Wettingen

«Grüezi-Effekt»: Der Quartierverein, der sich für Strassenfeste stark macht

Ein Feld trennte Langenstein (oben links) vom Dorfkern. Blick nach Wettingen von der Ruine Stein um 1904.

Ein Feld trennte Langenstein (oben links) vom Dorfkern. Blick nach Wettingen von der Ruine Stein um 1904.

Seit 111 Jahren gibt es den Wettinger Quartierverein Langenstein-Altenburg. In dieser Zeit hat sich so einiges geändert – so fand etwa mit dem Eintritt von Frauen erstmals das Altenburgfest statt. Ein Rückblick.

Wir schreiben den 10. September 1904. Um 20 Uhr treffen sich 36 Männer im «Winkelried» in Wettingen. In der Wirtschaft diskutieren sie über den «Werth» eines Quartiervereins. Am Ende des Abends bestätigen sie mit ihrer Unterschrift die Gründung und ihren Beitritt zum Quartierverein Langenstein und Umgebung.

In den folgenden Jahren setzt sich der Verein aktiv für die Anliegen der Quartierbewohner ein. Im Jahr 1904 war Langenstein nämlich noch weit weg vom Wettinger Dorfkern. Ein riesiges Feld trennte die Langensteinler von den Döflern. Um überhaupt wahrgenommen zu werden, mussten sie sich aktiv darum bemühen und ihre Anliegen im Gemeinderat einbringen.

Lärm, Beizen und Gestank

Eine Chronik zum 75-Jahr-Jubiläum im Jahr 1979 gibt Auskunft über das Schaffen des Vereins in der Gründungszeit. So haben die Anwohner der Privatstrassen im Quartier diese anno 1905 auf eigene Faust mit Schildern versehen und getauft. Alles ohne Bewilligung des Gemeinderates. Aber nicht nur politische Anliegen beschäftigten die Mitglieder. Zu reden gaben auch Beizen, Lärm und Gestank.

Im Jahr 1909 wird protokolliert, dass lärmige Wirtschaften gemieden werden sollen. Und zwar «biss in denselben eine andere Ordnung, respektif Ruhe hersch, damit auch ein anständiger Mensch seinen Tropfen ruhig geniessen kann». Bei der Brauerei Welti hat man im gleichen Jahr wegen eines Dunghaufens beim «Alpenrösli» reklamiert. Er sei bei warmem Wetter gesundheitsschädlich. Nur zwei Jahre später, 1911, spendierte ebendieser Welti dem Verein ein 50-Liter-Fass Bier – selbstverständlich wird auch das protokolliert.

Das Jahr 1978 brachte frischen Wind in den Verein. Sieben Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechtes in der Schweiz durften auch «Damen» Mitglieder im Verein werden. Einer, der sich damals für die neue Regel eingesetzt hat, ist Heinz Zgraggen: «Zwischen unserem Verein und dem Quartierverein Kloster entstand über die Jahre ein Wettbewerb, wer mehr Mitglieder hat. Der Entscheid, künftig auch Frauen aufzunehmen, war von uns strategisch geschickt», sagt Zgraggen.

Mit dem Eintritt der Frauen in den Verein fand auch zum ersten Mal das Altenburgfest statt – ein Vorläufer des Quartierfests, das es auch heute noch gibt. Im Protokoll wird akribisch festgehalten: 600 Glacéstängel, 500 Cervelats und 45 Kilogramm Brot. Mit gutem Grund, weiss Zgraggen: «So hatten wir Anhaltspunkte für die nächsten Jahre.»

An die Generalversammlungen und Altenburgfeste zu Beginn seiner Vereinszeit hat Heinz Zgraggen gute Erinnerungen: «Früher waren das richtige Veranstaltungen – mit Musik und Tanz». Auch die Schule sei damals mehr in die Aktivitäten des Vereins eingebunden worden. So organisierte man an einem Samstag beispielsweise gemeinsam Spielnachmittage für Gross und Klein. Heute sei das schwieriger: «Am Samstag ist schulfrei und die meisten Menschen bleiben am Wochenende nicht unbedingt im Dorf», sagt Zgraggen. Auch wegen der zunehmenden Anonymität habe es der Verein heute schwieriger. «Im Gegensatz zu früher sind überall Gartentürchen und Zäune. Auch beim Einkaufen trifft man sich seltener.»

Heinz Zgraggen präsidierte den Verein während zwölf Jahren. Dann gab er sein Amt weiter. «Es ist wichtig, dass man früher oder später an Jüngere abgibt. Sie sind es, die den Verein in die Zukunft führen, und die Bedürfnisse ihrer Generation kennen.»

Mehr Feste fürs Quartier

Heute sind die Wohnqualität, der Austausch mit den Behörden, die Nachbarschaftshilfe und der Gemeinschaftssinn die zentralen Anliegen des Vereins. Die Wettinger sollen sich auf der Strasse wieder grüssen. Dominique Girod, Präsidentin des Vereins, spricht vom «Grüezi-Effekt». Um diesen zu stärken, hat der Verein das Projekt «Strassen festen mit» lanciert. «In den Strassen, die bis heute kein Strassenfest durchführen, sollen in Zukunft ebenfalls Strassenfeste stattfinden», sagt Girod.

Der Vorstand stehe den Neulingen mit Rat und Tat zur Seite, und unterstütze sie bei der Planung und Durchführung. Im August findet zudem ein zweitägiges Quartierfest mit Kinderflohmarkt, Kreativworkshops und einer Quartierkultur-Bühne statt. Das Bedürfnis nach einem lebendigen Quartier und einer guten Nachbarschaft ist auch nach 111 Jahren noch aktuell.

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