Baden

Heute arbeite ich mit Fremden: Coworking Spaces eröffnen in der Stadt

Immer mehr Unternehmen in der Stadt teilen ihre Büroräumlichkeiten mit anderen Firmen. Doch wird das Angebot an Coworking Spaces überhaupt genutzt?

«Plötzlich fangen wir an, unsere Kaffeetassen, unsere Bildschirme, unsere Toilette mit fremden Personen zu teilen. Wenn ich diesen Tisch nicht benötige, warum soll nicht jemand anderes ihn benutzen?» Tobias Gläser sitzt am Tisch im Sitzungszimmer seiner Marketingberatungsfirma «Glaswerk».

Das Büro in der Dynamostrasse in Baden liegt im Erdgeschoss, durch die Schaufenster kann man direkt in die Büroräumlichkeiten hineinsehen. Hier arbeiten Gläsers Mitarbeiter – und ab und zu völlig fremde Menschen.

Der Badener erzählt, wie er vor rund drei Jahren beim Besuch im Silicon Valley das erste Mal Coworking Spaces gesehen hat. Arbeitnehmer haben in diesem Konzept keinen eigenen Schreibtisch mehr, sondern mieten sich zeitweise in fertig eingerichtete Büroflächen ein.

Das ist einerseits gerade für Jungunternehmer und Start-up-Firmen kostengünstiger als das Mieten eines eigenen Büros. Andererseits wollen «Coworker» vom Austausch mit neuen, unternehmens- oder gar branchenexternen Menschen profitieren.

Der 38-Jährige war von der Idee begeistert. Da auch bei «Glaswerk» freie Fläche zur Verfügung stand, richtet er bezugsfertige Schreibtische und ein Online-Buchungssystem ein. Auch das Sitzungszimmer darf gemietet werden. Das geht so weit, dass, wenn in seinem Mitarbeiterteam ein Platz frei wird, Gläser diesen per sofort für Coworking zur Verfügung stellt.

Wichtig für diese Arbeitskultur sei das «Mindset», erklärt Gläser: Sowohl die Anbieter als auch die Nutzer von Coworking Spaces seien quasi zu mehr Offenheit gezwungen. Beide Seiten müssten von einem klassischen Besitzverständnis loslassen.

Die Bereitschaft in Baden für Coworking sei seit der Eröffnung von «Glasworking» vor drei Jahren gestiegen. «Während Coworking in urbanen Zentren wie Zürich an einem Sättigungspunkt angelangt ist, wächst es jetzt in Agglomerationen und kleineren Städten wie Baden», sagt Gläser.

Die Nutzung beschränke sich nicht mehr auf die «hippe Szene», sondern steht vor der Etablierung in die herkömmliche Arbeitswelt. «Erstaunt bin ich nur immer wieder, dass die Leute Coworking immer noch nicht kennen», so Gläser.

Nachfrage ist noch gering

Das Angebot an Coworking Spaces in Baden wächst. Seit Anfang des Jahres wirbt das «Creative Center» an der Rütistrasse mit Coworking Spaces. «Coworking ist in aller Munde, selbst für eine kleine Stadt wie Baden ist die Nachfrage grösser als gedacht», so Marco Urech.

Das Vorstandsmitglied des «Creative Centers» hat seine freistehenden Einzelbüros zuvor langfristig untergemietet. Die freie Fläche wurde nun für Coworking umfunktioniert.

Zu Urech und Gläser gesellt sich ein drittes, eigens auf Coworking ausgerichtetes Unternehmen: «Office Lab» bezog im Dezember eine seit drei Jahren leer stehende Fläche im Trafo an der Haselstrasse. «Ich biete nichts anderes, als eine grosse Firma, die die Infrastruktur für kleine Firmen zur Verfügung stellt», erklärt Geschäftsführer Roger Krieg.

Sein Unternehmen hat es sich als Ziel gesetzt, zum grössten nationalen Anbieter von Coworking Spaces zu avancieren. Baden ist der sechste Standort von «Office Lab», in Spreitenbach soll bald der nächste entstehen.

Beim Besuch im Trafo an einem Montagmorgen sind nur wenige Macbooks eingeschaltet. Mit Radiomusik im Hintergrund und dem fliessenden Übergang des Arbeitsbereichs in die Küche, erinnert die Einrichtung mehr an ein Café als an ein Büro.

Roger Krieg spricht trotzdem von einem «Business Setting», einer professionellen Umgebung, die für das Arbeiten im Coworking Space wichtig sei.

Der 51-Jährige führt in den Mitgliederbereich. Auf Sofa und Fernseher folgen dort Einzelbürotische im offenen Raum sowie Telefonkabinen und bezugsfertige Büros. Zwei Büros sind belegt, allerdings ist kein «Coworker» anwesend. Insgesamt sind nebst Selbstständigen und Freelancern erst fünf kleine Unternehmen in den 650 Quadratmetern eingemietet.

Dabei will Krieg mit dem Angebot doch hauptsächlich kleinere lokale Unternehmen ansprechen. «Office Lab» prüfe seine Standorte genau und passe das Angebot den lokalen Gegebenheiten an, versichert er.

Aufgrund der Präsenz von ABB, bei der Krieg einst selbst seine Lehre zum Physiklaboranten machte, sei Baden für die Energie- und Hightech-Branche interessant. Sogar die Deko der Räumlichkeiten fügt sich mit Glühbirnen und Strom-Symbolen auf den Wänden der Sitzungszimmer den Bedürfnissen dieser Zielgruppe.

Warum ist dann noch nicht so viel los bei «Office Lab» in Baden? Roger Krieg sagt, dass sich Coworking Spaces erst nach einem halben Jahr füllen und für die Betreiber gar erst im zweiten Geschäftsjahr rentieren würden. «Auch ein leeres Restaurant kann gut sein. Erst wenn es besser besucht wird, kommen mehr Leute.»

In den Standort zeigt der 51-Jährige derweil volles Vertrauen: Der Mietvertrag läuft für zehn Jahre. Sollte die Fläche irgendwann voll sein, könne er sich die Erschliessung weiterer Coworking Spaces in Baden vorstellen.

Standortmarketing sieht Chancen

Freude über die Zunahme an Coworking Spaces in Baden äussert auch Thomas Lütolf, Leiter des städtischen Standortmarketings. Durch Coworking entstehe für Unternehmen die Möglichkeit, dass sie Baden kennenlernen und «ausprobieren» können.

Die Hoffnung ruht darin, dass dies einen Anreiz für Firmenansiedelungen schafft. Eine weitere Chance: «Wer für Coworking nach Baden kommt, lernt die Stadt nicht nur zum Arbeiten kennen, sondern auch als Begegnungsort. Davon profitieren beispielsweise die Restaurants und der Detailhandel.»

Lütolf bestätigt, dass es weitere Interessenten für die Eröffnung von Coworking Spaces in Baden gibt. «Die Nachfrage für Coworking ist mit dem aktuellen Angebot kaum gesättigt. In den kommenden Monaten können neue Angebote entstehen.»

Trotz des sich ausbreitenden Angebots sieht Roger Krieg im Coworking keine ernsthafte Konkurrenz zur «klassischen Arbeitskultur»: «In New York liegt der Coworking-Anteil an der Gesamtarbeitsfläche bei 25 Prozent, aber das sind Ausnahmemärkte. In der Schweiz bedienen wir momentan 0,2 Prozent. Es wird definitiv weiterwachsen, fünf Prozent halte ich für realistisch.»

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