Baden
Im Kindermuseum fliegen Besucher wie die Adler über die Dolomiten

Diese Woche kann man im Kindermuseum mit virtueller Realität hautnah aufregende Abenteuer und schier grenzenlose Flüge durch die Luft erleben.

Rosmarie Mehlin
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Fahrtwind inklusive: Der zehnjährige Vittorio fährt Achterbahn.

Fahrtwind inklusive: Der zehnjährige Vittorio fährt Achterbahn.

Dass grosse Kopfhörer und eine imposante schwarze Brille über seinen Kopf gestülpt werden, stört Vittorio Lubiana überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: «Fighissimo» juchzt der gebürtige Tessiner aus Horgen lauthals – zu Deutsch «supercool» – und seine Begeisterung steigert sich von Sekunde zu Sekunde.

Vittorio sitzt, erhöht auf einer Plattform aus Metall, angeschnallt in einem Schlitten wie sie auf Sommerrodelbahnen zum Einsatz kommen. Vor ihm ist ein grosser Bildschirm montiert. Während die Umstehenden gebannt auf diesen blicken, bewegt Vittorio den Kopf nach unten oder schaut über seine Schulter und ruft: «Mamma, è bellissimo»!

Die Brille ermöglicht Vittorio eine 360-Grad-Rundumsicht und von Kopf bis Fuss wähnt er sich in einer Propellermaschine unterwegs auf einem Flug über Rapperswil, Looping und Landung auf dem See inklusive. Die Plattform unter dem Buben ruckelt und zuckelt, aus einer Windmaschine bläst ihm eine Brise ins Gesicht. Die Umstehenden betrachten ein harmloses Video. Vittorio jedoch erlebt «live» die grenzenlose Freiheit über dem Seedamm und dem Schloss.

Folgenschwerer Selbstversuch

An der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) wurde virtuelle Realität mit einem Bewegungssimulator kombiniert und so ein völlig neuartiger Flugsimulator geschaffen. Im Rahmen der Sonderausstellung «Der Traum vom Fliegen», die noch bis Ende Jahr läuft, ist die «Virtual Reality» nur diese Woche zu Gast im Kindermuseum Baden. Da kann man nun auch eine Fahrt auf einer «irren» Achterbahn erleben, aktiv an einem Air-Race-Flug teilnehmen oder wie ein Adler über die verschneiten Dolomiten kurven.

Wegen des Gewichts der Spezialbrille und der Kopfhörer ist das Mindestalter für Kinder 10 Jahre. Bei den Erwachsenen gibt es keine Altersgrenze nach oben. Also habe ich mich in den Rodelschlitten gehievt, angeschnallt, mir die Installationen auf den Kopf stülpen lassen und es mir voller Vorfreude bequem gemacht. Eine Minute später hatte ich, zittrig, mit Magenkrämpfen und der Gewissheit, dass ich kein Adler bin, Gott sei Dank wieder festen Boden unter den Füssen.

Spitze Hilferufe meinerseits hatten bei den HSR-Absolventen Jeffrey San Diego und Simon Locher Erbarmen und den Entscheid zum Übungsabbruch ausgelöst. Meine Angst vor dem Fliegen ist minim – gewaltig stark hingegen ist mein Mangel an Schwindelfreiheit. Und als ich da in Adler-Ruhe an Steilwänden vorbei über unendliche Abgründe zu fliegen begann, ist mein Puls in unermessliche Höhen emporgeschossen.

Übung macht den guten Piloten

Als nach mir der zehnjährige Miro Santi aus Zürich auf den Schwingen des Adlers über die italienische Alpenkette flog, habe ich, nunmehr mit beiden Beinen auf dem Boden der Kindermuseum-Werkstatt stehend, den Flug über das Unesco-Weltnaturerbe aus vollen Zügen geniessen können.

Danach ging ich mit Miro ein paar Schritte weiter, zu Daniel Ziegenhagen aus Gontenschwil. Als Leiter der Nachwuchsförderung beim Schweizerischen Modellflugverband, präsentiert er diese Woche in der Werkstatt des Kindermuseums eine weitere Form von virtuellem Fliegen. Auch vor ihm steht ein grosser Bildschirm. Miro greift sich die Fernsteuerung und – schwupp – schon erhebt sich auf dem Bildschirm ein kleines rot-weisses Flugzeug, steigt steil in die Lüfte, macht einen Looping und – crash – stürzt Nase voran auf die Piste.

Doch statt schockiertem Aufschreien folgt breites Grinsen, denn bereits steht die Maschine wie neu zum Start bereit. Fachmännisch drückt Miro auf der Fernbedienung herum, das Ganze beginnt von vorne, das «Flugi» steigt und stürzt in mehreren Varianten. Miros Ausdruck wird zusehends verbissener, endet aber schliesslich in einem Siegeslächeln.

Tja, so eine virtuelle Übungsplattform ist – im wahrsten Sinne des Wortes – Gold wert. «Da hat man, unter Umständen im Winter, ein Flugzeug gebaut und dann stürzt es wegen eines Flugfehlers ab. Schlagartig liegen da stundenlange Arbeit und eine unter Umständen grosse finanzielle Investition in Trümmern», schildert Ziegenhagen. Weil auch beim Modellfliegen Übung den Meister macht, ist «Virtual Reality» in Form eines Simulators auch hier eine Supersache.

«Mit virtueller Realität über den Wolken schweben»

Noch bis und mit 25. Februar im Kindermuseum Baden. Mehr Infos finden Sie hier.