Mit Tränen in den Augen sagt eine Kundin zu der jungen Frau an der Kasse: «Ich werde Sie vermissen. Vielen Dank für alles.» Sie gehört zu den vielen Bewohnern des Meierhofquartieres, die sich am Mittwochmorgen von den Mitarbeitern der Migros-Filiale verabschieden.

Ein paar Stunden später, um 13 Uhr, wird das Geschäft seine Tore schliessen. Zwar bleibt der Dorfladen dem Quartier erhalten. Doch die Migros, wie sie die Anwohner seit fast 70 Jahren an der Mellingerstrasse kennen, wird es so nicht mehr geben.

Die Filiale sei nicht mehr auf dem neusten Stand und sanierungsbedürftig, erklärte Mediensprecherin Andrea Bauer bereits Ende Januar (az vom 31. 1.). Zudem sei die Verkaufsfläche von 165 Quadratmetern zu klein, um an diesem Standort weiterhin einen klassischen Migros-Supermarkt zu betreiben.

Denn moderne Migrosläden müssten eine grosszügig gestaltete Fläche für die Einkaufswagen oder bediente Theken anbieten können. Deshalb baut der Grossverteiler um und eröffnet am 18. Mai neu einen "Voi"-Laden.

"Voi" ist das Franchisingkonzept der Migros – ein Geschäftsführer betreibt den Laden auf eigene Rechnung, aber im Auftrag und mit Unterstützung des Grossverteilers. Das Sortiment besteht weiterhin vorwiegend aus Migros-Produkten.

Der Franchisen-Nehmer kann die Produkte aber Kundenbedürfnissen anpassen und mit regionalen Artikeln ergänzen. Ein weiterer Vorteil: Im Gegensatz zum bisherigen Laden kommt neu eine Auswahl an alkoholischen Getränken und Tabakwaren hinzu.

«Laden löst Platzangst aus»

Dass der jetzige Laden zu eng sei, findet auch ein Kunde, der gerade seinen Einkaufskorb füllt.  «Er löst bei mir etwas Platzangst aus.» Ginge es nach ihm, hätte die Migros die bisherige Filiale weiterbetreiben, aber flächenmässig vergrössern sollen.

Eine andere Kundin hingegen stören die knappen Platzverhältnisse überhaupt nicht. Für sie wäre der Umbau nicht nötig gewesen. «Mir gefällt die familiäre Atmosphäre hier.»

In einer Sache sind sich die Kunden jedoch einig: Viele stimmt es traurig, dass nach der Eröffnung des neuen Ladens nicht mehr die gleichen Frauen an der Kasse bedienen.

Denn der Betreiber des neuen "Voi"-Ladens bringt sein eigenes Personal mit. Die sechs bisherigen Mitarbeiterinnen und der Filialleiter Blazo Filcev können ihre Wunschstellen in den umliegenden Migros-Filialen Baden, Gebenstorf, Wettingen und Spreitenbach antreten.

Dritter Abschied

«Es wird komisch sein, nicht mehr die bekannten Gesichter anzutreffen», sagt eine ältere Kundin. Sie kam heute extra nochmals vorbei, um den Mitarbeiterinnen Adieu zu sagen. Bereits zum dritten Mal verabschiedet sich ein älterer Herr, auch er Stammkunde.

Diese Nähe zu den Kunden werde er vermissen, sagt auch Filcev, der neu stellvertretender Marktleiter in Wettingen wird. «Es ist schön, dass man hier in einem Laden dieser Grösse immer mal wieder Zeit für ein Schwätzchen hat.» Deshalb sei über die Jahre hinweg zwischen den Mitarbeiterinnen und vielen Kunden eine freundschaftliche Beziehung entstanden.

Dementsprechend fällt auch dem Personal der Abschied schwer: Nachdem eine ältere Kundin ihren Einkauf gezahlt hat, steht die junge Frau an der Kasse kurzerhand auf und umarmt die Kundin. Mit brüchiger Stimme sagt sie: «Ich wünsche ihnen alles Gute.»