Stolz, dass immer mehr Studierende das Weiterbildungsangebot der HFW nutzen. Sutter verkörpert, was er als grossen Trumpf der HFW sieht: den Praxisbezug. Nachdem er fast 20 Jahre im Bildungsbereich gearbeitet hatte, wechselte er um die Jahrtausendwende in die Immobilienbranche. 2003 zog es ihn in die Bildung zurück, er übernahm den Posten des Rektors Weiterbildung. «Ich konnte Erfahrungen in der Privatwirtschaft und im Bereich der öffentlichen Hand sammeln; ein ideales Fundament für meine Funktion.»

Herr Sutter, die HFW feiert dieses Wochenende ihr 25-jähriges Bestehen. Die Gelegenheit, die Schule der Bevölkerung vorzustellen.

Joseph Sutter: Auf jeden Fall! Wir sind die älteste und traditionsreichste HFW im Kanton Aargau; darauf sind wir natürlich stolz.

Die HFW ist die höchste nicht akademische Ausbildung. Welches sind die Vorteile gegenüber einer akademischen Ausbildung, wie sie zum Beispiel an einer Fachhochschule (FH) oder an einer Uni angeboten wird?

Ich will den einen Bildungsweg nicht gegen den anderen ausspielen. Fakt ist erst einmal, dass immer noch viele Menschen die beiden Schulen HFW und FH nicht auseinanderhalten können (lacht). Spass beiseite: Unser grosser Trumpf ist sicher die Praxisnähe und der Praxisbezug. Während dreier Jahre besuchen unsere Studierenden während 12 Stunden pro Woche die Schule und arbeiten daneben noch 80 bis 100 Prozent. Mit anderen Worten, diese Menschen sind keine Theoretiker, sondern stehen voll im Berufsleben.

Ist das mit ein Grund, dass HFW-Absolventen die kleinste Arbeitslosenquote aufweisen?

Nicht nur. Wenn Sie heute an einer Uni oder an einer Fachhochschule studieren, haben Sie viel weniger Druck als bei einer berufsbegleitenden Ausbildung an der HFW. Wer unsere Ausbildung absolviert hat, hat Durchhaltewillen und Ehrgeiz bewiesen und behauptet sich deshalb auch gut auf dem Arbeitsmarkt. In diesem Sinne sind wir eine Kaderschmiede.

Gibt es denn zu viele Akademiker in der Schweiz?

Das kann man so nicht sagen. Aber: Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm beschreibt in seinem Buch «Warum wir so reich sind» eindrücklich, warum Berufsbildung einen so starken Wert hat. Es können und sollen nicht alle Menschen an der Uni studieren. Strahms Buch kommt denn, um es ein wenig pointiert zu sagen, auch zu folgendem Schluss: Je mehr Akademiker desto höher die Arbeitslosenquote. Deshalb halte ich übrigens auch die Diskussion um die zu tiefe Maturitätsquote verfehlt. Aber nochmals: Es braucht beide; den Akademiker und den Praktiker, der zupacken kann.

Sie haben den Praxisbezug betont. Was beinhaltet dieser genau?

Erstens müssen die Studierenden Berufserfahrung mitbringen. Zweitens unterrichten bei uns Dozenten, die voll in der Praxis stehen. Drittens beinhaltet unsere Prüfung eine echte Fallstudie, die sich mit einer realen und aktuellen Problemstellung befasst. Viertens müssen die Studierenden ihre Diplomarbeit in ihrer Firma schreiben. Dadurch entsteht eine Win-win-Situation. Der Studierende hat eine Arbeit verfasst, die auch die Firma weiterbringt.

Wie hoch ist das Durchschnittsalter der HFW-Studierenden?

25 Jahre, Tendenz abnehmend. Diesen Trend stellen wir in der ganzen Berufsausbildung fest. Wenn man früher eine kaufmännische Lehre gemacht hat, hatte man danach 20 Jahre Ruhe. Heute ist der Druck auf dem Arbeitsmarkt so gross, dass sich eine Weiterbildung fast aufdrängt.

Sie sprechen einen Trend an. Was hat sich im Bereich Weiterbildung in den letzten 25 Jahren sonst noch verändert?

Als wir 1986 begonnen hatten, gab es in der Schweiz gerade einmal drei Höhere Kaufmännische Gesamtschulen; die so genannten HKG. 1989 erliess der Bund eine erste Verordnung für eine eidgenössische Anerkennung. 1993 wurden wir durch den Bund eidgenössisch anerkannt. Später kamen die Fachhochschulen auf den Markt, was natürlich zu verschärfter Konkurrenz führte. Eine Konkurrenz, die aber auch ihr Gutes hat. Denn wer sich heute weiterbilden will, dem stehen viel mehr Möglichkeiten offen. So können HFW-Absolventen nach Abschluss ihres Studiums problemlos an eine FH wechseln. Eine Negativentwicklung der letzten 25 Jahre ist die Tatsache, dass der Bund immer mehr reglementiert.

Zum Beispiel?

Die Anforderungen an HFW-Dozenten wurden – im Gegensatz zu den FH-Professoren – massiv verschärft.

Wieso dieser Unterschied?

Das weiss ich nicht. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass Fachhochschulen vom Bund mehr subventioniert werden als die HFW. So zahlt ein FH-Student für die Ausbildung zum Betriebsökonomen rund 750 Franken Semestergebühren, während es bei uns rund 2500 Franken sind.

Das bedeutet aber faktisch, dass sich HFW-Studierende für den Staat eher lohnen. Er muss weniger Subventionen aufwenden und die Chance auf Steuereinnahmen ist erst noch höher, weil HFW-Absolventen eher eine Stelle finden.

Volkswirtschaftlich gesehen, stimmt das.

Wie hoch ist die Durchfallquote an der HFW?

Sehr klein. Ähnlich wie an Hochschulen finden die Austritte vor allem im ersten Studienjahr statt. Doch es betrifft in der Regel nur ein bis zwei Studenten. Im dritten Studienjahr kommen dann in der Regel alle durch.

Unter dem Dach «zB. Zentrum Bildung» wird neben der Weiterbildung auch die Ausbildung für KV- Berufslernende, Detailhandel und Pharma-Assistentinnen angeboten. Wie eng arbeiten die beiden Bereiche zusammen?

Sehr eng. Die Berufslernenden sehen vor Ort, dass es Weiterbildungsangebote gibt. Zudem veranstalten wir jedes Jahr eine so genannte Zukunftsmesse. Hier können sie sich über Weiterbildungsangebote informieren.

Sie sind zugleich Rektor Weiterbildung am «zB. Zentrum Bildung», und auch Studiengangleiter der HFW. Inwiefern unterscheiden sich diese beiden Aufgaben?

Als Rektor trage ich die Gesamtverantwortung über die Weiterbildung. Als Studiengangleiter HFW betreue ich die Ausbildung ganz direkt. Zudem bin ich der Meinung, dass ein Rektor eine Mindestanzahl Lektionen unterrichten sollte, damit er den Puls der Studierenden fühlt und auch Feedback unmittelbar erhält. Als Studiengangleiter weiss ich, was die Studierenden bewegt.