Badener Biscuitsfabrik

«Ich habe mich ganz einfach durchgefragt»

Hans Peter Schnebli hat sich intensiv mit der Badener Biscuitsfabrik beschäftigt – das Resultat: ein Buch über die Zuckerbäcker. Ein Interview mit dem Autor.

Als Kind war für uns Kappelerhöfler der Lampionumzug zur 1.-August-Feier einer der wichtigen Höhepunkte im Jahr. Dabei interessierte uns weder der Lampionumzug noch die Rede oder das Feuer: es war das Säcklein mit Biscuits, das jedes Kind erhielt. Die Erinnerung an diese Süssigkeiten wurden wach, als das Büchlein «Badener Kräbeli» mit der Geschichte der Biscuitsfabrik Schnebli von Hans Peter Schnebli erschien. Schnebli lässt darin eine interessante Zeit des Badener Wirtschaftslebens auferstehen.

Herr Schnebli, wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über die «Badener Kräbeli» und die Biscuitsfabrik Schnebli zu schreiben?

Hans Peter Schnebli: Bei uns zu Hause gab es eine grosse Schnebli-Blechdose. In ihr bewahrte meine Mutter Biscuits auf, auch solche, die nicht von Schnebli waren. Diese Dose war mein einziger Bezugspunkt zur ehemaligen Zuckerbäckerfamilie. Und obwohl ich weder direkt verwandt noch bekannt bin mit der Familie, stand auf der Dose eben auch mein Familienname. Baden ist der Heimatort unserer Familie.

Was war der Anstoss für Ihre Recherche über die Biscuitsfabrik?

Meine Frau Rosemarie und ich gehen sehr oft auf Brocanten. Wir durchstöbern sie nach Jugendstil-Pettschaften, das ist unsere grosse Sammelleidenschaft. Dabei stiessen wir immer wieder auf Schnebli-Dosen. Meist haben wir solche gekauft, wenn wir sonst keine Trouvaillen fanden. Nachdem so einiges Material mehr oder weniger zufällig zusammengekommen war, wollte ich mehr über die Firma wissen.

Wie sind Sie dann vorgegangen?

Es war «learning by doing». Für mich als Ortsunkundigen war der Einstieg nicht einfach. Ausgehend von den meist kryptischen Hinweisen in der Literatur wie der Geschichte der Stadt Baden von Otto Mittler, den beiden Bildbänden von Walter Scherer, dem Buch «100 Jahre Quartierverein Kappelerhof», dem Inventar der neuen Schweizer Architektur oder den Badener Neujahrsblättern habe ich mich ganz einfach durchgefragt.

Sind Sie dabei auf offene Ohren gestossen?

Die Leute, die ich ansprach, haben mir weitergeholfen, entweder mit Unterlagen oder mit neuen Kontakten. Ich habe immer so lange telefoniert, bis ich eine Auskunftsperson gefunden hatte. Viel Unterstützung und Informationen erhielt ich im Stadtarchiv Baden. Das Internet war weniger ergiebig.

Konnten Sie auf Datensammlungen zurückgreifen?

Es gibt keine systematische Datensammlung, so existiert auch kein Firmenarchiv, was natürlich sehr schade ist. Ich musste alles selber zusammensuchen. Einige private Sammler besitzen jedoch Dokumente und Blechdosen der Firma. Diese zum Beispiel zuhanden des Stadtarchives zusammenzulegen, wäre zwar interessant, halte ich aber für utopisch.

Hatten Sie in dieser Zeit besondere Erlebnisse?

Ja, zur Einstimmung auf die kommenden Recherchen haben meine Frau und ich bei unserem ersten Baden-Besuch ein Spanischbrödli gegessen, es war himmlisch. Und wie beim Kräbeli verliert sich die Herkunft des Spanischbrödli im Dunkel der Geschichte. Ein besonderes und wichtiges Ereignis war es, Gaby Peterhans-Schnebli, die Tochter des letzten Patrons der Biscuitsfabrik, kennen zu lernen. Wir sind beide gleich alt und Cousins achten Grades. Das ist eine Zirkaangabe, denn genau konnten wir es nicht errechnen. Wir brauchten also 75 Jahre, um uns zu begegnen.

Wie aussagekräftig waren die einzelnen Unterlagen?

Sehr unterschiedlich. So erhielt ich beispielsweise ein Foto mit vier Ehepaaren, aber ohne Namens- oder Jahresangabe. Ich habe darauf die Personen auf anderen Fotos verglichen und so herausgefunden, wer abgebildet ist. Zwei der Frauen auf dem Foto sind schwanger. Anhand der Geburtsurkunden konnte ich dann sogar das Jahr, in dem das Foto gemacht wurde, rekonstruieren. Das Foto zeigt die Familie von Adolf und Maria Schnebli-Kohler.

Wie gross war Ihr Zeitaufwand?

Enorm. Für Recherche, Text, Bildbearbeitung und Layout benötigte ich 18 Monate bei ungefähr einem 25-Prozent-Pensum. Ich habe alles selber gemacht und dem Drucker schliesslich einen USB-Stick mit allen Informationen übergeben. Während der Recherche besuchte ich Baden etwa 20-mal.

Wissen Sie, woher die verschiedenen Schreibweisen des Namens Schnebli kommen?

Spätestens seit dem 19. Jahrhundert schreiben sich die Badener Bürger einheitlich Schnebli. Der Name hat sich über die Zeit gewandelt. Unser frühester zweifelsfrei bezeugter Ahn hiess Michael Schnewli. Er lebte von 1551 bis 1631. Fünf Generationen später schreibt sich Franz Xaver, der von 1727 bis 1789 lebte, Schneblin. Von Franz Xaver gibt es ein Wappen im Landvogteischloss. Die Familien mit zwei oder drei E im Namen stammen meist aus dem Kanton Zürich, viele davon aus Affoltern am Albis. Ob diese mit den Badener Schnebli früher verwandt waren, ist nicht klar. Mein Grossvater legte besonders viel Wert auf die richtige Schreibweise, er hat Briefe, in denen der Name mit mehr als einem E geschrieben war, als «unbekannt» zurückgeschickt.

Wie sind Sie mit der Badener Familie Schnebli verwandt?

Mein Ururgrossvater Theodor Schnebli war ein Halbbruder des späteren Firmengründers Adolf. Der Vater der beiden war «Kronen»-Wirt Franz Adam Schnebli gewesen. Mein Urgrossvater zügelte nach Bern. Mein Grossvater arbeitete dort im Patentamt und war Kollege von Albert Einstein, dem Entdecker der Relativitätstheorie. Zwischen den Badener Schneblis und den Berner Schneblis gab es keine Verbindungen mehr. Mit Ausnahme meines Grossonkels Theodor. Der sehr gesellige Mann pflegte Kontakte zwischen den beiden Familien.

Was geschieht nun mit dem Büchlein?

Ich habe 199 Exemplare drucken lassen. Allen Personen, die mich unterstützt haben, habe ich eines gesandt. Im städtischen Museum liegen einige Exemplare auf und können dort abgeholt werden. Zu kaufen gibt es das Büchlein nicht. Auch allen Familien Schnebli, die ich im Telefonbuch gefunden habe, sandte ich ein Buch und ein Verzeichnis mit den Adressen aller mir bekannten Schneblis. Viele von ihnen haben sehr freudig reagiert, unter ihnen auch eine Klosterfrau aus dem Kanton Graubünden. Einige der Leute haben mir darauf noch Unterlagen über die Zuckerbäckerfamilie geschickt.

Heisst das, Sie schreiben deshalb eine Fortsetzung?

Nein, ich habe meiner Frau, die mein Büchlein lektoriert hat, versprochen, dass ich jetzt eine Pause mache. Doch aufgefallen ist mir Pauline Schnebli. Sie heiratete 1860 Adolf Deucher, den Bundesrat mit der zweitlängsten Amtszeit. Pauline war unter anderem Mitbegründerin des Frauenvereins in Bern. Es könnte also durchaus sein, dass ich etwas über die Frau hinter dem bekannten Mann schreibe.

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