Schön ist er nicht gerade, der bärtige Nackte mit dem bösen Blick und den Totenköpfen: Im Kunstraum Baden ist derzeit ein monumentales Selbstporträt von Hans Trudel zu sehen. «Der Letzte» (so heisst die Kohlezeichnung) ist in seiner brutalen Darstellung des menschlichen Körpers typisch für den Bildhauer und Zeichner. Hans Trudel (1881–1958) wurde – wie sein Zeitgenosse Hans Buchstätter, dessen Bilder auch in der Ausstellung im Kunstraum zu sehen sind – von den Badenern als Aussenseiter verschmäht.

60 Jahre nach seinem Tod aber ist Hans Trudel zum wichtigsten Badener Künstler geworden. Der Unternehmer und Sammler Christoph Schoop plant gerade einen neuen Pavillon im Falkenareal für eine Dauerausstellung. Schon jetzt gibt es Dutzende Werke Trudels in der Stadt zu entdecken. Berühmt sind vor allem der «Flieger» auf dem Bahnhofplatz, der brüllende Löwe auf dem Löwenbrunnen, das Tränenbrünneli an der Limmat und der «Reigen» am Schulhausplatz. Dabei hat Trudel viel mehr Spuren in Baden hinterlassen: Es gibt über 20 weitere Skulpturen von ihm in der Stadt.

Stadtführerin Silvia Hochstrasser hat vor vier Jahren Trudels Lebensgeschichte aufgearbeitet und bietet seither Führungen zu seinem Wirken und Schaffen an. Sie beginnt ihre Tour beim Grand Casino. Rund um den ehemaligen Kursaal gibt es sieben Werke: Den Weingott Bacchus etwa, der früher in den Reben an der Burghalde eine Mauer zierte.

Die Figur aus Würenloser Muschelsandstein hat ein verstecktes Detail, das Silvia Hochstrasser zeigt: «Schauen Sie mal unter seine Kniekehle. Da ist eine Katze, die selig schläft», sagt sie und schmunzelt. Hochstrassers Wissen über Hans Trudel ist schier unerschöpflich. Detailliert hat sie seinen schwierigen Lebenslauf zusammengestellt.

Ein Zürcher in Baden

Geboren in Seebach bei Zürich und aufgewachsen in Ellikon an der Thur, ist Trudel schon als Kind ein begabter Zeichner. Er macht eine Lehre als Maschinenzeichner bei Sulzer in Winterthur. 1904 kommt er auf Empfehlung Eric Browns als Maschinenkonstrukteur zur Brown, Boveri & Cie. 1907 heiratet Trudel Paula Frey, die Tochter des Badener Stadtförsters. Ein Jahr später kommt die älteste Tochter Wally zur Welt. 1909 besucht Trudel eine Hodler-Ausstellung in Zürich und notiert in sein Tagebuch: «Jetzt weiss ich, wozu ich berufen bin!»

Trudel beginnt wie von Sinnen zu zeichnen, zu malen und Skulpturen zu hauen. Die Enge der Kleinstadt macht ihm zu schaffen, seine Figuren werden von den Badener Spiessbürgern verachtet und verschmäht wegen ihrer Nacktheit. Bestes Beispiel ist die Rosenfrau im ehemaligen Rosengarten des Kurparks: Sie wird von den Badenern «Das Schandweib» genannt. Seine Förderer aus der Führungsriege der BBC ermöglichen es Trudel, als Wirt das «Belvédère» zu übernehmen.

1915 schicken sie ihn mit einem Stipendium an die Kunstakademie in Wien. Vom Krieg gezeichnet kehrt er bald nach Baden zurück. Er bemalt die Aula des Bezirksschulhauses an der Burghalde, entwirft die Holzdecke des Stadtammanbüros und meisselt in seinem schlecht beheizten Atelier im Garten des Trudelhauses an der Oberen Halde unzählige Skulpturen.

Trotzdem bleibt er arm. In der Ecke vor seinem Hauseingang, wo die Badener Herren gerne hinpinkeln, um ihn zu ärgern, mauert Trudel in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Faunskopf ein, der später den Spitznamen «Haldenschnüffel» erhält. «Ich bewundere Trudel für seine Standhaftigkeit und Zähheit», sagt Silvia Hochstrasser. «Er hat nie aufgegeben.» In seinem Tagebuch notiert er einmal: «Wahnsinn ist mein ureigenes Wesen. Wahnsinn mein Tun und Denken ... Ich kann nicht denken, kann nur sinnen.» Eines ist klar: Es gibt in Baden noch viel zu entdecken von Hans Trudel.