«Einstein»

Heiratswillige Badegäste und frivole Priester: In SRF-Sendung stehen heute die Badener Bäder im Fokus

Im SRF-Wissensmagazin «Einstein» steht die Bäderstadt Baden im Fokus. Produzent Simon Joller begleitet die Ausgrabungen im Bäderquartier und erforscht die Geschichten und Geheimnisse des ehemaligen Touristen-Hotspots.

Wo einst deutsche Kaiser, Priester und Päpste badeten, steht heute eine riesige Baustelle. Bevor das geplante neue Thermalbad schön werden kann, hinterlässt es im Bäderquartier mit viel Getöse eine Spur aus Schutt und Asche. Und doch weht plötzlich ein Hauch von Geschichte durch die Betonwüste. Vier in weisse Gewänder gekleidete Personen verweilen vor dem Atrium-Hotel Blume in einem Holzbecken. Die Statisten lassen vor den Augen ihrer Zuschauer gekonnt eine mittelalterliche Szenerie entstehen.

Was in Baden längst vergessen oder zumindest verborgen zu sein schien, wird durch das SRF-Wissensmagazin «Einstein» wieder sichtbar gemacht. Alles dreht sich in der heutigen Folge um die Geheimnisse der Bäderstadt und die laufenden Ausgrabungen. Nichts anderes als eine Reise durch «2000 Jahre Lust und Leiden» wird dem Publikum versprochen.

Verantwortlich für die Sendung zeichnet Simon Joller. Der Redaktor und Produzent wurde von einer Arbeitskollegin auf die Ausgrabungen in Baden aufmerksam gemacht. Mit Andrea Schaer leitet eine ehemalige Schulkollegin der SRF-Angestellten die Bauforschung in den Bädern. Bei seinem ersten Besuch vor Ort zeigte sich Joller schnell begeistert. Sämtliche Kriterien, nach denen Ideen für geplante Sendungen beurteilt werden, wurden erfüllt.

Nie verläuft die Zeit linear, alles vermischt sich

«Wir prüfen stets, ob das Thema für den Zuschauer von Interesse ist, ob der Schauplatz geeignet ist und die Protagonisten authentisch, kompetent und nicht allzu kamerascheu sind. Schaer ist eine offene und authentische Person, bringt das Thema gut rüber», sagt Joller.

So kam es, dass gleich nach den Weihnachtsferien mit den Dreharbeiten gestartet wurde. Die gefilmten Ausgrabungen werden durch diverse Nebengeschichten ergänzt. Mit einem Geologen geht der ehemalige Architekturstudent Joller dem Ursprung des warmen Thermalwassers nach, im Historischen Museum ist er der Popularität des ehemaligen Kurorts auf der Spur. Denkmalpfleger schildern ihre Sicht der Dinge, ein Gespräch mit dem Architekten Mario Botta zeigt wiederum das neuste Kapitel in der Geschichte des Bäderquartiers auf.

Mal wird der Zuschauer in die Vergangenheit geschickt, mal in die Zukunft. Nie verläuft die Zeit linear, alles vermischt sich hier in Baden. Anders war es noch nie. Die alten Gasthöfe im Bäderquartier weisen selten eine logische Baugeschichte auf. Römisches Mauerwerk wurde mit mittelalterliche Steinmauern vermengt, diese wiederum mit neueren Tonplatten.

Die alten Bäder werden visuell wieder zum Leben erweckt

Auch heute wiederholt sich dieses Spiel. Ersichtlich wird das dann, wenn Botta vor der Kamera erklärt, wie er die historischen Substanzen in seinen modernen Betonbau integriert. Wenn alte Schätze, wie ein mittelalterliches Becken, in neuer Form weiterleben können. Es erstaunt kaum, dass Schaer, eigentlich auf der Suche nach mittelalterlichen Bädern, im Hotel Ochsen plötzlich auf Überreste aus der römischen Zeit stiess.

«Plötzlich hat sie ganz aufgeregt angerufen und erzählt, dass sie römische Mauern gefunden habe. Sofort haben wir unsere Kamera geschnappt und sind nach Baden gefahren. Während wir gedreht haben, wurden weitere Mauern entdeckt. Alle waren total aus dem Häuschen», sagt Joller.

Das Zentrum der römischen Thermenanlage, das lange Zeit verschwunden geblieben war, bleibt nicht das einzige Highlight. Mit einem Historiker wühlte sich Joller durch die Geheimnisse der Bäderstadt. Das Stadtarchiv wurde durchforstet, mit «Ikonaut», einer Brugger Firma mit Spezialisierung auf wissenschaftliche Illustrationen und 3D-Visualisierungen, wurden die alten Bäder wieder zum Leben erweckt. Drei Monate lange arbeitete Joller an der Sendung, wurde dabei abwechselnd von einem Dutzend Kollegen, vom Drohnenpiloten bis zur Sprecherin, unterstützt.

Die Geschichte wird stets weitergeschrieben

«Das Tolle ist, dass wir über eine relativ lange Zeit dabei sein konnten, innerhalb von zwei Monaten immer wieder vor Ort waren. Es ist fast schon ein Dokumentarfilm entstanden, keine rein analytische Wissenschaftssendung», sagt Joller. Manchmal hört man Schaer fluchen, dann wieder in Jubelschreie ausbrechen.

Der Zuschauer ist hautnah dran an der archäologischen Arbeit, aber auch von sich an Jungfrauen ergötzenden Priestern und heiratswilligen Badegästen. Was über den Bildschirm flimmert, ist lebendige Forschungsarbeit. Auch für Joller waren die Dreharbeiten ein Abenteuer. Immer wieder musste er auf neue Ereignisse reagieren.

Vor Ort wurden er und sein Team nicht selten auf die Anfang März beendeten Dreharbeiten angesprochen. «In einer Grossstadt läuft es oft anonymer ab. Hier aber sind die Leute sehr interessiert, sie leben das Baden noch immer ‑ oder zumindest wieder. Es ist viel Herzblut und Begeisterung vorhanden», sagt Joller.  Letztlich dreht sich alles um die Tradition, die mit viel Leidenschaft erhalten wird. Die Geschichte wird in Baden weitergeschrieben. Heute Abend mit der neusten «Einstein»-Folge, in einem Jahr mit der Eröffnung des Thermalbads. Dass sie nicht immer linear verläuft, stört da kaum.

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