Baden

«Hört zu, oder geht nach draussen»

Am Bluesfestival Baden bringen Johnny Fontane and The Rivals im Hotel Limmathof die Kronleuchter zum Wippen; Morgan Davis bestreitet im Jugendstilsaal des Hotels Blume seine Show im Alleingang - nachdem ihm die Gäste auch endlich zuhörten.

Fast schmächtig wirkt Morgan Davis vor dem opulenten goldumrandeten Spiegel im Jugendstilsaal des Badener Hotels Blume. Er spielt eine Gitarre, die ihn seit 46 Jahren auf Tournee begleitet. Mit «Such a night» startet der Kanadier sein Set und lässt weitere grosse Klassiker aus den 1920ern bis 70ern wie «Bright Lights Big City» und «Love in Vain» zu Gehör kommen. Seine warme und gleichzeitig voluminöse Stimme mit einem leicht blechernen Touch schwebt durch den Saal. Die wimmernden Slidesoli sind hühnerhauterzeugend. Doch das Publikum dankt es ihm anfänglich nicht. Lautstark wird geschwatzt, und Davis hat als Alleinunterhalter mit eher leisen Tönen einen schweren Stand. «Es ist sehr laut hier», sagt er darum nach einigen Songs und bittet die Leute höflich, sich entweder draussen zu unterhalten oder drinnen im Saal der Musik zuzuhören. Das wirkt. Endlich kommt richtige Konzertstimmung auf, die einem Bluesvirtuosen wie Davis gebührt.

Der Mann ist in der Musikszene eine Legende und stand schon mit Altmeistern wie John Lee Hooker, Albert King und Dr. John auf der Bühne. Als Solokünstler veröffentlichte er 10 Alben, das letzte 2017, und wurde mit dem Juno-Award, einer Art kanadischem Grammy ausgezeichnet. Seinen ersten Gig mit Band spielte er 1968 in einem Takeout-Restaurant in Toronto. «Wir bekamen 250 Dollar pro Woche und so viel Fisch und Chips wie wir essen konnten», erinnert er sich. Mit 65 Jahren gab er 102 Konzerte in Folge – es war die längste Tour seines Lebens. «Bluesmusiker gehen nicht in Rente, sie spielen bis sie umfallen. Und genau das ist mein Ziel», liess er einst in einem Interview verlauten. Dass Morgan Davis noch voll im Saft ist, beweist er mit seiner Einmannshow im Hotel Blume.

Bluesfestival Baden

Johnny Fontane and the Rivals spielen im Barocksaal des Limmathofs.

Wechselbad der Gefühle

Szenenwechsel: Der Barocksaal im Limmathof ist in rotes Licht getaucht, und es herrscht Partystimmung. Johnny Fontane and the Rivals lassen ihre hart rockenden, selbstkomponierten Bluesnummern von ihrer CD «Lemme Tell Ya» durch den Saal krachen, und alles tanzt. Die Stimme von Sänger und Gitarrist Tom Marcozzi klingt nach Zigaretten und einer durchzechten Nacht. Am Abend zuvor spielte die Band im Restaurant Hertenstein ihren «Finest Mafia Blues Rock», wie sie ihren Musikstil werbewirksam betitelt. Dahinter steckt nicht mehr und nicht weniger als gut gespielter und eingängiger Bluesrock mit massiven Gitarrensoli und einem soliden Drumgroove, der dem Publikum sofort in die Beine fährt. Die vier Musiker machen aus Bluesstandards wie «Every day I have the blues» und «Crossroads» ihre eigene fetzige Version, zeigen sich in Songs wie «I’m gonna die» aber auch von der tiefgründigen und melancholischen Seite. «Zwischendurch wird auf die Tränendrüsen gedrückt, dann gibt’s wieder was aufs Auge», sagt Marcozzi und fügt hinzu: «Wir wollen Emotionen transportieren und nicht perfekt gespielte Noten.» Und genau das spielt die Band – guten eingängigen Blues. Nicht unverwechselbar, aber energiegeladen und mitreissend. Dabei übertragen sie ihre pure Freude am Musikmachen aufs Publikum, das am Bluesfestival Baden bei den Zugaben kaum noch zu halten ist.

Bluesfestival Baden

Morgan Davis gibt ein Solokonzert im Jugendstilsaal des Hotels Blume.

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