Baden
Hier diskutiert Wermuth mit Starjournalist Seibt über Medien

Demokratie ohne Zeitung – für die einen unvorstellbar, andere tendieren schon jetzt zum Onlinekonsum von News. Die SP Baden lud zu einer Diskussionsrunde zu diesem Thema.

Patrick Hersiczky
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Cédric Wermuth (l.) und Constantin Seibt in der UnvermeidBar. Spichale

Cédric Wermuth (l.) und Constantin Seibt in der UnvermeidBar. Spichale

Alex Spichale

Man wähnte sich am vergangenen Mittwoch in einem englischen Debattierklub des 19. Jahrhunderts. In der UnvermeidBar diskutierten aber vorwiegend junge Leute über Online-Medien, Gratiszeitungen und Social Media. Die SP Baden hatte zu einer Diskussion mit dem preisgekrönten Journalisten Constantin Seibt geladen. Zum Thema «Demokratie ohne Zeitung» konnte er aus 30 Jahren Presse-Erfahrung schöpfen.

Auf die Frage von Moderator Cédric Wermuth, wie der frühere Wochenzeitung-Journalist zum liberalen Tagesanzeiger wechseln konnte, sagte Seibt mit trockenem Humor: «Bei der WOZ bezahlte man nicht nur mit Geld, sondern auch mit Macht. Verbockte man etwas, so hatte man bei der nächsten Sitzung praktisch Redeverbot. Dafür gab es auch weniger Intrigen, weil ich nicht nur Journalist, sondern auch Verleger war.»

Beim Tagesanzeiger dagegen sei man freundlicher zueinander. «Provokationen sind in den Zeitungszeilen verboten», sagte Seibt. Beim Tagesanzeiger führt der in Frankfurt geborene 47-Jährige einen Blog mit dem pessimistischem Titel Deadline, also Abgabetermin. «Ich hatte schon immer Mühe, Texte rechtzeitig abzuliefern.» Im Blog liest man dennoch provokative Thesen wie «Die Gesellschaft ist stark überaltert und Zeitungen sind in der Seniorenunterhaltung führend.» Selbst bezeichnet er sich ironischerweise als Schlagersänger, der zunehmend ein älteres Publikum unterhält. Dass dies durchaus keine leere Aussage ist, bewiesen die Voten aus dem Publikum. Die Jüngeren tendieren vielmehr zu Online- und Gratiskonsum von News, für die ältere Generation gehört dagegen die Zeitung zum Kaffee wie die Butter aufs Brot.

Keine Zeitschrift blieb an diesem Abend verschont. «Die Basler Zeitung (BaZ) ist das Spielzeug eines Milliardärs, die Weltwoche das Sprachrohr des gleichen SVP-Politikers», so Seibt, der selten den Namen Blocher aussprach, diesen aber immer amüsant umschrieb. Mit bissigem Humor erzählte er von den fetten 90er-Jahren, in denen Reiche Jachten und Fussballclubs kauften. Die marode BaZ, die Blocher übernommen hat, sei im 21. Jahrhundert zum neuen Spielzeug der Superreichen geworden. Abschliessend antwortete Seibt einmal mehr trocken auf die Frage, wo er in zehn Jahren stehen wird: «Ich werde immer noch schreiben, ich kann nichts anderes.»

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