Baden
Heimatschutz-Geschäftsführer: «Die perfekte Wakkerpreis-Gemeinde gibt es nicht»

Stefan Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes, sagt, warum Baden den Wakkerpreis trotz Verbesserungspotenzial erhalten hat.

Martin Rupf
Merken
Drucken
Teilen
Stefan Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes.

Stefan Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes.

Sandra Ardizzone

Baden erhält den Wakkerpreis 2020. Ganz ehrlich: Der Zeitpunkt überrascht. Wenn schon, hätte man die Auszeichnung in zwei, drei Jahren erwartet, wenn das neue Thermalbad, das umgebaute Kurtheater oder etwa das neue Sekundarstufenzentrum Burghalde eröffnet worden sind. Weshalb jetzt?

Stefan Kunz: Erstens, weil der Heimatschutz die Entwicklung eines möglichen Preisträgers während Jahren beobachtet und die Auszeichnung nicht von aktuellen Bauvorhaben abhängig macht. Zweitens wird Baden für ihre Bemühungen der letzten knapp 20 Jahre zur Rückgewinnung öffentlicher Freiräume ausgezeichnet.

Doch wieso gerade Baden? Es gibt doch bestimmt auch andere Städte, die städtebaulich Gleiches vorzuweisen haben?

Richtig. Nehmen wir zum Beispiel die Stadt Zürich, wo auch viele Anstrengungen in diese Richtung unternommen wurden. Doch Zürich hat schon nur finanziell andere Möglichkeiten. Wir sind der Meinung, dass die Stadt Baden aus den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln sehr viel herausgeholt hat.

Viele Badener finden den vom Heimatschutz zum Beispiel gelobten Theaterplatz oder auch den Trafoplatz alles andere als geglückt. Was sagen Sie dazu?

Vorneweg: Die perfekte Wakkerpreis-Gemeinde gibt es nicht. Wir sagen mit unserer Auszeichnung nicht, dass die einzelnen Plätze in der Stadt Baden aus Sicht der Landschaftsarchitektur alle perfekt gelöst sind.

Sondern wir zeichnen die Stadt grundsätzlich für ihre Bemühungen aus, trotz grossen Siedlungsdrucks Freiräume freizuhalten oder gar zurückzugewinnen und so für mehr Lebensqualität zu sorgen.

Der Theaterplatz: Wo einst Autos parkierten, flanieren heute Menschen über den Platz und geniessen die Aussicht über die Limmat.
26 Bilder
Der neue Freiraum am Theaterplatz am Rand der Innenstadt wurde durch den Bau eines Parkhauses im Untergrund ermöglicht, auf dessen Dach sich der Platz heute erstreckt.
Der alte Stadtfriedhof stand bei seiner Erstellung 1821 abseits des Stadtkerns. Heute liegt er inmitten der wachsenden Wohn- und Arbeitsgebiete.
Spielplatz auf dem alten Stadtfriedhof an der Bruggerstrasse.
2013 erhielt die geschützte Gartenanlage eine neue Bestimmung als ruhiger Erholungsort und Quartierspielplatz.
Auch der neu gestaltete Schlossbergplatz wird als gutes Beispiel städtischer Planung erwähnt.
Der Neubau Schlossberg, ein Gewerbe- und Wohnhaus, am Schlossbergplatz.
Der Stadtturm von der anderen Seite, der Weiten Gasse.
Blick auf die Altstadt von der Ruine Stein aus.
Fussgänger und Velofahrer teilen sich die Cordulapassage unter der Schulhausplatz-Kreuzung, einer der meistbefahrenen Kreuzungen der Schweiz.
Nur für den öffentlichen Verkehr: Unterhalb der Cordulapassage verläuft ein Bustunnel.
Blick auf die Schulhausplatz-Kreuzung mit dem Wohn- und Geschäftshaus Falken (rechts).
Die neu gestaltete Schulhausplatz-Kreuzung wurde im August 2018 nach aufwendiger Sanierung eröffnet.
Die Parkanlage des Kurparks ist im Stil eines englischen Landschaftsgartens angelegt.
Bäume spiegeln sich im Kurpark-Weiher.
Der Promenadenlift, ein öffentlicher Personenaufzug, der vom Bahnhofplatz hinunter zur Limmatpromenade führt, überwindet 27 Höhenmeter.
Der Lift (im Hintergrund) führt zum Limmatsteg.
Der Bahnhofplatz mit dem «Schwyzerhüsli».
Die Weite Gasse in der Altstadt.
Der Trafoplatz mit dem Kino Trafo im Hintergrund.
Die Parkanlage der Villa Boveri ist die bedeutendste private Gartenanlage der Stadt.
Die gedeckte Holzbrücke über der Limmat.
Der Kirchplatz mit der Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt in der Altstadt.
Neuer Geh- und Radweg in Richtung Bezirksgebäude und Schulhausplatz.
Der Vorplatz des Bezirksgebäudes mit dem Obeliskbrunnen von 1866.
Blick auf die Altstadt und Baden Nord.

Der Theaterplatz: Wo einst Autos parkierten, flanieren heute Menschen über den Platz und geniessen die Aussicht über die Limmat.

Keystone

Sollte dies aus Sicht einer Stadt nicht selbstverständlich sein?

Doch, sollte es, ist es aber oft nicht. Gerade in einer Stadt wie Baden, die sich in einer stark wachsenden Region befindet, ist die Versuchung gross, dem Siedlungsdruck nachzugeben. Man darf nicht vergessen. Das Freihalten von Flächen hat auch ihren Preis, respektive es wird auf viel wirtschaftliches Potenzial verzichtet.

Dieser Versuchung nicht nachzugeben, zeugt von Weitsicht. Und genau das ist auch unser Anspruch an den Wakkerpreis: Gemeinden auszuzeichnen, die einen Trend erkannt haben und Themen besetzen, die in zehn oder zwanzig Jahren ganz selbstverständlich sind.

Diese Badener Orte sind heute lebenswerter als früher

Früher präsentierte sich der Schlossbergplatz wenig attraktiv, «Blinddarm» wurde die unwirtliche Unterführung genannt.
10 Bilder
Auch der neu gestaltete Schlossbergplatz wird als gutes Beispiel städtischer Planung erwähnt.
Wo einst Autos parkierten, flanieren heute Menschen über den Theaterplatz und geniessen die Aussicht auf die Limmat.
Der Theaterplatz: Wo einst Autos parkierten, flanieren heute Menschen über den Platz und geniessen die Aussicht über die Limmat.
Vor der Eröffnung des Trafoplatzes 2003 präsentierte sich dieser trist und grau.
Heute ist er ein Treffpunkt und ein offener Veranstaltungsraum. Im Zuge der weiteren Entwicklungen im Gebiet wird der Trafoplatz in den kommenden Jahren um den benachbarten Brown-Boveri-Platz ergänzt.
Der umfassend neu gestaltete Schulhausplatz (links) wurde im Sommer 2018 eröffnet und ist ein starkes Stück Stadtreparatur. Eine grosszügige unterirdische Passage verbindet seither die Vorstadt wieder mit der Innenstadt, während darüber weiterhin täglich 50'000 Fahrten auf der Kreuzung gezählt werden.
Einst führte kein Weg durch Baden an der Weiten Gasse vorbei. Wo sich früher Autos, Busse und Menschen um den beschränkten Platz stritten, wird heute flaniert, in Cafés gesessen und eingekauft. Dank der Neugestaltung des Schulhausplatzes verschwand seit kurzem auch der regionale Busverkehr aus der Einkaufsstrasse.
Der Kurpark, der sich zwischen Bahnhof und Bäderquartier aufspannt, entstand zur Blütezeit des Kurbetriebes am Ende des 19. Jahrhunderts. Heute ist er ein gepflegter, grosszügiger Erholungsraum mit beachtlichem Baumbestand für die gesamte Bevölkerung. Ein Parkpflegewerk regelt den angemessenen und denkmalpflegerisch korrekten Unterhalt der Anlage.
Der «Alte Stadtfriedhof» stand bei seiner Erstellung 1821 weit abseits des Stadtkerns. Heute liegt er inmitten der wachsenden Wohn- und Arbeitsgebiete. Mit subtilen und feinfühligen Interventionen erhielt die geschützte Gartenanlage 2013 eine neue Bestimmung als ruhiger Erholungsort und Quartierspielplatz.

Früher präsentierte sich der Schlossbergplatz wenig attraktiv, «Blinddarm» wurde die unwirtliche Unterführung genannt.

Archiv

Was bedeutet der Wakkerpreis für die Stadt Baden?

Der Preis ist auch eine Verpflichtung, es noch besser zu machen. Gerade in der Stadt Baden und in der Region herrscht zurzeit eine grosse Dynamik. Und mit dem Verkehrskonzept Oase und der angedachten Weiterführung der Limmattalbahn von Killwangen nach Baden kommt es zu vielen spannenden verkehrs- und siedlungstechnischen Diskussionen in Zukunft. Baden hat vieles richtig gemacht in den letzten Jahren. Doch ausruhen auf den Lorbeeren des Wakkerpreises kann sich die Stadt nicht.