Wer ihn in Baden nie gesehen hat, war noch nicht in Baden: Attila Herendi ist eine auffällige Erscheinung. In Baden fand er seine unverwechselbare Rolle. Er selber bemisst sie eher leicht. Das aber hat sein Gewicht.

Wie jeden Tag «täppelet» er ins Atelier. Liest da «gelangweilt die Zeitungen». Schaut «desinteressiert» die Wände hoch, «an denen unzählige einstige Entwürfe hängen.» Greift zur Zigarette – «nur noch im Atelier», sagt der am Herz Operierte. Zieht «ein Resümee» – nun, da er achtzig wird und eine letzte Ausstellung vor sich hat. Und nennt das Leben «wunderbar». «Nicht vollkommen …», fügt er an, «vielleicht ist es darum schön.» Aber das sei «nicht so wichtig» – sein Leben: «Schwer waren die achtzig Jahre nicht, eher gemütlich. Die letzten dreissig hat uns die Kunst satt gemacht, mich allerdings auch unsicher …»

Diese Art zu reden, denkt man, lässt auf einen zögerlichen Geist schliessen. Auf jemanden, der «täppelet» auch im Kopf, sich von einem Gedanken zum anderen tastet. Das dürfte man vermuten, sässe nicht Attila Herendi gegenüber: der Badener Künstler, Badener Flaneur/Causeur/Poseur, der Menschenort-Erkunder, Ortsmenschen-Sammler. Baden war für Attila lange nur «ein Kaff». Darin spielte er so auffällig den Zufallsgast, bis er genau in der Rolle sesshaft wurde. Ein «gelernter Ungar» fand seine Weltläufigkeit im steten Corso des Lokalen.

Keiner nahm hier auffälliger die Pose des Zwischenhalters ein, operettenhaft, fast täuschend echt. Mit Flair für die Bühne, tut Attila etwas für den Auftritt. Unter seinem eleganten Hut, im massgeschneiderten Mantel mit rotem Seidenfutter und Cape, wirkt er wie ein Mischwesen aus Graf Dracula und Gustav Aschenbach (die Novelle «Tod in Venedig» liegt aufgeklappt auf dem Tisch). Der Vergleich ruft bei ihm ein Brummen hervor – verständlich: Ungarn und Transsilvanien legt man un-gestraft nicht übereinander. Feststeht: Mit seiner unverwechselbaren Erscheinung mutierte Attila zum «typischen Badener».

Hier beschwören sie alle naselang den «Badener Geist», unter zunehmender Vernachlässigung der Frage, wer eigentlich noch dafür steht? Attila würde die Hand verwerfen (eine seiner schwunghaftesten Gesten): Natürlich verkörpert er Baden nicht! Den Dutti-Orden hat er seiner Zeit abgelehnt. SP-Mitglied seit der Einbürgerung, hat er lediglich eine Parteiversammlung besucht. Trotzdem ist Herendi tief in die Orts-DNA verwoben und weiss: Aus diesem Gitter bricht er nie mehr aus. Die Frage ist bloss: Wollte er das je im vollen Ernst?

Der Grund, weshalb Attila blieb, wirkt offensichtlich heute noch auf sein Herz wie eh und je. Der Grund heisst Helen. Ihr widmet Attila seine letzte Ausstellung: «Meiner für ewiglich angetrauten Frau.» Achtzig werden beide. Attila entführt Helen in Kürze an einen Ort, der idealer für eine Jugendromanze gar nicht sein kann. Nur so viel: Baden ist es sicher nicht. Woanders zu leben, erzählt Attila, habe sich Helen lange nicht vorstellen können. Heute seien die Rollen vertauscht: Nun denkt er nicht mehr dran.

Herendis letzte Ausstellung trägt den Titel: «Über Attilas schrecklich schnörkelige Handschrift … denn das ist das Einzige, das er wirklich kann.» Wie kokett ist das nun wieder? Attila musste immer schon etwas reinschreiben in seine Bilder – wer wüsste das besser als er? Auch dass er seit je Zeichner, nicht Maler war. Dass er den Kommentar liebt. Dass er einige Talente hat (darunter Musik), aus diesen Talenten aber nicht das Äusserste herausgeholt hat.

Natürlich fragt er, vor der letzten Ausstellung: Was bleibt übrig? «Nicht viel», antwortet er, «nichts im Museum. Kaum etwas in der Öffentlichkeit. Doch das stört mich überhaupt nicht …» In einem grossen, von einem Metallrahmen gefassten Medaillon zählt er auf, was für ihn persönlich bedeutsam blieb: Als der Lehrer ihn streichelte, den Knaben, nachdem dieser eine gute Zeichnung abgeliefert hatte. Die Stiefel der Sowjetsoldaten in Budapest. Ihre wehmütigen Lieder ebenso wie Grossvaters Zither. «Dagegen ist alles andere verblasst.»

Mehrfach spricht Attila von seiner «Scham». Er benutzt oft Wörter, die aus seinem Mund anders schillern als im sonstigen Sprachgebrauch. Da er Deutsch im Übrigen durchaus eloquent beherrscht, muss man annehmen, dass er manchmal eine gewisse Unschärfe absichtlich behalten will. Auch bei dieser rätselhaften «Scham». Was erweckt sie, worum dreht sie sich?

Da sitze er wie gewöhnlich im Atelier, sagt Attila, und dann packe ihn plötzlich die Verzweiflung, mitten in einem zeichnerischen Werk. Fluchtartig müsse er das Atelier verlassen. Er stürze auf die Strasse, ins nächste Café. Die Verzweiflung überfalle ihn dann, wenn er das Gefühl bekomme, wie er im Leben alles «so beiläufig» getan habe, «wie ein Hasardeur». Nie eine Qual, nie mit letzter Kraft, nie die ganze Wucht. «Gegen die Scham», sagt Attila, «gibts einen Trick: Menschen treffen, Leute kennen, mit Leuten reden.»

Das aber ist nicht klein: Es ist Einsicht. Und noch ein Talent Attilas: An dem Punkt sucht er meist im Gegenüber … nein, nicht den wunden, sondern den lebendigen Punkt. Bedeutung, Gewicht, Selbsthass, Eitelkeit – diese Fragen verknüpfen ihn mit Menschen mancher Schicht. Das nutzt er, darin liegt stets auch Empathie. Was bei Kundera ein solcher Romantitel war: «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» wäre bei Attila «erträgliche Leichtigkeit.» Im Grunde ist genau das sein ureigenes Lob der Kleinstadt.

Attila Herendi: Letzte Ausstellung,
UnvermeidBar, Rathausgasse, Baden. Vernissage: 23. Januar 2015, 20.00 Uhr.

Finissage: 28. Februar 2015.