Baden
«Ich bin stolz auf den Wakkerpreis»: Stadtführung eröffnet einen neuen Blick auf die Bäderstadt

Kritik und Nörgeleien zum Trotz: Eine Stadtführung mit Silvia Hochstrasser lässt die prämierte Stadt Baden in einem anderen Licht erscheinen.

Andreas Fahrländer
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Wakkerpreis: Stadtführung Baden
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Neuer Blick auf bekannte Orte: der Bahnhofplatz im Sommerlicht.
Hochstrasser verköstigt die Teilnehmer mit lokalen Leckereien.
Es folgen weitere Bilder des Stadtrundgangs.

Wakkerpreis: Stadtführung Baden

Britta Gut

Das Staunen war gross, als die Stadt Baden im Januar vom Schweizer Heimatschutz den begehrten Wakkerpreis zugesprochen bekam. Während Stadtrat und Behörden jubelten, fragten sich viele Badenerinnen und Badener, ob das Jahr 2020 trotz Grossbaustellen der richtige Zeitpunkt für diese Auszeichnung ist. Und manch einer rieb sich die Augen über die Begründung für den Preis: «Mit klugen Investitionen in öffentliche Freiräume hat die verkehrsgeplagte Zentrumsstadt Lebensqualität zurückgewonnen.»

Wie war das mit dem kahlen Trafoplatz? Mit den sterbenden Linden auf dem Theaterplatz? Mit dem Brown-Boveri-Platz, den es noch gar nicht gibt? Eine, die von Anfang an nicht in den Chor der Kritiker einstimmen wollte, ist Silvia Hochstrasser. Die Ur-Badenerin zeigt auf ihren Stadtführungen normalerweise die schönsten Seiten der Stadt. Auf ihrer Führung «Baden in Ehren», die sich ganz um den Wakkerpreis dreht, zeigt sie jetzt auch verschmähte und unbekannte Plätze und Grünflächen.

Die langfristige Entwicklung der Stadt im Auge

«Ich habe mich sehr gefreut über den Preis und bin stolz darauf», sagt Silvia Hochstrasser, als wir uns – coronakonform mit genügend Abstand – an einem Sommerabend beim plätschernden Brunnen vor dem Velo-Müller am Cordulaplatz treffen. «Die Stadt Baden hat über viele Jahre hinweg nicht resigniert, hat viel in die Aufwertung von Plätzen und Strassen investiert.» Und dies, obwohl es stets zahlreiche Einzelinteressen und immer mehr Verkehr gegeben habe.

«Man muss die langfristige Entwicklung der Stadt im Auge behalten, um zu verstehen, wie die Preisjury den Vorschlag des kantonalen Heimatschutzes bewertete.» Schon der Humanist Michel de Montaigne schwärmte im 16. Jahrhundert von den breiten Strassen und grosszügigen Plätzen der Stadt Baden. Einer der sich das zu Herzen nahm, war der Stadtarchitekt Caspar Joseph Jeuch. Der Sohn eines Bäderhoteliers wirkte nach Studien in München und in Italien ab 1837 in seiner Heimatstadt. Der Kurbetrieb war da gerade im vollen Aufschwung, und Jeuch prägte Baden bald mit seinen Bauten. «Er hatte in Italien die Choleraepidemie erlebt und wollte Luft und Licht in die mittelalterlichen Mauern bringen», erklärt Hochstrasser.

Baden früher und heute

Früher präsentierte sich der Schlossbergplatz wenig attraktiv, «Blinddarm» wurde die unwirtliche Unterführung genannt.
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Auch der neu gestaltete Schlossbergplatz wird als gutes Beispiel städtischer Planung erwähnt.
Wo einst Autos parkierten, flanieren heute Menschen über den Theaterplatz und geniessen die Aussicht auf die Limmat.
Der Theaterplatz: Wo einst Autos parkierten, flanieren heute Menschen über den Platz und geniessen die Aussicht über die Limmat.
Vor der Eröffnung des Trafoplatzes 2003 präsentierte sich dieser trist und grau.
Heute ist er ein Treffpunkt und ein offener Veranstaltungsraum. Im Zuge der weiteren Entwicklungen im Gebiet wird der Trafoplatz in den kommenden Jahren um den benachbarten Brown-Boveri-Platz ergänzt.
Der umfassend neu gestaltete Schulhausplatz (links) wurde im Sommer 2018 eröffnet und ist ein starkes Stück Stadtreparatur. Eine grosszügige unterirdische Passage verbindet seither die Vorstadt wieder mit der Innenstadt, während darüber weiterhin täglich 50'000 Fahrten auf der Kreuzung gezählt werden.
Einst führte kein Weg durch Baden an der Weiten Gasse vorbei. Wo sich früher Autos, Busse und Menschen um den beschränkten Platz stritten, wird heute flaniert, in Cafés gesessen und eingekauft. Dank der Neugestaltung des Schulhausplatzes verschwand seit kurzem auch der regionale Busverkehr aus der Einkaufsstrasse.
Der Kurpark, der sich zwischen Bahnhof und Bäderquartier aufspannt, entstand zur Blütezeit des Kurbetriebes am Ende des 19. Jahrhunderts. Heute ist er ein gepflegter, grosszügiger Erholungsraum mit beachtlichem Baumbestand für die gesamte Bevölkerung. Ein Parkpflegewerk regelt den angemessenen und denkmalpflegerisch korrekten Unterhalt der Anlage.
Der «Alte Stadtfriedhof» stand bei seiner Erstellung 1821 weit abseits des Stadtkerns. Heute liegt er inmitten der wachsenden Wohn- und Arbeitsgebiete. Mit subtilen und feinfühligen Interventionen erhielt die geschützte Gartenanlage 2013 eine neue Bestimmung als ruhiger Erholungsort und Quartierspielplatz.

Früher präsentierte sich der Schlossbergplatz wenig attraktiv, «Blinddarm» wurde die unwirtliche Unterführung genannt.

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Baden, die längste Stadt der Schweiz

Nach Jeuchs Plänen wurde fliessendes Wasser in die Altstadt gebracht, man riss das Mellingertor am Cordulaplatz und das Franzosenhaus am Ende der Weiten Gasse ab, wo fortan der Verkehr durchrollte. Der Kapuzinergraben vor der Stadtmauer wurde zugeschüttet. So entstand erst der heutige Schulhausplatz – der Startschuss für das «moderne Baden».

Dieses moderne Baden erstickte im 20. Jahrhundert beinahe am Verkehr, der mitten durch die Stadt führte. Mit den Bahnschranken am Schulhausplatz entstanden bald die grössten Staus im Land. Baden bekam den Spitznamen «längste Stadt der Schweiz». Auf ihrer Führung zeigt Silvia Hochstrasser anschaulich, wie man das Problem in jahrzehntelanger Arbeit zu lösen versuchte und die Innenstadt wieder weitgehend vom Verkehr befreite. «Baden bekommt jetzt bald eine neue Bau- und Nutzungsordnung», sagt sie. «Der Preis ist wohl auch als Aufmunterung zu verstehen, diesen Weg konsequent weiterzugehen.»

Der Spaziergang führt uns weiter durch die Weite Gasse, die in den letzten Monaten wieder zur pulsierenden Altstadtgasse wurde, zum Schlossbergplatz, wo Hochstrasser die Japanischen Schnurbäume vor dem Manor zeigt. Auch so ein Thema, das in Baden für Spott sorgte: Die Exoten passten nicht hierhin, hiess es. Mittlerweile ist allen klar, dass Stadtbäume auf dem Schlossbergplatz viel Hitze aushalten müssen. Die Linden auf dem Theaterplatz serbeln derweil vor sich hin. Dabei gehen die riesigen Linden und Eichen rund um den Platz herum vergessen, die schon seit Jahrhunderten hier stehen und ganz unbeachtet kühlen Schatten spenden. «Baden hat es vorbildhaft geschafft, seine Naturräume zu vernetzen», sagt Silvia Hochstrasser. «Das Leben hat sich die Stadt zurückerobert.»

Der Rundgang führt am dicht bewaldeten Oelrain vorbei zum Bahnhofplatz, wo der Blick über die Limmat schweift, weiter bis zum alten Stadtfriedhof, der einst weit ausserhalb der Stadt lag und heute als Park mitten im Martinsbergquartier dient. Er ist eines der vielen Beispiele, warum Baden auch für seine Grünräume ausgezeichnet wurde. Selbst alteingesessene Badener gewinnen dank Silvia Hochstrassers enormem Wissen einen ganz neuen, wunderbaren Blick auf ihre Stadt. Am Ende dieses Sommerabends, in den ehemaligen Industriehallen der BBC, wird selbst den ärgsten Kritikern klar: Baden hat den Wakkerpreis verdient.

Baden in Ehren – Wakkerpreis 2020 Mehr Informationen unter www.fuehrungenbaden.ch.

Wakkerpreisgewinner seit 2000

2019: Langenthal BE
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2018: Stiftung «Nova Fundaziun Origen» in Riom GR
2017: Sempach LU
2016: Rheinfelden AG
2015: Bergell GR
2014: Aarau
2013: Sion
2012: Köniz BE
2011: West-Lausanne
2010: Fläsch GR
2009: Yverdon VD
2008: Grenchen SO
2007: Altdorf
2006: Delémont. Im Bild Bürgermeister Gilles Froidevaux.
2005: SBB. Im Bild der damalige SBB-Geschäftsleiter Benedikt Weibel.
2004: Biel BE
2003: Sursee LU
2002: Turgi AG
2001: Uster ZH
2000: Genf

2019: Langenthal BE

Keystone