Baden
Hier knallen keine Korken

Seit 40 Jahren treffen sich «Anonyme Alkoholiker» im Badener Chorherrenhaus. Hier können sie sich in einer geschützten Atmosphäre austauschen und den Weg aus der Sucht finden.

Elia Diehl
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Unauffällig, aber stets offen: Ein kleines Schild an der Türe zum «Chorherrenhaus» am Kirchplatz informiert über das Treffen der Anonymen Alkoholiker.

Unauffällig, aber stets offen: Ein kleines Schild an der Türe zum «Chorherrenhaus» am Kirchplatz informiert über das Treffen der Anonymen Alkoholiker.

Elia Diehl

Es ist ein rundes Jubiläum. Doch eine Feier gibt es nicht. Kein Feuerwerk. Keine Partyband und keine ausschweifenden Jubiläumsreden. Knallende Champagner-Korken schon gar nicht. Nein, es geht alles so weiter wie bisher; wie jeden Donnerstag um 20 Uhr, im zweiten Stock des «Chorherrenhauses», Zimmer 7. Auf dem kleinen unscheinbaren Schild, das an der Türe zum Badener Kirchplatz hängt, steht «Meeting».

Darüber ein blaues Logo mit zwei Buchstaben: AA. Seit nunmehr vier Jahrzenten treffen sich hier wöchentlich die «Anonymen Alkoholiker» (AA). Statt langjähriger Jubiläen feiern sie jeweils nur ihre letzten, trockenen 24 Stunden.

«Ich bin Alkoholiker»

Die Tische im schlichten Raum sind zu einem Quadrat zusammengestellt. In der Mitte brennt eine einzelne Kerze. An der sonst kahlen Wand hängen zwei Plakate: die 12 Schritte und die 12 Traditionen der AA. Es sind die Leitsätze der Selbsthilfegruppe. Der grundlegendste der «Anonymen Alkoholiker» steht auf einem kleinen Schild dazwischen: «Wen Du hier siehst, was Du hier hörst – wenn Du gehst, bitte lass es hier!»

Kurz vor 20 Uhr. Acht Teilnehmer sind da. Menschen, wie man sie jeden Tag auf der Strasse, im Büro, im Zug oder an der Ladenkasse sieht. Die Atmosphäre ist irritierend gelöst, eine spürbare Zufriedenheit erfüllt den Raum. Man duzt sich, lacht und neckt sich, wenn der Vorname zum bekannten Gesicht nicht mehr einfallen will.

Als die Glocke der Stadtkirche zur vollen Stunde schlägt, wird es still. Sepp eröffnet das Treffen immer pünktlich. Seit über 30 Jahren ist er trocken und ebenso lang bei den AA – jeden Donnerstagabend. «Es ist wie Sport. Will man gut sein, muss man regelmässig trainieren», lautet Sepps Motto. Traditionell wird zu Beginn die Präambel vorgelesen. Sie erklärt, was die AA sind, wollen, tun und vor allem nicht tun.

Es spreche stets nur jemand, betont Sepp, unterbrochen werde nicht, man höre einfach zu, bis man an der Reihe sei – sofern man überhaupt sprechen möchte. «Und niemand nennt einen anderen Alkoholiker», das müsse jeder selbst herausfinden und über sich sagen. «Wir reden hier nur von uns selbst und vom Alkohol.»

Was strukturiert beginnt, wird schlagartig ungezwungen. Kein Skript, kein Konzept, das durch das Treffen führt. Die Teilnehmer erzählen frei, was sie ganz persönlich beschäftigt: über die Zeit des Alkoholtrinkens; über ein Leben voller Selbstbetrug und Heuchelei; über das erste AA-Treffen; über das heutige Leben; über die Krankheit und Nüchternheit.

Trocken, aber nicht nüchtern

«Paul. Ich bin Alkoholiker und ich bleibe es.» Ein fast klischierter Satz, der vielen aus amerikanischen Filmen bekannt ist. Drei simple Worte, aber grosse Bedeutung: Akzeptanz. Nachdem Paul zwei Jahre trocken war, glaubte er noch, er sei geheilt. Einer aus der Gruppe sagte, dann könne er ja nachher noch eins trinken gehen. «Spinnst du?» – Pauls Reaktion war ein Wendepunkt. «Obwohl er selbst nicht vom Alkohol loskam, lehrte er mich, zu akzeptieren, dass ich eine Krankheit habe.» In der Runde wird still genickt.

Ohne AA wäre er schon tot – «regelrecht am Alkohol verreckt wie meine zwei Brüder». Aber auch Frau und Kinder hielten stets zu ihm – zu seinem Erstaunen. «So ein gewalttätiges Arschloch, wie ich es war, hätte ich nicht gewollt», gibt er zu. «Ich versuche, wieder ein normaler Mensch zu sein, was mir auch teilweise gelungen ist.» Viele 24 Stunden hat er nicht mehr getrunken – 37 Jahre. «Aber nüchtern, das bin ich nicht.»

Paul begründet es mit einem Gedanken, der kürzlich nach dem Tod seiner Frau in ihm keimte: «Jetzt eine Gongnac-Flasche.» Das sei kein nüchternes Denken. «Ich habe geschlossen», sagt er trocken. Und wie um die Stimmung etwas aufzuheitern fügt er an: «Bei AA darf man über alles reden, aber bloss nicht über zehn Minuten.»

Heuchlerisches Versteckspiel

Dass bei ihr etwas nicht stimmte, wusste auch Christine: «Aber es ging mir gut, ja besser, wenn ich trank.» Sie erzählt von Selbstmitleid und verkaterten morgendlichen Schuldgefühlen, die sie im Alkohol ertränkte. Das krampfhafte Versteckspiel mit den leeren Flachen oder beim Einkauf – der Alkohol bestimmte den ganzen Tagesablauf. «Kindereien, über die man heute selbst den Kopf schüttelt», sagt auch Kurt, der erst nach mehreren Rückfällen zu den AA fand. Er glaubte lange, kontrolliert trinken zu können – «eine blöde Idee».

In mehreren Therapien habe er nur gelernt, was er schon wusste: Alkohol ist ungesund. «Warum es jetzt hier funktioniert? Ich weiss es nicht, aber es ist so», sagt Kurt lächelnd. «Einen Knall, mit dem alles anders wird, gab es aber nicht.» Auch Christine weiss das, sie nennt es eine Qual: «Der Alkohol war zwar weg, aber sonst hatte sich nicht geändert. Erst bei den AA merkte ich, dass ich an ‹mir› arbeiten muss.»

Vor ihrem ersten Treffen brauchte Christine allerdings noch einen Schnaps, der ihr Mut machte: «Diese fröhliche Gesellschaft stand im krassen Gegensatz zu meinem Elend.» Sepp nickt eifrig. Den Schritt zu den AA verdankt Christine ihrem Sohn, der sich von ihr zurückgezogen und keine Lust mehr auf heuchlerische Weihnachtsfeiern hatte. Nur mit Vorbehalt lud er sie zur Geburtstagfeier ein. «Rieche ich Alkohol, bleibst du draussen.» Christine versuchte es gar nicht, stattdessen ging sie an jenem Abend erstmals ins «Chorherrenhaus», wo sie auch heute noch fast jeden Donnerstag ist.

Nach rund eineinhalb Stunden, vielen individuellen Geschichten und umsomehr Parallelen ist das AA-Treffen vorbei. Zum Abschluss nehmen sich alle an den Händen. Der Gelassenheitsspruch soll Mut und Kraft bis zum nächsten Donnerstag spenden: «Gott, gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

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