Baden
«Ich hatte es nicht durchgelesen»: Rottweiler-Halterin produziert Leerlauf am Gericht

Am Badener Bezirksgericht ging es um Verstösse gegen Tierschutz- und Hundegesetz sowie Leinenpflicht. Eine Rottweiler-Halterin hatte die Einvernahmeprotokolle von Polizei und Staatsanwaltschaft ohne durchzulesen unterschrieben.

Rosmarie Mehlin
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Die Richterin hatte letztlich nichts zu entscheiden, weil die Einsprecherin einen Rückzug machte. (Archivbild)

Die Richterin hatte letztlich nichts zu entscheiden, weil die Einsprecherin einen Rückzug machte. (Archivbild)

Walter Schwager

An einem Nachmittag im Juni 2018 waren Wotan und Tristan (alle Namen geändert) ausgebüxt und auf den nahegelegenen Schulhausplatz gerannt. Dort war gerade ein Sporttag am Laufen und entsprechend viele Schülerinnen und Schüler zugegen. Nichts passierte, die Hunde waren brav, doch eine Anwohnerin meldete den Vorfall bei der Polizei. Der Grund: Wotan und Tristan sind Rottweiler und vom Gesetzgeber somit als «Hunde mit erhöhtem Gefährdungspotenzial» – so genannte Listenhunde – eingestuft. Die Anzeigerin monierte auch, dass die Rottweiler auf den Spaziergängen meist ohne Leine herumliefen. Beschuldigt der Widerhandlung gegen das Tierschutz-, das Aargauische Hundegesetz sowie die Leinenpflicht wurde die 45-jährige Gina per Strafbefehl zu 600 Franken Busse plus 600 Franken Gebühr verknurrt; ihr Mann Dejan zu 500 Franken Busse und 400 Franken Gebühr. Da beide den Strafbefehl nicht akzeptierten, sassen sie jüngst in Baden vor Einzelrichterin Gabriella Fehr. Gina, schlank, dunkler Pferdeschwanz, die Haut stark dekoriert, was insofern nicht erstaunt, als Dejan ein Tattoo-Studio hatte. Inzwischen ist er arbeitslos, Gina momentan krankgeschrieben und gemeinsam hat das Paar rund 30'000 Franken Schulden am Hals.

Da Dejan kaum Deutsch spricht, befragte die Richterin fast ausschliesslich Gina. Als Halterin von Wotan hat sie mehrere anerkannte Hundekurse absolviert und ist mittlerweile im Besitz der offiziellen Halterbewilligung für ihn, nicht aber für Tristan. Der lebt – nach einer kleinen Odyssee – heute bei Ginas Sohn. Iwan, ein Cousin von Dejan, hatte Tristan aus Bulgarien importiert.

Chihuahua versus Rottweiler

Als Iwans Chihuahua-Hündin Junge hatte, wurde es mit dem Rottweiler schwierig, respektive für die Mini-Welpen heikel. Zunächst tageweise, später immer öfter, war Tristan in der Folge bei Gina und Dejan zu Besuch – ohne Halterberechtigung. «Er war noch zu jung, denn eine solche kann man erst erwerben, wenn der Hund zwischen 12 und 18 Monate alt ist.» Mit Tristan hatte Gina auch keine Kurse besucht.

In den Einvernahmen durch Polizei und Staatsanwältin hatte Gina eingeräumt, dass ihr ein Missgeschick passiert sei, indem sie damals im Juni die Gartentüre nicht richtig geschlossen hatte. «Unser Garten ist mit einem zwei Meter hohen Zaun eingezäunt.» Auch hatte sie zugegeben, dass sie die Hunde beim Spazieren gerne frei laufen liess, dass die beiden aber, wenn sie sie ausnahmsweise mal abrufen musste, stets unverzüglich zu ihr gekommen seien.

Die Einvernahme-Protokolle, aus denen Fehr zitierte, hatte Gina unterschrieben. Warum, so Richterin Fehr, dann die plötzliche Einsprache? «Weil das, was da steht, falsch ist.» Aber sie habe doch unterschrieben. «Ich hatte es nicht durchgelesen.» Nach einer kurzen Pause wurden Gina und Dejan zunächst ohne Berichterstatterin zurück in den Saal gebeten. Dort hatte Gina ihre Einsprache zurückgezogen, weshalb der Strafbefehl in Kraft trat und ein richterliches Urteil hinfällig wurde. Dejan seinerseits wurde freigesprochen: Zum einen, weil in der kurzen Zeit, während Tristan beim Ehepaar lebte, keine Halterbewilligung hatte eingeholt werden können. Andererseits besitzt Gina eine solche für Wotan. Die Leinenpflicht wiederum habe Dejan nicht verletzt, weil dafür nur der oder die Hundehalter(in) bestraft werden kann.

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