Baden
Hinter Fahrlehrerin gedrängelt und gehupt – Richter lässt Milde walten

Die Anzeige einer ihr unbekannten Frau brachte eine 60-jährige Automobilistin vor Gericht. Sie soll angeblich die Fahrlehrerin auf der Strasse bedrängt haben. Der Richter glaubte der Angeklagten.

Rosmarie Mehlin
Drucken
Teilen
Wurde die Fahrlehrerin von der Lenkerin bedrängt? Das Gericht findet es unwahrscheinlich. (Symbolbild)

Wurde die Fahrlehrerin von der Lenkerin bedrängt? Das Gericht findet es unwahrscheinlich. (Symbolbild)

imago

Die 60-jährige Lisbeth (Name geändert) fiel aus allen Wolken, als sie im April letzten Jahres von der Kantonspolizei vorgeladen wurde. Als die Beamten ihr auf dem Posten eröffneten, dass eine Anzeige wegen grober Verkehrsregel-verletzungen gegen sie eingegangen sei, verstand Lisbeth die Welt nicht mehr. Sie war sich absolut keiner Schuld bewusst. Anzeige erstattet hatte Frau T., eine Fahrlehrerin. Es war aber nicht so, dass Lisbeth eine renitente Schülerin von Frau T. gewesen wäre. Lisbeth fährt seit 40 Jahren Auto.

An einem Donnerstagvormittag Ende März letzten Jahres war Lisbeth fröhlich unterwegs von ihrem Wohnort im Züribiet nach Waldshut, «zum poschten und um ein paar schöne Dinge abzuholen». Höchstwahrscheinlich war sie auch in Vorfreude auf ihren kurz bevorstehenden runden Geburtstag.

«Aufgehockt» und gehupt

Nach 8.30 Uhr war sie zwischen Nussbaumen und Würenlingen unterwegs gewesen. Dort – also über mehrere Kilometer hinweg – sei sie mit ihrem Auto mehrfach dicht auf den vor ihr fahrenden Wagen aufgefahren, habe immer wieder die Lichthupe und zweimal auch die Signalhupe betätigt. Solches hatte Frau T. auf dem Posten zu Protokoll gegeben und dabei detailliert geschildert, inwiefern Lisbeth bei den Kreiseln, vor den Rotlichtern und vor einem Fussgängerstreifen wider Recht und Ordnung verstossen habe.

Frau T. hatte in dem vor Lisbeth fahrenden Auto gesessen. Am Steuer neben ihr sass keine Schülerin, sondern Frau M., die ihren osteuropäischen Führerausweis in einen schweizerischen umschreiben lassen wollte und deshalb mit der Lehrerin eine Kontrollfahrt absolvierte.

Entsprechend klebte kein weisses L auf blauem Grund am Wagenheck. Anders als Frau T. hatte Frau M. nur sehr wenig davon mitbekommen, was hinter ihnen geschah. Ihre Aussagen bei der Polizei waren jedenfalls dürftig.

Nachdem Lisbeth im Oktober eine Anklageschrift ins Haus flatterte, war sie am Boden zerstört: Sie sollte mit 120 Tagessätzen à 130 Franken bedingt und 1500 Franken Busse bestraft werden, wo sie doch unschuldig war.

Keine Eile und kein Föhn

Am Donnerstag sass sie mit ihrem Anwalt in Baden vor Einzelrichter Bruno Meyer. Lisbeth arbeitet als Sachbearbeiterin, ist bestens beleumundet, hatte noch nie einen Führerscheinentzug. «Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum Frau T. Anzeige gegen mich erstattet hat. Ich kannte sie ja überhaupt nicht.» Immer wieder schüttelt Lisbeth den Kopf, zuckt die Schultern. Nein, sie sei an jenem Donnerstagmorgen überhaupt nicht in Eile gewesen. Nein, sie leide weder unter dem Föhn noch spüre sie den Vollmond. «Zu hupen und die Lichthupe zu betätigen, ist absolut nicht meine Art», versicherte Lisbeth. Dieser Fall sei, stellte Bruno Meyer fest, rätselhaft: «Es ist ja eher unwahrscheinlich, dass sich eine Lichthupe alle paar hundert Meter von alleine betätigt.»

Lisbeths Anwalt plädierte – klar doch – auf Freispruch, und Richter Meyer erhob den Antrag zum Urteil: «So, wie Frau T. es schilderte, fährt entweder ein klassischer Rowdy oder jemand, der einen ganz schlechten Tag hat. Beides ist bei Lisbeth auszuschliessen. Persönliche Motive von Frau T. oder der Beschuldigten gibt es auch keine. Es bleibt Aussage gegen Aussage.» Daraus folgte der Freispruch nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten».

Aktuelle Nachrichten