Wettingen
«Ich sass mit 48 die Hälfte meines bisherigen Lebens im Grossen Rat, 24 Jahre»

EVP-Mann Heiner Studer war nie Regierungs- und nie Bundesrat. Für diese Weihen war er in der falschen Partei. Doch sonst war er alles, was ein Politiker in diesem Land werden kann.

Hans Fahrländer
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«Es war eine schöne Zeit»: Heiner Studer zu Hause in Wettingen.

«Es war eine schöne Zeit»: Heiner Studer zu Hause in Wettingen.

Annika Buetschi / AZ

Vorsicht mit Klischees. Wir sitzen Heiner Studer, dem Aargauer mit der längsten Politkarriere der letzten Jahrzehnte, gegenüber. Doch «Urgestein» will nicht recht passen, der Gesprächspartner hat nichts Hartes, Knorriges an sich. «Der Mann mit den kurzen Hosen»: Natürlich, das passt. Sogar Wikipedia weiss: «Er war als Kantonsparlamentarier dafür bekannt, dass er im Sommer konsequent kurze Hosen trug.» Im Nationalrat widerspreche das dem Kleiderkodex, «weshalb Studer mehrmals Hosen trug, deren Beine sich mit Reissverschluss abtrennen liessen, sobald er das Bundeshaus verlassen hatte».

Der Anlass für das Gespräch: In wenigen Tagen wird Studer 65 Jahre alt. Vor kurzem hat er das Amt des Präsidenten der Evangelischen Volkspartei der Schweiz (EVP) an die Bernerin Marianne Streiff abgetreten. «Es geht nicht, dass die Partei in den nationalen Wahlen 2015 von einem Pensionierten geführt wird», begründet er. Damit hat Studer das letzte politische Führungsamt abgegeben, 46 Jahre und 2 Monate nachdem er das erste angetreten hatte.

Am 1. Februar 1968, noch als Kantonsschüler ohne Stimmrecht (es lag damals bei 20 Jahren), wurde er Kantonalsekretär der EVP Aargau. Während andere seiner Generation ihre Flegeljahre im Protest gegen das Establishment auslebten, wurde der 19-jährige Heiner aus Wettingen Teil von ihm. Ein 68er der andern Art. «Politik hat mich seit der Kindheit fasziniert», sagt er. Und warum die EVP? «Ich wollte die christlichen Werte in die Politik einfliessen lassen.»

Kaum zwei Jahre später entdeckte ihn die EVP Schweiz. «Fahred Si uf Züri? Ich mues uf Wettige», sprach er den damaligen Parteipräsidenten und Zürcher Nationalrat Willy Sauser an einem Parteitag im Baselbiet an. Das Carsharing kam zustande und Sauser engagierte wenig später den eifrigen jungen Aargauer als Zentralsekretär.

Doch Studer wollte es nicht beim Administrieren für die Politiker bewenden lassen: Er wollte selber in die Politik. Der Durchbruch gelang ihm mit 24: Am 1. April 1973 nahm er Einsitz im Grossen Rat. Studer erinnert sich: «Es waren die ersten Wahlen nach Einführung des Frauenstimmrechts. Folgerichtig konnte die EVP ihre Sitzzahl von 4 auf 8 verdoppeln. Denn unsere Themen, christliche Nächstenliebe, gesellschaftliche Gerechtigkeit oder Umweltschutz, sprechen viele Frauen an.»

Er sei, vermerkt Studer nicht ohne Stolz, auf vier Ebenen politisch tätig gewesen: kommunal, kantonal, national und international. Kommunal: Von 1974 bis 1985 sass er im Wettinger Einwohnerrat, 1986 wurde er in den Gemeinderat gewählt, 1994 wurde er Vizeammann, das blieb er fast 20 Jahre, bis 2013. Stets führte er das Ressort Bildung.

Kantonal: Von 1973 bis 1998 gehörte er dem Grossen Rat an. National: 1999 eroberte er für die EVP Aargau den ersten Nationalratssitz der Geschichte. Dafür verschwanden die Grünen (vorübergehend) und der Landesring aus der Aargauer Deputation. Acht Jahre später verlor die EVP ihren Sitz an die katholischen Brüder und Schwestern. Schliesslich international: «Ich war von 2003 bis 2007 Mitglied der aussenpolitischen Kommission des Nationalrates und bekam viele spannende Einblicke in die internationalen Verflechtungen der Schweiz.»

Nachdem er seine berufliche Kraft lange Jahre dem Blauen Kreuz, dem Verein zur Verhinderung und Behandlung alkoholbedingter Probleme, zur Verfügung gestellt hatte, wechselte Studer im Jahr 2000 in den hierzulande seltenen Beruf des Nur-Politikers: 60 Prozent Nationalrat und 40 Prozent Vizeammann.

Einen Höhepunkt erlebte Heiner Studer 1997: Mit gerade mal 48 Jahren eröffnete er als Alterspräsident die Legislatur des Grossen Rates, denn niemand war damals länger im Kantonsparlament als er. «Ich sass genau die Hälfte meines bisherigen Lebens im Grossen Rat, nämlich 24 Jahre.» Als Alterspräsident durfte er die neuen Ratsmitglieder in Pflicht nehmen, darunter eine gewisse Doris Leuthard, aber auch Alex Hürzeler, Urs Hofmann, Peter Beyeler und Esther Egger. Sie alle begannen 1997 im Grossen Rat.

Parlamentarier Studer hat auf vielen Feldern Spuren hinterlassen. So präsidierte er im Grossen Rat die kantonale «Fichen-PUK», welche sich mit den Folgen der Fichenaffäre im Kanton befassen musste. Auch war er zur Zeit, als es die Grünen noch nicht gab, mit Vorstössen im Umweltbereich erfolgreich. Im Bund wurde dank seines Vorstosses die Gewissensprüfung für die Zulassung zum Zivildienst abgeschafft. Den schönsten Ehrentitel verlieh ihm einmal das «Aargauer Tagblatt»: Es nannte Studer einen «Wächter über die Volksrechte».

Der Demissionär wirkt noch immer optimistisch und motiviert. «Ich habe in der Politik viel mehr Positives als Negatives erlebt», sagt er, eine wahrhaft nicht selbstverständliche Bilanz. Es muss an der christlichen Mitmenschlichkeit liegen. Studer hat ein Büchlein herausgegeben mit dem schönen Titel «Auch Politiker sind Menschen – Aus dem zwischenmenschlichen Alltag im Bundeshaus». Er habe zeigen wollen, dass Politik nicht nur ein «Dreckgeschäft», Politiker nicht nur «geltungssüchtige Leute» seien. Wer ihnen freundlich begegne, dürfe meist mit derselben Anteilnahme rechnen.

Studers Frau ist gebürtige Norwegerin. Er hat sie – natürlich – auf einem Treffen evangelischer Jungpolitiker in Holland kennen gelernt. Das Paar hat drei inzwischen erwachsene Töchter. Die mittlere, Lilian, ist in Vaters Fussstapfen getreten. Fast so jung wie er, mit 25, wurde sie 2002 in den Grossen Rat gewählt und ist heute EVP-Fraktionspräsidentin. Die Studer-Saga geht also weiter.

Und wie ist das jetzt mit den kurzen Hosen? Provokation? Gewollte Originalität? «Nein!» wehrt sich Studer. «Erstens fand ich: Am besten politisiert man, wenn es einem wohl ist in der Haut, nicht eingezwängt, nicht schwitzend in der Hitze des Saales. Und zweitens wollte ich zeigen, dass Politiker nicht eine abgehobene, steife Kaste bilden, sie sind ganz gewöhnliche Menschen.»