Kantonsspital Baden
Hilfe, unser Kind wird operiert

Das Kind hat Schmerzen – und mit dem Kind vielfach auch die Eltern. Diese werden am Kantonsspital Baden während der OP ihres Kindes begleitet – was 2012 begann, ist heute fest verankert.

Elisabeth Feller
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Kleine Patienten und ihre Eltern werden im Kantonsspital Baden gut betreut.

Kleine Patienten und ihre Eltern werden im Kantonsspital Baden gut betreut.

ho/key

Der Fuchs lauert mit seiner Kamera auf das nächste Opfer; ein blaues Fabelwesen mit grünen Hosen und Feuerwehrmütze wartet auf den Einsatz; eine Maus huscht davon – überall befinden sich witzige Figuren an den Gang- und Zimmerwänden der Kinderabteilung im 3. Stock des Kantonsspitals Baden (KSB).

Herzerwärmend ist das, zumal der mit Kugeln und Lametta glitzernde Christbaum dem Ganzen noch die Krone aufsetzt. Dafür hat der kleine Max (Name geändert) aber keine Augen. Der Dreijährige sitzt auf seinem Bett – umgeben von seinen Eltern und dem Pflegepersonal – verzieht das Gesicht und schluchzt auf.

Einen beruhigenden Sirup soll er trinken, denn schon bald wird er mit dem Lift in den ersten Stock fahren: Dorthin, wo er operiert wird. Das ist alles andere als einfach – weder für Max noch für seine Eltern.

Selbst wenn diese versuchen, gelassen zu wirken, sind Anspannung und Sorge fast mit Händen zu greifen. Was passiert mit unserem Kind? Wie lange wird die Operation dauern? An wen können wir uns bei Fragen wenden?

«Ich bin für Sie da», sagt Anna Basler und blickt die Eltern aufmunternd an: «Ich lasse Sie jetzt alleine. Dann können Sie entscheiden, wer von Ihnen Max in den ersten Stock begleiten möchte.» Anna Basler öffnet die Türe und geht rasch hinaus. Sie weiss, wie schwierig eine Situation ist, die sie – als freiwillige Elternbegleiterin – schon oft erlebt hat.

Vor zwei Jahren wurde die Elternbegleitung während der Operation eines Kindes im KSB eingeführt (siehe Box).

Freiwilligenarbeit im Kantonsspital Baden

Am Kantonsspital Baden (KSB) sind seit 1981 Frauen und Männer freiwillig im Einsatz. Unter der Leitung von Cornelia Peter Pieper und Jeannette Bock leisten heute 90 Frauen und 20 Männer jeden Alters pro Jahr rund 6000 Einsatzstunden zugunsten der Patientinnen und Patienten. Was tun diese Freiwilligen? Sie empfangen eintretende Patienten und begleiten sie auf die Pflegestation oder ins Ambulatorium. Sie betreuen Patienten auf Wunsch während ihres Spitalaufenthalts, sie unterhalten, sie spazieren mit ihnen, sie fragen nach Musikwünschen für das hauseigene Wunschkonzert, sie sind mit der fahrbaren Bibliothek unterwegs und sie wachen bei Schwerkranken sowie Sterbenden. Auch begleiten sie Kinder in schwierigen Situationen auf der Pädiatrie. Bei den Wöchnerinnen stehen die Babysitter-Freiwilligen dann zur Verfügung, wenn die Eltern ihr Galadiner geniessen am KSB. Die Elternbegleitung während der Operation eines Kindes lief 2012 als Projekt an, ist nun aber ein festes Angebot des KSB. (sas)

Seit damals wirkt die einstige Primarlehrerin im achtköpfigen Elternbegleitteam mit und das an zwei Montagen pro Monat. Sind Anna Basler – und an diesem Montag – auch ihre Kollegin Ruth Thalmann im Einsatz, beginnt der Arbeitstag beider schon um 7 Uhr.

Woher wissen sie, wie viele Kinder operiert werden? Ganz einfach: Die Elternbegleiterinnen rufen am Freitag die OP-Leitstelle an und fragen, wie viele Kinder auf dem OP-Plan sind und wann der erste Patient operiert wird. «Heute sind es sieben. Doch nicht alle Eltern oder etwa Jugendliche wünschen eine Begleitung», sagt Anna Basler, «und das wird selbstverständlich respektiert.»

Jene aber, die wie Max’ Eltern eine solche wünschen, werden umsichtig und liebevoll betreut, bis zu jenem Moment, in dem sie ihr frisch operiertes Kind im Aufwachraum wieder in die Arme schliessen können. Mitkommen bis in den Vorraum des OP, wo die Anästhesie erfolgt, darf allerdings nur ein Elternteil. «Ich gehe mit dir», sagt die Mutter tröstend zu Max; legt sich kurzerhand ins Bett und hält ihren Sohn ganz fest.

Im ersten Stock angekommen geht alles ganz schnell. Mutter und Begleitperson hüllen sich in eine blaue Schürze und ziehen sich ein Häubchen über. Die Schuhe werden kurz in einen Behälter gehalten und – flugs – stecken sie in hauchdünnem Plastik.

«Hallo Max», wird der kleine Patient im Vorraum freundlich begrüsst. Max weint, als ihm die Narkose verabreicht wird. Ob er wohl noch hören kann, was man ihm sagt: «Du machst das super.»

Als das Kind in den Schlaf sinkt, hat die Mutter Tränen in den Augen. Diese Minuten, weiss Anna Basler, seien für eine Mutter oder einen Vater sehr schwierig: «Die Eltern wissen, dass sie ihr Kind gehen lassen und dem Operationsteam anvertrauen müssen. Sie können im Moment gar nichts mehr tun.» Tröstend legt die Elternbegleiterin ihren Arm ganz leicht auf jenen von Max’ Mutter.

Damit ist vieles gesagt, ohne dass es gesagt werden muss. Genau darin, im heiklen, viel Feingefühl erfordernden Bereich zwischen Nähe und Distanz, liegt die Stärke der Elternbegleitung. Sie ist jederzeit da; sie hilft, die Wartezeit zu überbrücken – auch mit Gesprächen.

Max’ Eltern treffen sich in der Cafeteria; Anna Basler und Ruth Thalmann begegnen sich erneut im dritten Stock. Eine kurze Verständigung: Wer ist jetzt an der Reihe? – Nach zwei Stunden holt Anna Basler Max’ Mutter ab. Alles ist vorbei. Im Aufwachraum wartet Max und klammert sich sofort an seine Mutter. «Ich gehe nicht mehr fort; ich gehe nicht mehr fort.» Die Elternbegleiterin geht rasch hinaus. Diese Momente der Verbundenheit gehören Mutter und Sohn.