Für viele Kinder im Bezirk Baden beginnt nach den Sommerferien mit dem Übertritt in die Oberstufe ein neuer Lebensabschnitt. Die neusten Zahlen von Statistik Aargau (Tabelle rechts) zur Übertrittsquote zeigen erstens: Der Bez-Schüler-Anteil in einzelnen Gemeinden hat sich in den letzten Jahren teilweise stark verändert.

Zweitens: In den vergangenen vier Jahren – also seit der Umstellung von fünf auf sechs Jahre Primarschule – hat sich die Quote nur leicht (von 44,7 auf 46,7 Prozent) verändert, was den Schluss zulässt, dass die Umstellung der Primarschuldauer keinen signifikanten Einfluss auf die Übertrittsquote haben dürfte. Und drittens: Je nach Wohnort der Primarschüler unterscheidet sich die Übertrittsquote in die Bezirksschule markant.

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Wie lässt es sich erklären, dass in Bergdietikon 26 Prozent und in Wettingen 10 Prozent mehr Kinder als noch vor vier Jahren den Sprung in die Bez schaffen? Bergdietikons Schulpflegepräsidentin Regula Weidenmann sagt: «Womöglich hängt der Anstieg mit unserem kräftigen Ausbau des schulischen Heilpädagogik-Angebots zusammen».

Davon profitierten nicht nur die schwächeren, sondern auch die stärkeren Kinder, im Sinne einer Begabungsförderung. «Es ist wichtig, dass wir uns um alle Kinder kümmern, niemand soll weder über- noch unterfordert sein, wichtig ist die Freude am Lernen», sagt Weidenmann.

Nachhilfe auch für starke Schüler

Wettingens Schulpflegepräsident Thomas Sigrist: «Gleichzeitig zur Umstellung auf sechs Jahre Primarschule haben wir in Wettingen eine Zentralisierung durchgeführt.» Die Schülerinnen und Schüler der fünften und sechsten Klassen werden alle im neuen Zehntenhof-Schulhaus unterrichtet und nicht mehr wie früher an drei unterschiedlichen Standorten.

«Der vermehrte Austausch der Lehrer, aber auch der Schüler untereinander kann einen positiven Einfluss auf das Niveau haben», vermutet der Schulpflegepräsident. Auch, dass die Primarschule sechs Jahre daure, könne sich positiv auswirken: «Die Jugendlichen sind ein Jahr älter beim Übertritt, machen sich womöglich mehr Gedanken über ihre Zukunft und haben eher ein Berufsziel, für das sie sich in der Primarschule anstrengen.»

Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Aargauer Lehrerverbandes, ist überrascht, dass die Bez-Quote im Bezirk insgesamt angestiegen ist. «Denn die Neuregelung der Übertrittsverfahren vor vier Jahren – die Aufnahmeprüfung für Zweifelsfälle wurde abgeschafft – sollte eigentlich dazu führen, dass die Quote eher etwas sinkt.»

Einen grossen Einfluss auf die Zunahme dürften die Eltern haben, die ihre Kinder je länger, je mehr in die Bezirksschule pushen, erklärt sich Abbassi die Zunahme. «Viele Eltern sind überzeugt, dass die Schulstufe einen direkten Einfluss auf den späteren Lebensstandard ihrer Kinder hat. Die Kinder werden hierfür zum Teil regelrecht ‹getunt›.» Im Gegensatz zu früher gebe es vermehrt leistungsstarke Schülerinnen und Schüler, die zusätzlich zum Unterricht noch Lektionen in Privatschulen oder Nachhilfeinstituten erhalten.»

Warum in Bergdietikon oder Ennetbaden deutlich mehr Kinder ihre Oberstufenzeit in der Bez verbringen als beispielsweise in Neuenhof, dürfte sich hauptsächlich mit der Bevölkerungsstruktur erklären.

«In unserer Gemeinde gibt es viel teuren Wohnraum, den sich tendenziell eher gut ausgebildete Menschen leisten können, was zur Folge hat, dass viele Kinder in einem bildungsnahem Umfeld aufwachsen», sagte vor drei Jahren Schulpflegepräsident Rico Gasparini. Ausserdem biete Ennetbaden mit seinen gut ausgebauten Betreuungsstrukturen ein attraktives Angebot für berufstätige Eltern.

In Neuenhof hingegen, wo nur knapp eines von vier Primarschulkindern den Sprung in die Bez schafft, sei der Anteil der bildungsfernen Familien höher als anderswo, was womöglich mit der Geschichte der Gemeinde als Siedlung für ABB-Arbeiter zusammenhänge, sagte der dortige Schulpflegepräsident Jürg Amrein. In vielen Gebieten Neuenhofs gebe es noch heute günstigen Wohnraum, den sich auch bildungsferne Familien leisten könnten.