BT-Kolumne
«Himmel»-Rettung: Wenn das nur gut geht

Simon Balissat (36) ist in Baden aufgewachsen und lebt in Zürich. Nach über 10-Jähriger Radiokarriere schreibt er seit 2018 für galaxus.ch über Kulinarik. In seiner Kolumne schreibt er über die Rettung des «Himmels» – und wieso er sich mehr erhofft hat.

Simon Balissat
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«Ich bin mir sicher: Es wären auch Betreiber gefunden worden, die den «Himmel» und die zwei Aussenposten «Delise» und «Bijou» nicht nur als Filialen 12 bis 14 sehen", schreibt Kolumnist Simon Balissat.

«Ich bin mir sicher: Es wären auch Betreiber gefunden worden, die den «Himmel» und die zwei Aussenposten «Delise» und «Bijou» nicht nur als Filialen 12 bis 14 sehen", schreibt Kolumnist Simon Balissat.

Alex Spichale

Vor etwas mehr als vier Jahren habe ich an dieser Stelle meine erste Kolumne verfasst und bemängelt, dass die Cafés in Baden diesen Namen nicht verdient haben. Es sollte ein Schuss vor den Bug von «Moser» und «Himmel» sein. Die Zustimmung war damals gross, geändert hat sich nichts.

Dass jetzt plötzlich alle überrascht sind, dass das Traditionshaus «Himmel» Konkurs angemeldet hat, erstaunt mich. Es war eine «selbsterfüllende Prophezeiung». Auch bei treuster Kundschaft darfst du nicht in den 90ern stehen bleiben. Jetzt wurde eine Lösung gefunden, die Rettung ist hier. Ende gut, alles gut?

Für den Moment sicher. Die Badenerinnen und Baden können «ihren Himmel» behalten und werden jetzt aus Solidarität für ein paar Monate wieder dort einkehren. Das Eis aber bleibt dünn. Eine dritte Chance gibt es wohl nicht.

Schade: Die Rettung in letzter Sekunde gelang nicht durch junge, innovative Gastronominnen oder Gastronomen. Die Zeit für etwas Neues war zu knapp, das Vertrauen nicht vorhanden. Mit der Bäckerei «Frei» hat ein weiteres «Traditionshaus» aus der Region den «Himmel» übernommen. Ich kenne andere «Frei»-Filialen und befürchte schwer, dass sich wenig ändert.

Vielleicht träume ich zu gross. Vielleicht dichte ich Baden dieses Grossstadtflair an, das wir nicht haben. Ich wünschte mir am «Himmel»-Standort nämlich ein nettes Kaffeehaus, in dem Baristas ihre Arbeit verrichten, die diesen Namen auch verdienen und Kaffee würdigen.

In meiner perfekten Café-Welt würde sogar das Brot vor Ort produziert und nicht in einer «Top-Produktionsstätte» (Zitat Inhaber Dominik Frei) in Nussbaumen, auch wenn ich dafür etwas tiefer in die Tasche greifen müsste. Das Interieur dürfte auch auf Wiener Kaffeehaus oder Pariser Bistro getrimmt werden und nicht auf evangelisches Gemeindehaus oder Jahrtausendwende-Ikea-Design-Kitsch.

«Miesepeter! Jetzt ist der Himmel gerettet und es ist wieder nicht recht!» schreien jetzt die Kritiker. Gewiss: Ein mittelmässiges Café, das ich nie besuchen werde, ist mir immer noch viel lieber als ein Immobilienmakler, den ich nie besuchen werde. Mir ist es recht, bleibt der «Himmel» ein Café und wird nicht zum Reisebüro oder zum Handygeschäft umgebaut. Baden hätte aber ein zeitgemässes Café in der Innenstadt verdient.

Ich bin mir sicher: Es wären auch Betreiber gefunden worden, die den «Himmel» und die zwei Aussenposten «Delise» und «Bijou» nicht nur als Filialen 12 bis 14 sehen. Aber wer Geld hat und in der Region verankert ist, der malt zuerst und die Zeit hat offenbar gedrängt.

Vor vier Jahren habe ich geschrieben, der «Himmel» sei höchstens ein Fegefeuer. Das passt ganz gut zu unserer Stadt: Fegefeuer. Baden ist nicht die Grossstadt, die man doch so gerne sein will, aber auch nicht das Aargauer Kaff, als das viele Auswärtige Baden wahrnehmen. Da passen die Wirrungen um den «Himmel» ganz gut hinein.

Café "Himmel" in Baden (Stand: 11. Februar 2019)
17 Bilder
Blick in die «Himmel»-Confisserie in Baden: Im Bild der neue Inhaber Dominik Frei – die nächsten Bilder erzählen die Geschichte vom drohenden Aus bis zur Rettung.
Das Café «Himmel» beim Badener Bahnhofplatz war am 1. Februar 2019 – an diesem Tag melden Badener Tagblatt/Aargauer Zeitung, dass das Traditionscafé vor dem Aus steht.
Betroffen davon wären auch die beiden anderen Filialen gewesen, sprich das "Delise" im Badener Langhaus ...
... sowie das "Bijou" in Wettingen.
Der Schock in Baden sitzt tief, denn der "Himmel" gehört seit rund 180 Jahren zu Baden. So wie das «Sacher» in Wien oder der «Sprüngli» in Zürich handelt es sich seit Generationen um einen der wichtigsten gesellschaftlichen Treffpunkte in der Stadt.
«Ich war geschockt», sagte diese Frau, die als Gast im Café Himmel ist, zum drohenden Konkurs. So denken viele in und um Baden.
Café "Himmel": Wenige Tage vor dem vermeintlichen Aus sind die Vitrinen im Laden am Bahnhofplatz gut gefüllt mit Torten, Butterzöpfen und Patisserie.
Doch am Samstag, 9. Februar 2019, meldet die "Schweiz am Wochenende", dass die Geschichte des «Himmel» weiter geht.
Die Bäckerei Konditorei Frei AG mit Hauptsitz in Obersiggenthal übernimmt den "Himmel". Der neue «Himmel»-Besitzer Dominik Frei: «Der ‹Himmel› ist Kult, er gehört zu Baden wie der Stadtturm.»
Es folgen Impressionen vom Café Himmel, aufgenommen am 6. Februar 2019, als der Konkurs immer näher rückte, ...
... die Mitarbeitenden aber weiter ihre Arbeit machten ...
... und viele Leute den Himmel weiterhin aufsuchten, ...
... mit dem Gedanken, dass dies vielleicht der letzte Besuch und der letzte "Himmel"-Café für lange Zeit gewesen sein könnte.

Café "Himmel" in Baden (Stand: 11. Februar 2019)

Daniel Vizentini