Baden
Höchster Badener: «Ich halte es mit Klitschko und kämpfe mit Worten»

Peter Courvoisier ist als frisch gewählter Einwohnerratspräsident für zwei Jahre auch höchster Badener. Im Interview äussert er sich über die grossen Brocken seiner Amtszeit, sein Talent in der Küche und sein spezielles Hobby.

Roman Huber
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Peter Courvoisier im Kurpark – in «seinem Garten» – wie der neu gewählte Einwohnerratspräsident sagt. Emanuel Freudiger

Peter Courvoisier im Kurpark – in «seinem Garten» – wie der neu gewählte Einwohnerratspräsident sagt. Emanuel Freudiger

usblick auf die Stadt aus seinem Bürofenster im 9. Stock ist schön, für einen Architekten wie Peter Courvoisier geradezu fantastisch. Der 48-jährige FDP-Einwohnerrat, bestätigt es. Irgendwie passt dieser Ort hoch über Baden zu seinem künftigen Amt als höchster Badener.

Herr Courvoisier, höchster Badener für zwei Jahre. Welche Gefühle hat man da?

Peter Courvoisier: Das habe ich mich bislang auch gefragt. Bis gestern ist ja nichts passiert. Erst als ich meine kurze Antrittsrede geschrieben habe, wurde mir erstmals etwas kribbelig.

Kurz und prägnant. Ist das auch Ihr Motto für den Ratsbetrieb?

So sollte es sein. Besser die Voten sind kurz und bündig, dafür hat man Zeit, um zu diskutieren.

Es fällt ja nicht jedem Ratsmitglied leicht, frei zu sprechen.

Oft wird das Schriftdeutsch geschriebene Votum auf Schweizerdeutsch vorgelesen, das tönt dann holprig. Regelmässig kommen ja nur die Fraktionspräsidenten zu Wort. Wer beruflich nicht vor Leuten reden muss, dem fällt es schwerer, an einer Sitzung ein Votum abzugeben.

Sie müssen die Sitzungen leiten, haben aber politisch nichts zu sagen – ausser wenn es zum Stichentscheid käme. Stört Sie das?

Ich wusste, auf was ich mich einlassen würde. Wie es für mich sein wird, kann ich noch nicht sagen. Ich konnte mich ja bei der Bau- und Nutzungsordnung sehr engagieren.

Die Leitbild-Diskussion steht an. Man wird die rot-grüne Handschrift des Stadtrats kennen lernen. Wird es härter im Einwohnerrat?

Ich denke nicht. Es hat ja auch im Einwohnerrat eine leichte Verschiebung nach links gegeben. Eine zunehmende Polarisierung wird es kaum geben. Der Einwohnerrat wird der Sache verpflichtet diskutieren.

Wird dabei das neue politische Links-rechts-Verhältnis im Stadtrat sichtbar?

Womöglich wenn es um die Finanzen geht. Es stehen doch sehr grosse Investitionen bevor, die zwar beschlossen, aber noch nicht realisiert sind. Da mag es keine zusätzlichen Ausgaben gross leiden. Da wird der Einwohnerrat masshalten müssen.

Mit der Schulhausplanung steht der grosse Brocken erst noch bevor.

Das ist so. In den Debatten um die Ausführung wird es sicher um die Trennung von Wünschbarem vom Notwendigen gehen. In den vergangenen Jahren konnten wir uns vieles leisten. Darum sagte der Rat oft Ja.

Bei diesen Entscheiden war die Rechte aber mit von der Partie.

Wir waren der Meinung, dass sich die Stadt etwas gönnen darf. Diese Zeiten sind angesichts der kommenden Projekte wohl vorbei.

Courvoisier ist klar bürgerlich positioniert. Bedenken, dass er angesichts von Stadtratsvorlagen mit links-grüner Färbung nicht neutraler Diskussionsleiter sein könne, hat er keine. «Ich bin von Grund auf liberal und ein Befürworter der Demokratie», sagt Courvoisier. Da hätten alle etwas zu sagen, und am Schluss stimme man ab und füge sich dem Mehrheitsentscheid. Was er als Ratspräsident nicht sagen dürfe, das könne er in der Fraktion oder im Vorstand einbringen, sagt Courvoisier. Und macht klar: «Ich stehe immer zu meiner Meinung, ob ich Ratspräsident bin oder nicht. An einer Sitzung ist es als Präsident einfach nicht opportun, diese zu äussern.»

Vor einem Jahr war Peter Courvoisier auf dem Sprung in den Stadtrat. Im ersten Wahlgang noch knapp vorne, scheiterte er dann im zweiten.

Sind noch Nachwehen von den Stadtratswahlen vorhanden?

Peter Courvoisier: Nein, das Kapitel Wahlen 2013 ist für mich definitiv abgeschlossen.

Sie haben damals erklärt, so oder so politisch weiterzumachen. Auch nach den Präsidialjahren?

Das lasse ich noch offen.

Seit 27 Jahren lebt Peter Courvoisier mit derselben Lebenspartnerin zusammen. Sie hat eine Führungsposition in einer Unternehmung in Solothurn. Sie pendelt nicht täglich hin und her, sondern wohnt unter der Woche in Solothurn. «Wir haben eine Wochenend-Beziehung», sagt er und lacht. Darum habe er unter der Woche seine Abende frei und könne sich solchen Hobbys wie der Politik widmen.

Ist Ihre Partnerin unpolitisch?

Peter Courvoisier: Nein, Sie hat mich in meinem Wahlkampf sehr unterstützt, so haben wir auch über die Politik diskutiert.

Als Stadtrat hätten Sie oft am Wochenende Akten im Stadthaus studieren müssen. Das hätte die Beziehung belastet.

(lacht) ... und gegen ein Stadtratsmandat gesprochen. Zweites Problem wären die Ferien gewesen. Wir haben keine Kinder und nehmen Urlaub ausserhalb der Schulferien. Das hätte sich mit dem Stadtratsbetrieb schlecht vereinbaren lassen.

Wie sind die Fronten zwischen FDP und CVP? Da hat es doch Misstöne gegeben. Ist das bereits ausgestanden?

Man spricht regelmässig miteinander. Sicher muss man der Sache noch etwas Zeit geben und etwas warten. Bei der CVP Baden ist es eben wie bei der CVP Schweiz. Sie ist oft das Zünglein an der Waage.

Und hat schon Mal den Ausschlag nach links ermöglicht.

Das ist so. Wir haben innerhalb der Bürgerlichen aber keine Berührungsängste, wenn auch nicht immer Einigkeit herrscht.

Courvoisiers Blick schweift zwischendurch über die Stadt. Er zeigt auf sein früheres Büro an der Bahnhofstrasse 7. Dort habe er als selbstständiger Architekt gewirkt. Heute ist er nicht mehr als ausführender Architekt tätig. Allein ein Architekturbüro zu führen, sei sehr streng. «Nach 20 Jahren als Architekt habe ich mir Gedanken darüber gemacht, ob ich das weitere 20 Jahre tun will», sagt er. Es habe sich vieles verändert. «Als Einzelkämpfer mit der Flut von neuen und veränderten Vorschriften sich zurechtzufinden, ist aber sehr zeitraubend.»

Courvoisier ist heute Immobilienbewerter und Bauberater beim Hauseigentümerverband. «Immerhin bin ich im az-Hochhaus gut 50 Meter aufgestiegen», sagt er schmunzelnd.

Courvoisier ist in Baden verliebt. Dass Aarau und nicht Baden kürzlich den Wakker-Preis erhalten hat, stört ihn keineswegs. Er hält wenig von Wettbewerben in dieser Form. Baden sei eine Wirtschaftsstadt und eben eher nach Zürich orientiert.

Wo besteht in Baden am meisten Handlungsbedarf?

Peter Courvoisier: In den Bädern. Da muss jetzt der Durchbruch kommen. Wir warten seit langem auf das Baugesuch. Ich hoffe, dass da der Denkmalschutz nicht unnötig Steine in den Weg legt.

Aus Ihrer Sicht müsste der Denkmalschutz Hand bieten.

Der Denkmalschutz hat ein besonderes Gewicht erhalten. Leider ist er heute eine Institution, die in erster Linie konserviert. Früher war der Denkmalschutz bestrebt, Altes und Neues miteinander zu verbinden. Ein Bäderquartier muss leben können.

Courvoisier wohnt mitten im Zentrum, etwas anderes könnte er sich nicht vorstellen. Hier, an der Haselstrasse 7, sei schon seine Mutter aufgewachsen. «Fünf Minuten Gehdistanz zu Läden, Kinos, Kulturstätten und den Garten – den Kurpark – direkt vor dem Haus. Besser und bequemer kann man es nicht haben.»

In der Freizeit kocht Peter Courvoisier gerne. Mit einem Spaghetti-Rezept hatte er im Stadtrats-Wahlkampf bei den Frauen gepunktet. Bei seiner Partnerin tut er es oft mit der Küchenschürze. «Ich koche sehr gerne. Am Freitag bekoche ich meine Lebenspartnerin, wenn sie abends nach Hause kommt.» Skifahren und Schwimmen zählen zu den bevorzugten Tätigkeiten. Und Taekwan-Do – eine koreanische Kampfkunst.

Eine Kampfkunst, die man im Ernstfall anwenden kann?

Peter Courvoisier: Ja, aber der direkte Zweikampf ist nur ein Element. Weitere sind die Selbstverteidigung, ein Schattenboxen, mit bestimmten Bewegungsabläufen gegen einen imaginären Gegner. Trainiert werden Ausdauer, Beweglichkeit, Schnellkraft, Kondition und Konzentration.

Sie könnten bei Tumulten wie im ukrainischen Parlament demzufolge selber einschreiten.

Nein, das würde ich nicht. Ich halte es mit Vitali Klitschko und kämpfe lieber mit Worten.

Die Wochenenden bei Courvoisier gehören der Partnerschaft. «Wenn man nur zwei Tage pro Woche hat, dann ist man gerne miteinander zu Hause, lädt Freunde ein oder geht zu Freunden und geniesst die Musse», sagt Courvoisier. Er hört gerne gute Rockmusik und besucht ab und zu ein Konzert. Er liebäugelt damit, wieder in die Tasten zu greifen, spielte er doch früher Klavier. «Doch dafür braucht es Zeit.»

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