Baden
Grosser Besucherzuwachs in der Langmatt: «Hier steckt ein Stück Badener Identität drin»

Seit Herbst 2015 ist Markus Stegmann Direktor der «Langmatt». Seine Bemühungen, das Wohnmuseum einem breiteren, jüngeren Publikum zu öffnen, tragen nun offensichtlich Früchte. Und: Der Deutsche hat bereits neue Ideen im Köcher.

Martin Rupf
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Markus Stegmann: «Das historische Ensemble hier in Baden sucht in der Schweiz seinesgleichen.»

Markus Stegmann: «Das historische Ensemble hier in Baden sucht in der Schweiz seinesgleichen.»

Vorsicht, nicht berühren», mahnt Markus Stegmann mit eindringlichen Worten. Nur ganz kurz hat der Journalist die neue Wandbespannung in der Galerie des Museums Langmatt berührt. Doch weil die an den Bildern angebrachten Sensoren sensibel sind, könnte schon eine kleine Berührung einen Alarm auslösen – mit der Folge, dass das Museum innert weniger Minuten von Polizisten umstellt wäre, wie Stegmann erklärt.

Im Herbst 2015 hat der Deutsche die Leitung des Museums übernommen. Der Direktor ist an diesem Vormittag, abgesehen von drei Mitarbeitern, der Einzige im Haus. Grund: Von Mitte Dezember bis Ende Februar bleibt das Museum geschlossen.

Einerseits sehen das die Stiftungsstatuten vor. «Andererseits haben wir ein historisches Haus, das sehr viel Pflege braucht. So müssen die Parkettböden über den Winter aufwendig gereinigt und vor übermässiger Abnutzung geschützt werden.»

Die Chancen, dass die Böden in Zukunft noch mehr abgenutzt werden, stehen nicht schlecht. Denn die Besucherzahlen haben sich gegenüber dem Vorjahr mit etwas über 12 000 nahezu verdoppelt.

Zwar hätten davon nicht alle Eintritt bezahlt (viele Besucher verweilten nur in der Parkanlage), doch auch dieser Anteil habe zugenommen.

«Die Zahlen zeigen, dass unsere Bemühungen – bei gleichbleibenden personellen und finanziellen Ressourcen – die ‹Langmatt› einem breiteren und vor allem auch jüngeren Publikum zugänglich zu machen, Früchte tragen», sagt Stegmann.

Das Erbe der Familie Brown wurde 1990 zum Museum

Vor 29 Jahren ging die Liegenschaft Langmatt samt eindrücklicher Sammlung von Bildern vor allem von Impressionisten als Erbe von John Alfred Brown an die Stadt über.

Mit der Übernahme der «Langmatt» steuerte die Ortsbürgergemeinde damals 2 Mio. Franken für Umbau und Renovation bei. Mit 800 000 Franken Darlehen des Kantons und einem ebenso hohen Betrag des Bundes nahm die Stiftung 1990 den Museumsbetrieb auf. 25 000 Personen besuchten das Museum im ersten Jahr.

Die Besucherzahl schrumpfte dann auf durchschnittlich zwischen 6000 und 8000. Im Jahr 2010 gab es mit Pipilotti Rist nochmals aussergewöhnlich viel Publikum, zuletzt waren die Zahlen aber wieder rückläufig (2015 total 6692 Besucher).

Nebst Beiträgen von Stadt, Kanton und neu der Ortsbürgergemeinde wird der Museumsbetrieb von Sponsorengeldern und von Geldern des Vereins «Freunde der Langmatt» und des «Clubs Langmatt» getragen. 2015 gab es in der Stiftung wie auch beim Museum zwei namhafte Wechsel.

So übernahm Lukas Breunig das Amt des langjährigen Stiftungsratspräsidenten Alfred R. Sulzer. Und im September 2015 teilte die Stiftung mit, dass man die Zusammenarbeit mit Sarah Zürcher beende und neu Markus Stegmann Museumsdirektor wird.

Der Stadtrat als Stifter der öffentlich-rechtlichen «Stiftung Langmatt Sidney und Jenny Brown» ist heute noch in der Pflicht, wenn es etwa um die dringend notwendige Sanierung geht. (mru)

Als Grund für die Zunahme sieht Stegmann die steigende Zahl von Ausstellungen, vor allem aber die rund 70 öffentlichen Veranstaltungen. Dabei denkt er etwa an das Oldtimertreffen – dieses findet auch dieses Jahr wieder statt – oder an den 1. August, als Autor Simon Libsig «Poeten zur Lage der Nation» veranstaltete.

«Alleine an diesem Abend hatten wir mehr als 700 Gäste im Park.» Stegmann denkt aber auch an Kooperationen, die nicht immer die grosse Anzahl an Gästen gebracht haben, wie etwa ein Pilotprojekt zum Thema Sommerakademie.

Er gibt aber auch unumwunden zu, dass nicht jeder Idee Erfolg beschieden war. «So planten wir etwa eine gruslige Halloween-Veranstaltung, die jedoch kaum Anklang fand. «Es ist ein Balanceakt, den wir hier zu meistern haben.

Einerseits wollen wir uns einem breiteren Publikum öffnen, andererseits wollen wir aber auch keine beliebige Event-Kultur machen», sagt Stegmann. Auch für das 2017 habe er neue Ideen. So kämen die Besucher dieses Jahr in den Genuss von vier Ausstellungen – zuvor waren es im Schnitt eine bis zwei.

Wichtig sei, dass die Ausstellungen immer wieder wechseln würden und man als Besucher erkenne, dass man hier in einem lebendigen Haus sei, «in dem etwas passiert».

Stegmann plant ausserdem neu ab Saisoneröffnung im März jeden ersten Freitag im Monat von 17 bis 18 Uhr eine individuelle, nicht öffentliche Sprechstunde, in der er Besuchern im Sinne eines Service public gratis für alle Themen rund um Kunst und Kultur zur Verfügung steht. Auch Führungen und Workshops seien dieses Jahr geplant.

Neues Thermalbad als Chance

Doch Stegmann ist realistisch genug, um zu wissen, dass sich selbst mit diesen Ideen der Museumsbetrieb (rund eine Million Franken pro Jahr) mit den Eintritten nie wird finanzieren lassen.

«Schweizweit besuchen zwar immer mehr Menschen Kulturveranstaltungen und Museen, doch gleichzeitig gibt es auch immer mehr Angebote beziehungsweise Wettbewerb.» Für den «Langmatt»-Direktor ist klar, dass sein Haus in Zukunft nur eine Chance hat, wenn es gelingt, Besucher mit dem ganzen Ensemble – also mit Wohnmuseum, Parkanlage und Ausstellungen sowie Sammlungen – in die «Langmatt» zu locken.

«Kunsthäuser und -hallen gibt es viele in der Schweiz. Doch ein solches historisches Ensemble wie hier in Baden sucht seinesgleichen.» Ausserdem sei es ein wichtiges Stück der Identität und Herkunft der Badener, sagt Stegmann mit Blick auf die anstehenden politischen Geschäfte.

«Nicht zuletzt eignet sich die ‹Langmatt› auch hervorragend für die vielen hier arbeitenden Expats, um einen Eindruck zu erhalten, wo sie überhaupt leben und was die Geschichte dieser Stadt und Region bedeutet.»

Für Stegmann ist deshalb klar: «Dieses Kulturerbe muss unbedingt erhalten bleiben.» Und je mehr Menschen von der «Langmatt» Kenntnis nehmen und dieses Ensemble (wieder) zu schätzen beginnen würden, desto besser stünden hierfür die Chancen.

In naher Zukunft könnte der «Langmatt» dabei auch die Badenfahrt – konkrete Ideen liegen bereits vor – und der Bau des neuen Thermalbades in die Karten spielen.

Stegmann betont, dass er seitens der Stadt Baden («die Zusammenarbeit mit dem Standortmarketing ist hervorragend») und des Kantons sehr viel Goodwill spüre. Am Anfang seiner Karriere als Museumsleiter hätten ihm die widrigen Umstände wohl zu schaffen gemacht.

«Dank meiner Erfahrung faszinieren mich diese Herausforderungen heute; sie motivieren mich, für dieses Haus das Beste zu erreichen.» Stegmann sieht die «Langmatt» im Vergleich mit den grossen Häusern in Zürich, Winterthur oder Basel als David im Verhältnis zu Goliath.

«Das ist eine tolle Ausgangslage. Wir können nur gewinnen. So viele begeisterte Besucher letztes Jahr geben der ‹Langmatt› viel Rückenwind.»

Stadtrat nimmt zweiten Anlauf für eine Strategie

Eine Strategie soll aufzeigen, wie sich das Wohnmuseum in Zukunft positionieren will.

Das Timing ist perfekt: Zwei Wochen bevor der Stadtrat dem Einwohnerrat den Verpflichtungskredit in Höhe von 200 000 Franken für die Erarbeitung einer Strategie für das Wohnmuseum Langmatt vorlegen wird, kann «Langmatt»-Direktor Markus Stegmann für das Jahr 2016 einen stolzen Besucherzuwachs präsentieren.

Eigentlich hätte der Einwohnerrat bereits Ende August 2016 über den Kredit abstimmen sollen. Doch im Vorfeld der Sitzung forderte die Finanzkommission (Fiko) präzisere Angaben über die Projektorganisation und über die Rolle und die Vorstellungen von Stiftung sowie Stadtrat.

Dabei drohte sie gar, den Antrag zur Ablehnung zu empfehlen. Der Stadtrat entschied sich deshalb, die Vorlage zurückzuziehen und die geforderten Angaben auszuarbeiten.

Stadtrat und Kulturvorsteher Erich Obrist (parteilos) ist überzeugt, dass sich die Vorlage nun im positiven Sinne weiterentwickelt habe. Erstens seien die Ziele und die schlanke Projektorganisation jetzt skizziert und vor allem habe man substanzielle Drittmittel in Aussicht.

So seien vom Swisslos-Fonds des Kantons 60 000 Franken in Aussicht gestellt worden. Zusätzlich mit den 10 000 Franken der Stiftung ergibt sich für die Stadt ein Restbetrag von noch 130 000 Franken. «Der Kanton sieht den Wert der ‹Langmatt›; es gibt im Kanton kein vergleichbares Objekt mit Park, Wohnmuseum und Kunstsammlung», so Obrist.

Dem Kanton sei es ein Anliegen, die Entwicklung und Positionierung der «Langmatt» zu unterstützen. Obrist ist überzeugt, dass die Vorlage im Einwohnerrat Zustimmung finden wird. «Ich denke, allen ist klar, dass die Stadt als Alleinerbin und Stifterin ihre Pflicht wahrnehmen muss.» Die Mittel der Stiftung würden für den Betrieb nicht ausreichen.

Die Folge: Jährlich wird ein Teil des Stiftungsvermögens verzehrt. «Man muss im Klaren sein: Wenn die Stiftung irgendwann keine Mittel mehr hat, dann fällt die Villa Langmatt an die Stadt zurück, was die Stadt dann einiges mehr kosten würde», erklärt Obrist.

Stiftungszweck als Zielschnur

Doch wieso hat die Fiko und mit ihr auch andere Einwohnerräte vom Stadtrat die Formulierung von Zielen verlangt, wenn die Vorlage ja eben gerade das Ausarbeiten solcher vorsah? «Das war tatsächlich ein Spagat», so Obrist.

Einerseits musste der Stadtrat den Wünschen der Fiko gerecht werden. «Andererseits wollten wir trotz Zielvorgaben die Ausarbeitung der Strategie inhaltlich nicht zu sehr einengen», sagt Obrist.

Laut Obrist orientieren sich die Ziele auch am Stiftungszweck. Erstens: Die «Langmatt» als Park und Sammlung soll der Öffentlichkeit erhalten bleiben.

Zweitens: Das Andenken der Erblasser-Familie Brown soll in Ehren gehalten werden.

Drittens: Das Kunstverständnis soll gefördert werden. Dazu sollen nun die Entscheidungsgrundlagen für Positionierung des Museums und seiner Sanierung beziehungsweise Umbaus geschaffen werden. Geplant ist, dem Einwohnerrat 2018 die Resultate vorzulegen, ehe über einen allfälligen Projektierungskredit abgestimmt wird.

Bereits 2010 sprach der Rat den gleichen Betrag für die Erarbeitung von baulichen, betrieblichen und rechtlichen Entscheidungsgrundlagen gut. «Dabei wurde vor allem der Ist-Zustand erfasst, und es ging weniger um die Frage, was die ‹Langmatt› für ein Ort sein soll», so Obrist.

Viele der Erkenntnisse, Gutachten und Studien würden nun aber selbstverständlich bei der Erarbeitung der Strategie einfliessen. Stadtrat Obrist fasst alle Ziele mit seiner ganz persönlichen Vision zusammen: «Das Museum Langmatt soll dereinst in der öffentlichen Wahrnehmung den gleichen Stellenwert wie etwa das Kurtheater Baden haben.

Ich glaube daran, dass dies möglich ist. Denn nicht zuletzt ist die ‹Langmatt› wie auch das neue Thermalbad wichtig für die Standortattraktivität der Stadt Baden.»

Auch Ortbürger zahlen

Nach 27 Jahren ist der Sanierungsbedarf der «Langmatt» sehr gross. Eine blosse Sanierung käme auf rund 10 Mio. Franken zu stehen; die Kosten für einen Um- und Ausbau werden auf rund 20 Mio. Franken geschätzt.

Kosten, welche die Stiftung alleine nicht stemmen kann. Schon heute beteiligt sich die Stadt am Betrieb des Museums und dessen Parkanlage. So finanziert sie die durch den Werkhof ausgeführte Gartenpflege in Höhe von jährlich rund 70 000 Franken.

Seit 2014 wird zudem ein Kulturförderbeitrag von 200 000 Franken gesprochen pro Jahr. Ab 2017 unterstützt auch die Ortsbürgergemeinde Baden den Betrieb jährlich mit 100 000 Franken befristet auf 4 Jahre.

Zudem sprach der Einwohnerrat 2015 für bauliche Notmassnahmen 100 000 Franken gut und im letzten Herbst total 645 700 Franken, mit denen in den kommenden fünf Jahren dringend notwendige Sanierungen realisiert werden sollen.

Weiter erhält das Museum einen jährlichen Förderbeitrag von 170 000 Franken vom Kanton.