Agnes Michel sitzt am PC und schreibt ein E-Mail. «Hallo Nadine», beginnt sie. «Kann deine Unterstützung sehr gut gebrauchen.» Noch beim Schreiben stockt Agnes Michel aber: Wie schreibt man das Wort Unterstützung genau? Die Bibliotheksmitarbeiterin überlegt, versucht, schlägt nach und schreibt von «untestüng» über «unterzüstug» verschiedenste Versionen auf. Die richtige ist lange Zeit nicht dabei.

Agnes Michel ist einer von rund 800000 Menschen in der Schweiz, die an Illettrismus leiden. Das heisst, dass sie trotz Schulbildung weder fehlerfrei lesen noch schreiben kann. Für die Betroffenen ist das Leben mit Illettrismus oftmals eine Qual.

Durch das Leben «boggsen»

Der Film «Boggsen», aus dem die Anfangsszene stammt, zeigt den Druck, der auf den Betroffenen lastet. Der Titel ist eine Adaption des Wortes «boxen» und soll zeigen, welche Mühe Menschen mit Lese- und Schreibschwäche im Leben haben.

Im Film kommen zehn Betroffene zu Wort, die schildern, wie sie sich durch die Schule gemogelt haben und wie der Illettrismus ihr Leben verändert hat. Am Freitag feierte «Boggsen» Aargauer Premiere. Der Saal im Kino Sterk war voll, die Leute interessiert.

Dies zeigte sich auch am Podiumsgespräch, das anschliessend an den Film geführt wurde. Die Zuschauer fragten nach, diskutierten über Möglichkeiten, dem Problem vorzubeugen und führten Beispiele aus ihrem eigenen Leben auf.

Mister Schweiz als Aushängeschild

Der Film berührt. Die Protagonisten erzählen einer nach dem anderen von herabwürdigenden Situationen in der Schule, von Problemen am Arbeitsplatz. Sie erzählen von einer stetigen Abwärtsspirale, aus der sie erst dank einem Kurs einen Ausweg gefunden haben.

Auch der Ex-Mister Schweiz André Reithebuch leidet an ein einer Lese- und Schreibschwäche und kommt im Film zu Wort. Mariangela Pretto vom Verein Lesen und Schreiben Aargau freut sich, dass der Ex-Mister zu seiner Schwäche steht: «In den Augen vieler Leute sind es vor allem Migranten oder geistig Benachteiligte, die nicht schreiben können. Dieser Film zeigt aber Schweizer, die ganz normal sind, mitten im Leben stehen und viele Fähigkeiten haben. Von diesen Leuten würde das niemand erwarten.»

«Boggsen» wird am Dienstag um 19.30 Uhr im Kino Odeon Brugg gezeigt. Eintritt frei.