Gestern Dienstag war wieder Grossratssitzung in Aarau. Mit dabei waren die jungen Lea Schmidmeister (31) und Florian Vock (25) aus Wettingen respektive Baden. Sie sind frisch nachgerückt für die beiden zurückgetretenen SP-Grossräte aus der Region, Marie-Louise Nussbaumer (61) und Martin Christen (66).

Schmidmeister ist Jugendarbeiterin und sitzt seit drei Jahren für die SP im Wettinger Einwohnerrat. Vock absolviert gerade ein Masterstudium in Soziologie und war als ehemaliger Juso-Aargau-Präsident immer wieder in den Medien präsent.

Lea Schmidmeister, Florian Vock – gleich vorweg: Wie sehen Sie die erlittene SP-Wahlschlappe bei den nationalen Wahlen?

Lea Schmidmeister: Ich bin nach wie vor bedrückt, obwohl einzelne Kadidaten wie auch die Juso grandios abgeschnitten haben.

Florian Vock: Das Resultat enttäuscht und spornt an: Wir müssen gerade im Aargau laut und deutlich die fortschrittlichen und weltoffenen Anliegen vertreten.

Im Grossen Rat bleiben die Kräfteverhältnisse bis zu den Wahlen im nächsten Jahr gleich. Indem, dass Sie Ihre beiden Ü-60-Parteikollegen ersetzen, wird der Rat aber immerhin etwas jünger.

Vock: Mit 25 Jahren bin ich auch nicht mehr besonders jung: Die Folgen von politischen Entscheiden sind oft langfristig und betreffen insbesondere meine Generation: Im Grossen Rat aber sind gerade mal fünf Ratsmitglieder unter dreissig Jahre alt.

Wie haben Sie Ihren ersten Tag im Rat erlebt? Werden Sie als Junge ernst genommen?

Vock: Durchaus. Wir hatten eine würdevolle Inpflichtnahme. Danach brachte die SVP ihre Vorstösse – da war es mit der Würde im Rat wieder vorbei.

Warum?

Vock: Bei einem behandelten Geschäft etwa ging es um die Veränderung der Grundbuchsteuer. Durch diese mögliche Steuererleichterung für Reiche könnten dem Kanton künftig 36 Millionen Franken für Bildung, Kultur oder Gesundheit fehlen. Als die SVP dann aber mittels einer Standesinitiative die Grenzkontrollen wieder einführen wollte, da war es nur noch peinlich. Die respektlosen Voten, die gefallen sind – das war der Tiefpunkt.

In Ihrem Facebook-Profil publizieren Sie, Florian Vock, jeweils eine Zusammenfassung der Sitzungsbeschlüsse. Warum?

Vock: Im Grossen Rat werden wichtige Sachen beschlossen, die die Bevölkerung direkt betreffen. Wir als Parlamentarier haben die Verantwortung, diese Dinge breit publik zu machen.

Warum sind Sie überhaupt in die Politik eingestiegen?

Schmidmeister: Weil es so viel Ungerechtigkeit gibt. Dagegen will ich mich einsetzen.

Vock: Bei der 1:12-Initiative habe ich mich zum ersten Mal intensiv engagiert, damals wurde auch die Fremdenfeindlichkeit immer lauter. Dabei ist das drängende Problem im Land doch eben die grosse Ungleichheit, nicht die Migration. Ich wollte mich deshalb für eine Sache einsetzen, die Gerechtigkeit schafft.

Ist bei Ihnen bereits zu Hause in der Familie politisiert worden?

Schmidmeister: Mein Grossvater, der von Italien immigriert ist, war in der Gewerkschaft aktiv und half immer den anderen italienischen Einwanderern. Er und meine Grossmutter – eine emanzipierte und selbstbewusste Frau – haben mich sehr inspiriert.

In welchen Verhältnissen sind Sie aufgewachsen?

Vock: Ich wuchs in Gebenstorf auf in einem offenen, bürgerlichen Umfeld und einem wunderbaren Quartier. Das war ein grosses Privileg und machte mir gleichzeitig bewusst, wie zufällig das Leben ist: Ich hätte auch in Syrien oder in Armut aufwachsen können.

Schmidmeister: Meine Eltern waren sehr jung, als ich auf die Welt kam, und hatten noch nicht viel Erspartes. Weil meine Mutter etwas mehr verdiente, ging sie arbeiten, und mein Vater regelte die Familien- und Hausarbeit. Ich habe gesehen, wie schwierig es für ihn war, danach wieder in die Berufswelt einzusteigen. Dass ausreichende Tagesstrukturen noch heute fehlen, ist für mich unverständlich. Es kann auch nicht sein, dass Kinder ein Armutsrisiko darstellen.

War es schon immer Ihr Traum, einmal in einem Parlament zu sitzen?

Vock: Nein. Wir sind beide Kinder des politischen Aktivismus. Ein Parlamentsmandat ist für uns zwar eine wichtige und schöne Aufgabe, aber auch nur ein Teil der politischen Arbeit, die wir machen.

Was haben Sie vor in diesem Jahr als Mitglieder des Grossen Rates?

Schmidmeister: Ich will sicher einen Fokus setzen auf die Jugendpolitik, denn das ist mein Berufsfeld. Sparprogramme, die genau bei der Bildung ansetzen, will ich verhindern.

Vock: Etwas Kleines, das ich erreichen will, ist die Abschaffung des Tanzverbots vor christlichen Feiertagen.

Zu einem aktuellen Thema: Wie steht es mit dem Flüchtlingsproblem im Kanton Aargau?

Schmidmeister: Der Aargau hat kein Flüchtlingsproblem. Da wird einfach nur Angst geschürt.

Vock: Der Aargau hat die Ressourcen und Möglichkeiten, die Flüchtlingsströme zu bewältigen.

Sie sagen, es werde Angst geschürt. Können Sie nicht nachvollziehen, wenn etwa ein 500-Seelen-Dorf wie Bettwil keine 140 Asylanten aufnehmen will?

Vock: Nein, dafür habe ich kein Verständnis. Migration ist für mich eine gesellschaftliche Bereicherung. Als eines der reichsten Länder der Welt haben wir eine moralische Verantwortung, denn wir tragen auch eine Mitverantwortung für die Armut auf der Welt. Davor kann man nicht die Augen verschliessen, und man kann es auch nicht verleugnen, denn Fakt ist: Wir sind der fünftgrösste Pro-Kopf-Exporteur von Kriegsmaterial und beheimaten Rohstofffirmen, die für viel Elend auf der Welt verantwortlich sind.

Woher stammt denn diese Skepsis gegenüber Flüchtlingen in der Bevölkerung?

Schmidmeister: Ich sehe eher das Gegenteil. Ich gebe freiwillig Deutschunterricht für Flüchtlinge. Seit der letzten Flüchtlingswelle werden wir von Mails überhäuft von Menschen aus der Region, die helfen wollen.

Vock: An den letzten Wahlpodien mit Schülerinnen und Schülern habe ich kaum Skepsis erlebt, sondern eine klare Überzeugung, dass wir helfen müssen. Wenn man der Gesellschaft direkt zuhört und nicht dem Medienhype, dann tönt das ganz anders.

Sie sind jung und links. Glauben Sie denn immer noch an den gescheiterten Sozialismus?

Vock: Die Ideen des demokratischen Sozialismus stellen Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität ins Zentrum. Demgegenüber stehen Isolation, Ungleichheit und Ausbeutung. Unsere Werte sind also sehr aktuell. Mit Diktaturen aus vergangenen Jahrzehnten hat das nichts zu tun.

Den Linken haftet das Bild an, nichts von Wirtschaft zu verstehen und nichts für die KMU zu tun. Interessiert sich die Linke denn überhaupt für Wirtschaft?

Vock: Das kann man der SP schon vorwerfen. Bei den rechten Parteien dominieren betriebswirtschaftliche Prinzipien. Volkswirtschaftlich aber – und das ist das, was mich als Politiker interessiert – sollte der nachhaltige Konsum der breiten Bevölkerung im Zentrum stehen. Den Konsum stärken wir mit anständigen Löhnen für die arbeitende Bevölkerung und Investitionen in die Zukunft, zum Beispiel die Energiewende. Diese langfristige Perspektive vermisse ich bei den bürgerlichen Parteien.

Schmidmeister: Ich habe den Beruf der Detailhandelsfachfrau gelernt und kenne die Realität von KMU. Statt nur von Steuern zu reden, könnte ein Augenmerk auf die überteuerten Mietpreise gelegt werden.

Woher soll das Geld für höhere Löhne kommen?

Vock: Das Geld ist in der Hand von ein paar wenigen. Wir haben im Aargau zwei Steuergesetzrevisionen hinter uns, die den Staatshaushalt ruiniert haben. Der Aargau hat heute kein Ausgabenproblem, sondern ein Einnahmendefizit. Das ist ein hausgemachtes Problem, das nichts mit Frankenstärke oder Weltwirtschaftskrise zu tun hat.

Schmidmeister: Und wenn man dann die Steuern für alle erhöht, ist das unfair.

Man kann auch argumentieren, dass Reiche ihr Geld wieder in die Wirtschaft investieren.

Vock: Bei diesen ganz hohen Vermögen fliesst das Geld in die Finanzmärkte, wo es vor allem Schaden anrichtet. Es ist nicht nur ungerecht, wenn einige wenige so viel Geld besitzen, sondern auch volkswirtschaftlich gefährlich. Wenn aber alle im Land genug Geld haben, um sich ein würdiges Leben zu finanzieren, dann wird dies auch das Gewerbe positiv spüren.

Warum scheinen die Bürgerlichen den Linken die sozialen Themen überlassen zu haben, etwa die Rechte der Homosexuellen?

Vock: Weil die Linken die Einzigen sind, die sich um die Rechte aller Menschen kümmern, ohne gleich mit Scheuklappen und komischen Moralvorstellungen alles zu vorverurteilen.

Trifft Sie das, wenn in Onlinekommentaren jeweils über die «linken netten Gutmenschen» gelästert wird?

Schmidmeister: Nein. Von mir aus bin ich ein «Gutmensch». Ich will Gerechtigkeit schaffen, denke sehr sozial, stehe ein für diejenigen, denen es nicht so gut geht und übernehme Verantwortung.