30 Jahre Wogg
«Ich musste hartes Brot essen»

Willi Glaeser ist Mitgründer der Möbelmarke Wogg in Baden-Dättwil. Im Interview äussert er sich über seine harte Zeit während der Schreinerlehre, das Ideensammeln in der Wüste und das Privileg, Sachen machen zu dürfen, die nichts bringen müssen.

Martin Rupf
Merken
Drucken
Teilen
Firmen-Mitbegründer Willi Glaeser hinter dem «Wogg 52». Alex Spichale

Firmen-Mitbegründer Willi Glaeser hinter dem «Wogg 52». Alex Spichale

Etwas erhöht empfängt uns Willi Glaeser in seinem Turm-Büro. Die Lage seines Büros macht deutlich: Auch wenn er «nur» noch VR-Präsident der Glaeser Wogg AG ist, so hat der Mitgründer der Möbelmarke Wogg hier in Baden-Dättwil – Firmensitz und Produktionsstätte befinden sich hier – doch noch einiges zu sagen.

Der 74-Jährige ist so zusagen der lebende Beweis dafür, dass jung bleibt, wer eine Aufgabe hat. Und an Aufgaben mangle es ihm wahrlich nicht, so Glaeser. Dabei sind es weniger Aufgaben operativer Natur – hierfür zeichnet seit acht Jahren Wogg-Chef Mark Werder verantwortlich. «Nein, ich bin halt immer noch ein Tüftler und in der privilegierten Lage, Dinge ausprobieren zu dürfen, die nicht zwingend etwas bringen müssen», sagt Glaeser auf seine typisch verschmitzte Art.

Kik Glaeser – so nennen ihn Freunde und Bekannte – blickt auf eine lange und erfolgreiche Karriere zurück. Apropos Namen: Anders als noch sein Vater schreibt er sich «Glaeser» statt «Gläser». Ein Marketing-Gag? «Nein. Gleich in der Nähe von unserer Fabrik gab es zwei Fensterfabriken; ich erhielt immer deren Post.» Mit der Änderung von «ä» auf «ae» sollte diesbezüglich Klarheit geschaffen werden.

Weniger Klarheit, wohin sein beruflicher Weg führen soll, herrschte am Anfang seiner beruflichen Laufbahn. «Ich machte eine Lehre als Möbelschreiner und musste hartes Brot essen», so Glaeser. Ein sanfter Druck seines Vaters sei vorhanden gewesen. «Hartes Brot deshalb, weil ich schnell merkte, dass ich mehr wollte als nur schreinern.» Was man ihm als Arroganz auslegen könnte, kommt von Glaeser nicht abgehoben rüber. «Ich war halt nicht so ein guter Handwerker und musste mich entsprechend durch die Lehre beissen; es hat sich aber gelohnt.»

Nach der Kunstgewerbeschule in Stuttgart und der Schreiner-Meisterprüfung zog es Glaeser in die Westschweiz, um Französisch zu lernen und zu arbeiten. «Mit nur 25 Jahren wurde ich bereits Chef einer Stilmöbel-Fabrik in Bulle.» 1970 ist er dann in den familiären Betrieb eingestiegen. Fast wäre seine Rückkehr aber an seinen Gehaltsansprüchen gescheitert. «Ich verdiente damals mit monatlich 3800 so gut wie ein Bankdirektor.»

Eigentlich sei das mehr gewesen, als sich sein Vater und sein Onkel hätten leisten können. «Schliesslich beschlossen wir, dass wir alle auf dem gleichen Niveau entschädigt werden.» Schnell habe sich gezeigt, dass die neue Fabrik in Dättwil nicht ausgelastet war. «Dank meinen Beziehungen aus der Westschweiz konnten wir den Umsatz aber schon sehr bald steigern», so Glaeser.

1973 baute er dann zusammen mit seinem Freund, dem Badener Architekten Adrian Meyer, erstmals eine eigene Möbelkollektion auf. «Damals machten wir auch die ersten Gehversuche mit der Verformung von Kunstharzplatten», erinnert sich Glaeser. Ein Meilenstein: Das Postforming war geboren. Und doch wollte sich der kommerzielle Erfolg nicht recht einstellen; es brauchte neue Ideen. Jahre später wollte es der Zufall, dass Willi Glaesers Cousin Otto Gläser sein Nachbar wurde. Otto Gläser war damals Entwicklungsleiter beim führenden Lederpolstermöbelhersteller De Sede in Klingnau. «Schnell waren wir uns einig, dass die Chancen für eine eigene Möbellinie gegeben sind.» Und dies, obwohl just Ende der 70er-Jahre viele Möbelfabriken ihren Betrieb schlossen.

Ideen holte sich der Tüftler damals auch in der Wüste Sahara. «Ich war ein Abenteurer und viel auf Reisen; in der Einsamkeit der Wüste kamen mir die besten Ideen.» Als Motivation für ein eigenes Möbelprogramm gibt Glaeser an: «Ich wollte nicht immer nur das tun, was andere sagen, sondern eigene Ideen umsetzen.» Das tat er denn auch: So wissen viele nicht, dass der aus Draht bestehende Papiersammler von ihm entworfen wurde; bis heute wurden über eine Million Stücke verkauft.

Bis heute hat Wogg über 50 Möbelstücke auf den Markt gebracht – ein bis zwei Neuheiten pro Jahr. «Mehr ginge gar nicht. Erstens ist die Produktentwicklung sehr teuer und kann schnell mal mehrere Hunderttausend Franken kosten», so Glaeser. Zweitens könnte der Markt auch gar nicht mehr Neuheiten aufnehmen.

Ikea schärft Design-Verständnis

Und was ist nun das Erfolgsgeheimnis von Wogg? «Die Mischung aus Purismus und Sinnlichkeit», antwortet er spontan. Und: «Unsere Produkte müssen förmlich nach uns riechen.» Müssen sie nicht auch einfach teuer sein, damit der Käufer ein gutes Gefühl hat, etwas Einzigartiges, ja Elitäres erworben zu haben? «Ja, wenn man so will. Wir sind verdammt, hier in der Schweiz aufgrund der Löhne und Produktionskosten einzigartige Dinge zu produzieren», gibt Glaeser unumwunden zu.

Und was sagt er zur Konkurrenz wie etwa Ikea? «Ikea ist gut, war aber schon besser. Aber sie trägt dazu bei, dass gerade junge Menschen ein Verständnis für Design entwickeln.»

Dass die Firma nicht mehr ihm gehört und auch seine Kinder nicht das Ruder übernommen haben, bedauert Glaeser nicht sonderlich: «Ich bin kein besitzgetriebener Mensch; und es ist für mich nicht sehr wichtig, wem eine Firma gehört, sie muss einfach gut funktionieren.» Auch diese Worte nimmt man ihm ab. Zum Abschluss des Gesprächs präsentiert Glaeser seinen neusten Wurf. Ein zusammenklappbarer Hocker aus Aluminium. Seine Augen funkeln dabei fast mehr als das glänzende Metall.