Baden

Immer mehr Kleiderläden: So verliert Baden Stück um Stück an Charme

Am 23. November wird mit «Da Franco» ein weiteres Restaurant schliessen, das über Jahrzehnte Inbegriff für den Charme der Stadt Baden darstellte. Es macht einem Kleiderladen Platz. Hat Baden langsam zu viele Kleiderläden?

Das Phänomen ist bekannt, und man hört die Leute sagen: «Es hat fast nur noch Kleider- und Schuhläden in der Badener Innenstadt.» Das Thema brennt unter den Nägeln. Insbesondere in der Badstrasse weicht ein Lokal nach dem andern einer neuen Filiale irgendeiner Kleiderkette. Der Schein trügt nicht. Es ist bittere Realität. Die Probe aufs Exempel bringt es ans Licht: Von den total knapp 160 Ladengeschäften ab Weite Gasse bis Metroshop (inklusive Mittlere und Rathausgasse, Stadtturmstrasse) verkaufen rund 65 Läden Kleider oder Schuhe, der weit überwiegende Teil davon als Filialbetriebe von Modehäusern und Ladenketten.

Wenn auch ab und zu ein kleiner Laden wieder dichtmachen muss, so lassen sich grundsätzlich zwei Dinge feststellen: a) das Geschäft mit der Mode rentiert, und zwar in den unterschiedlichsten Preisklassen, b) wie gestern Schild-CEO Thomas Herbert in dieser Zeitung erklärte, ist Baden ein attraktives Pflaster. Die Badener Innenstadt, mit einer der ältesten Fussgängerzonen in der Schweiz überhaupt, hat nun Mal einen besonderen Charme zum Flanieren, der andernorts fehlt. Der Beweis: Die unterschiedlichste Klientel strömt in Scharen hierher. Man kann oder muss also davon ausgehen, dass der Trend zu Kleider- und Schuhläden anhält. Die Ankündigung, dass bald eine Intimissimi-Boutique und in einem Jahr ein s.Oliver-Shop an die Badstrasse ziehen werden, ist nur die logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Was solls? Mag sich der- oder vielmehr diejenige denken, die schliesslich nach Baden kommt, um elegante Kleider oder modische Schuhe einzukaufen. Andere Badenerinnen und Badener jedoch sorgen sich um die Ladenvielfalt und um den Charme ihrer geliebten Stadt. Zwar gibt es auch ein halbes Dutzend Banken, Coiffeurgeschäfte, Reisebüros. Und Baden ist zudem die Stadt der Optikergeschäfte. Es gibt darüber hinaus mehr als zwei Dutzend Lokale, wo man sich treffen, etwas trinken oder essen kann, wobei Bars, Kafi-Bars und Schnell-Imbiss-Lokale mitunter zahlenmässig deutlich überwiegen. Längst ist aus «Gambrinus» der «McDonald’s» geworden, aus dem «Kafi Burger» ein «Burger King». Andere Lokale sind sang- und klanglos aus dem Stadtbild verschwunden.

Man darf diese Entwicklung, wie sie die heutige Zeit mit sich bringt, weder verteufeln noch beschönigen. Nüchtern betrachtet, stellt man aber fest, dass mit jedem neuen fremdbestimmten Filialbetrieb ein Stück Baden verloren geht. Das ist die Realität der vergangenen 20 Jahre. Es gibt andere Städte, die eine ebenso prosperierende Entwicklung durchlaufen, doch ihren Charme trotz neu Entstandenem behalten oder gar aufpolieren. Wenn man es in Baden auch nicht gerne hört: Aarau ist ein gutes Beispiel dafür.

Läuft etwas falsch? Was sind die Ursachen? Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass sich das Einkaufsverhalten und die heutige Gesellschaft stark verändert haben. Es geht primär nur noch um Geld, Preise, Margen, Renditen, um den finanziellen Erfolg, der über alles andere – auch über den Charme dieser Stadt – gestellt wird. Ein Handwerkerladen, eine Papeterie oder andere Spezialitätengeschäfte sind im Zentrum von Baden nicht oder kaum mehr überlebensfähig. Einzelne wenige, innovativ geführte Geschäfte können sich nur unter grossen Anstrengungen halten. Andere erreichen die notwendigen Margen nicht, sodass ihnen die auflaufenden Kosten über den Kopf hinauswachsen. Kleider- und Schuhläden haben den Vorteil, dass sie dank mehrheitlich in Billiglohnländern produzierter Produkte noch von unverhältnismässig hohen Margen profitieren können.

Hinter jedem Badener Ladengeschäft steht aber auch ein Hauseigentümer, heute sind es mehrheitlich Finanzgesellschaften, andere Anleger oder finanzkräftige Privatleute, die sonst nichts mit Baden verbindet. Nur wenige der traditionellen Eigentümer haben es geschafft, ihr Gebäude auf Vordermann zu halten oder rechtzeitig zu erneuern. Viele von ihnen sehen sich rasch einmal Investitionen gegenübergestellt, die sie aus eigener Kraft nicht zu stemmen vermögen. Die Konsequenz – in Baden, aber auch in andern Städten mehrfach eingetreten: Das Haus wird an einen auswärtigen Investor, Immobilienbesitzer oder Makler verkauft, der nur ein Ziel oder einen Auftrag hat: nämlich die höchste Rendite oder grösstmögliche Wertabschöpfung zu erzielen.

Auch in der stadt Baden müssen wir akzeptieren, dass wir in einer Welt der steten Veränderungen leben und diese akzeptieren müssen. Wo es möglich oder notwendig ist, sollte man jedoch steuernd eingreifen. Die Politik sowie Stadt- und Einwohnerrat werden die zunehmende Entfremdung der Innenstadt nicht rückgängig machen können. Doch ist es ihre dringliche Aufgabe, zu überlegen, wie man auf diese beängstigende Entwicklung Einfluss nehmen könnte. Reicht es, wenn die Stadt bei ihren Liegenschaften (Metro Shop) eine vernünftige Mietzinspolitik betreibt? Soll sie sich aktiver im lokalen Immobilienmarkt engagieren? Auf diese Fragen braucht es jetzt Antworten. Jetzt muss gehandelt werden, bevor das letzte Badener Geschäft, die letzte Traditionsbeiz einem Kleiderladen gewichen ist.

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