Wettingen

Hätte der Mord an Melek S. verhindert werden können?

Tötungsdelikt in Wettingen: Verwandte legten am Tag nach der Tat Blumen nieder

Tötungsdelikt in Wettingen: Verwandte legten am Tag nach der Tat Blumen nieder

Ali S., der getrennt lebende Ehemann, erschiesst in ihrem Coiffeursalon seine Ehefrau Melek S. Danach richtet er sich selber. Aufgrund einer hängigen Strafanzeige stellt sich die Frage: Hätte der Mord verhindert werden können?

Donnerstagmorgen, 10.30 Uhr an der Landstrasse in Wettingen: Schaulustige spazieren beim Coiffeursalon «Melissah» vorbei und versuchen durch die Rollläden hindurch einen Blick zu erhaschen. Autofahrer bremsen ab, betrachten das Blumenmeer vor der Türe.

24 Stunden zuvor hatte Ali S., der getrennt lebende Ehemann der Geschäftsinhaberin Melek S., den Laden betreten und die Coiffeuse mit mehreren Schüssen erschossen. Daraufhin richtete er sich selber, er starb wenige Stunden später im Spital.

Aargauer Polizei: 1200 Fälle im Jahr

Vorausgegangen ist ein monatelanger Beziehungsstreit. Melek zog vor rund einem halben Jahr einen Schlussstrich, sie wollte die Scheidung. Doch er konnte laut Freunden die Trennung nie akzeptieren, drohte ihr mehrmals mit dem Tod und schlug sie immer wieder. Erst vor vier Wochen reichte sie wegen Drohungen eine Strafanzeige ein.

Vorwürfe nach Tötungsdelikt in Wettingen

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Hätte demnach der Mord verhindert werden können? Hat die Kantonspolizei zu wenig hart eingegriffen?

Die Aargauer Polizei hat sich im Allgemeinen täglich mit zehn Anrufen wegen häuslicher Gewalt zu beschäftigen. In jährlich rund 1200 Fällen muss sie sogar vor Ort intervenieren. «Jeden Fall müssen wir neu beurteilen. Eine Einschätzung ist in jedem einzelnen Fall äusserst schwierig», sagt Bernhard Graser, Sprecher der Kantonspolizei Aargau.

«In Wettingen hatten wir keine Anhaltspunkte, dass dieser Streit in einer Bluttat hätte enden können. Wir sehen nach ersten Ermittlungen auch keinen Vorfall zwischen dem Ehepaar, in dem man hätte sagen müssen, wir hätten eine entsprechende Massnahme beantragen müssen. Wir haben den Fall nie auf die leichte Schulter genommen», sagt er.

So sei das Ehepaar bei der Polizei wegen «gegenseitiger Beschuldigungen» aktenkundig gewesen, was den Fall nicht vereinfache. So habe die Polizei auch Informationen, wonach das Opfer auf Drohungsmitteilungen ihres Mannes per SMS antwortete und diesen provozierte.

Drohungen in der Ehe: Eine Betroffene erzählt

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«Es gibt kaum Freiheitsstrafen»

Auch Strafprofessoren sagen auf Anfrage der Aargauer Zeitung, dass es schwierig sei, einen Fall von häuslicher Gewalt richtig einzuschätzen. «Die strafrechtlichen Möglichkeiten sind bei einer Drohung beschränkt. Es wird kaum je eine Freiheitsstrafe ausgesprochen», sagt Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch.

Martin Killias, ebenfalls Strafrechtsprofessor, bestätigt: «Das grosse Problem ist, dass der Täter nicht einschlägig vorbestraft war. Zum Inhaftieren einer Person braucht es in unserem System viel zu viel. Der Täter muss bereits ähnliche Vergehen begangen haben - was in Wettingen nicht der Fall war», sagt er.

Was sich Killias viel eher fragt: Warum hatte Ali S. eine Waffe? «Meiner Meinung nach müsste man bei einer Drohung routinemässig eine Hausdurchsuchung anordnen, um nach Waffen Ausschau zu halten. Eine solche Schusswaffe zu verstecken ist nicht so einfach», weiss Killias. Polizei-Sprecher Bernhard Graser: «Wir hatten keine Hinweise, dass eine Schusswaffe im Spiel sein könnte.»

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