfolgreiche Fernsehserien für das polnische Fernsehen gemacht.» Zglinski möchte die Erfahrungen mit diesem Medium nicht missen: «Im Unterschied zum Film hat man in einer Fernseh-Serie mehr Raum für die Entfaltung der Charaktere und für Details.»

Geschichte zweier ungleicher Brüder

Der aktuelle Film von Greg Zglinski rückt die beiden Brüder Alfred und Juarek ins Zentrum. Sie sind Besitzer eines kleinen Betriebes für Internetfernsehen. Eines Tages werden sie Zeugen eines Zwischenfalls: Eine Schlägerbande belästigt eine junge Frau. Juarek stellt sich der Bande in den Weg, wird angegriffen und schliesslich aus dem Zug geworfen - Alfred sieht ohnmächtig zu. Lebensgefährlich verletzt liegt Juarek im Spital und kämpft um sein Leben. Alfred ist tief beschämt. Gegenüber seinen Eltern, seiner Frau und seinen Angestellten gibt sich Alfred jedoch als Held, der bewusstlos geschlagen wurde und seinem Bruder nicht helfen konnte. Kurz darauf taucht online ein Handy-Video auf, in dem die wahren Ereignisse festgehalten sind. (ef)

Dass Zglinski erst nach Jahren wieder einen Film realisiert hat, hängt aber auch oder vor allem «mit der Schwierigkeit zusammen, auf eine gute Geschichte zu stossen und diese drehreif zu entwickeln.» Den Anstoss für «Courage» gab eine Kurzgeschichte, die Zglinski gefesselt hatte. «Beziehungen zwischen Menschen interessieren mich sehr», sagt er und kommt auf die beiden ungleichen Brüder in «Courage» zu sprechen. Ausgerechnet der stillere, glanzlosere Bruder erweist sich als mutig. Die Frage nach der Schuld ist zentral in Zglinskis kammerspielartigem Drama: «Es geht nicht in erster Linie darum, in einer bestimmten Situation Mut zu zeigen.

Mut im Alltag

Es geht vielmehr um die kleinen mutigen Entscheide im Alltag, die den Mut zu einem Reflex werden lassen.» Der feige Bruder, so Zglinski, sei wie ein kleiner Bub – doch das passe «in eine Zeit, in der man später als noch vor einigen Jahren erwachsen wird und sich scheut, Verantwortung zu übernehmen.» Diese wiegt für den Regisseur schwer: «Filme drehen bedeutet intensivste Arbeit – vergleichbar mit derjenigen in einem Kohlebergwerk.

Der Druck von allen Seiten ist immens.» Zglinski horcht seinen Worten gleichsam nach, bevor er nach einer Pause sagt: «Man muss das wirklich wollen.» Was ist Filmemachen? «An der Filmhochschule in Lodz wurde der Film vor allem als Kunst betrachtet.» Was ist daran falsch? «Filmemachen besteht zu 99 Prozent aus Handwerk, das manchmal zur Kunst wird.» Zglinski lächelt verschmitzt, bezieht sich dann auf seinen Lehrer Krzysztof Kieslowski, von dem dieser Satz stammt: «Es ist nicht wichtig, wo man die Kamera hinstellt, sondern warum man sie hinstellt.»

Pläne in der Schweiz

Ist Landsmann Kieslowski ein Vorbild? Greg Zglinski nimmt dieses Wort nicht in den Mund. Dass er seinen Lehrer aber schätzt und mag, steht ausser Frage. Ebenso wie etwa Stanley Kubrick oder Steven Spielberg: «Er wird immer besser. Bewundernswert, wie viele Filme er in verschiedensten Genres macht.»

Polen als Filmnation? «Ja, mit grosser Tradition. In den Neunzigern befand sich der polnische Film aber in einer Identitätskrise. Doch jetzt ist eine neue Generation am Werk.» Hat Greg Zglinski Pläne? «O ja.» In der Schweiz? «Ja. Ich bin derzeit mit einigen Leuten darüber im Gespräch.» Will er mehr verraten? «Nein.» Bloss dies: Er freut sich auf den Besuch im Kino Sterk, denn er weiss: «Das Schweizer Publikum ist einmalig.»

«Courage» Ab heute im Kino Sterk, Baden. Am Fr, 18. Januar, ist Regisseur Greg Zglinski anwesend.