Badener Traditionsgeschäfte (4)
Hier gibts seit 111 Jahren Damenwäsche – jetzt suchen die Besitzer einen Nachfolger

Die Inhaberinnen des Wäschegeschäfts Modelin in Baden suchen in diesen Tagen dringend einen Nachfolger.

Samuel Knecht
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Die Familie Neuenschwander eröffnete ihr Wäschegeschäft 1908 am Schlossbergplatz in Baden. 1976 übernahm es die Familie von Büren. Vor der Jahrtausendwende wechselte der Standort.

Die Familie Neuenschwander eröffnete ihr Wäschegeschäft 1908 am Schlossbergplatz in Baden. 1976 übernahm es die Familie von Büren. Vor der Jahrtausendwende wechselte der Standort.

zVg

Blaue Fensterrahmen, dahinter Kleidungsstücke in allen möglichen Farben, die vom Platz aus zu sehen sind. Das Meiste ist Damenunterwäsche. Das Dessous- und Wäschegeschäft Modelin am Cordulaplatz in Baden versorgt seine Kundinnen mit Unterwäsche und Bademode für Damen, zudem bietet das Sortiment auch einen kleineren Teil an Herrenwäsche. Seit mehr als 100 Jahren existiert das Wäscheangebot in Baden. Gewechselt haben in der Zeit die Inhaber und mehrmals auch der Standort.

Im Jahr 1908 eröffnete die Familie Neuenschwander ein Geschäft am Schlossbergplatz, im Gebäude, in dem sich heute die Bäckerei Moser befindet. 60 Jahre später übergab die Eigentümerin Berta Neuenschwander die Geschäftsführung des Ladens altersbedingt an das Ehepaar von Büren. Die mittlerweile 87-jährige Annelies und ihr verstorbener Mann Eugen von Büren führten zuvor ein Wäschegeschäft im Zürcher Oberland. Zur Geschäftsführung der Neuenschwander AG in Baden kamen sie durch einen gemeinsamen Buchhalter, so Annelies von Büren: «Er fragte, ob wir das Wäschegeschäft am Schlossbergplatz weiterführen wollten, da Berta Neuenschwander altersbedingt aufhörte.»

Annelies (l.) und Tochter Sibylle von Büren führen Modelin seit sechs Jahren am Cordulaplatz 8.

Annelies (l.) und Tochter Sibylle von Büren führen Modelin seit sechs Jahren am Cordulaplatz 8.

Alex Spichale

Im Jahr 1976 übernahmen die von Bürens die Neuenschwander AG komplett und änderten den Namen auf Modelin. Diesen habe ihr Mann Eugen aus den Worten Mode und Linie kreiert: «Mein Mann suchte einen Namen, der in mehreren Sprachen verstanden wird, auch in Französisch oder Italienisch.» Während Annelies von Büren für den Verkauf zuständig war, erledigte Eugen im Hintergrund die Planung. Zudem entwickelte er Kleiderständer und andere Einrichtungsgegenstände für den Laden. Fünf Jahre vor der Jahrtausendwende trat Tochter Sibylle nach dem Tod ihres Vaters Eugen zur Unterstützung ihrer Mutter in den Familienbetrieb ein. Sibylle von Büren arbeitete zuvor im Textileinkauf, musste die Tätigkeit nach einem Zwischenfall aber aufgeben, wie sie erzählt: «Für eine Fernostreise nahm ich Medikamente, um Malaria vorzubeugen. Ich trug verbrannte Haut und ein bis heute leicht entstelltes Auge davon.»

Im Zeitalter des Onlinehandels haben es Detaillisten schwer. In einer vierteiligen Serie stellen wir vor, wie Badener Familienbetriebe gegen das Ladensterben ankämpfen. Hier finden Sie weitere Artikel zum Thema.

Umzüge und ungewisse Zukunft

Fortan unterstützte Sibylle ihre Mutter Annelies im Wäscheladen Modelin am Schlossbergplatz, bis Eigentümerin Berta Neuenschwander die Liegenschaft 1999 an Moser verkaufte. So startete eine Serie von Standortwechseln, sagt Sibylle von Büren: «Die Umzüge waren teils wirtschaftlich bedingt. Es waren aber auch Standorte dabei, wo die Räumlichkeit oder der Ort nicht ideal für unser Geschäft waren.» Am Theaterplatz 1 war der Laden beispielsweise zweistöckig, was sich für ältere Kunden schlecht eignete. Vor sechs Jahren bezogen die von Bürens schliesslich den aktuellen Standort am Cordulaplatz 8. Sibylle von Büren hat damals die Geschäftsführung von ihrer Mutter Annelies übernommen. Verändert hat sich aber nicht nur die Führungssituation, auch wirtschaftlich steht Modelin heute anders da. Die Erneuerung des Schulhausplatzes während der letzten drei Jahre brachte Schwierigkeiten, sagt Sibylle von Büren: «In den Zahlen kann man die finanziellen Einbussen direkt erkennen.» Auch mögliche Neuerungen seien eher ein Dorn im Auge: «Eine busfreie Weite Gasse wäre für uns schlecht. Durch die nahe Bushaltestelle ist unser Geschäft bisher sehr gut erschlossen.»

Trotz Bemühungen, ihre Kundschaft individuell zu betreuen, gibt Sibylle von Büren zu verstehen, dass Modelin vor einer ungewissen Zukunft steht: «Wir suchen jetzt eine Nachfolgelösung für das Geschäft. Ich arbeite seit März Teilzeit wieder im Textileinkauf, und meine Mutter ist schon länger im Pensionsalter.» In den nächsten Tagen entscheiden die von Bürens, ob es Modelin nach 111 Jahren weiter geben wird.