Wie ein Gespenst irrt es momentan in der Medienlandschaft umher. Nein, ich meine nicht das Kommunistische Manifest, sondern unser neues Geschichtsbuch «Gesellschaften im Wandel», das man auch im Kanton Aargau einführen will. Es sei linke Propaganda, schreibt etwa die NZZ ungewöhnlich scharf. Die SVP des Kantons Zürich möchte dieses Lehrmittel gar verbieten lassen. Es strotze – ich zitiere – in diesem Buch nur so von Halbwahrheiten und feministischen Agitprop (eine Abkürzung für Agitation und Propaganda). Régis Ecklin (übrigens auch Lehrer) von der Jungen SVP sagt in einem Positionspapier weiter: «Das Mantra der diskriminierten Frau und der rassistischen Schweiz sind Motive, die sich durch das ganze Lehrmittel ziehen.»

Unbestritten hat dieses Geschichtsbuch einen klaren Linksdrall. Aber: Lehrmittel sind eben nur Lehrmittel; vor der Klasse steht immer noch ein Geschichtslehrer wie etwa ich.

Ich bin aber nicht nur Lehrer, sondern auch Staatsbürger und ja: FDP-Mitglied. Die Frage muss also sein: Wie vereinbare ich ein solch linkes Lehrmittel mit meiner bürgerlichen Gesinnung? Letztlich ist es nämlich nur relevant, mit welcher Weltanschauung ich Geschichte unterrichte. Dieses Realienfach ist zwar dafür bekannt, dass die Schüler mit Fleiss und Auswendiglernen eine gute Note bekommen können. Geschichte ist aber für mich mehr als nur Jahreszahlen und Kriegsschauplätze pauken: In Zeiten von Fake News ist es enorm wichtig, Fakten und Meinung auseinanderzuhalten.

Geschichtslehrer, die einen klaren politischen Kompass (egal ob links oder rechts) haben, werden mit «Gesellschaften im Wandel» problemlos klarkommen. Wer aber den Inhalt eines Geschichtsbuches sakrosankt und unreflektiert den Schülern weitergibt, handelt nicht nur pädagogisch fahrlässig, sondern ist auch eine Gefahr für die freie Meinungsäusserung und damit für die Demokratie selbst.

Wir sollten also nicht darüber diskutieren, ob wir dieses Lehrmittel nun in den historischen Giftschrank sperren sollen, sondern dass in den Schulen heute fast nur noch links-grüner Mainstream herrscht. Gerade jüngere Lehrer sind politisch oft dermassen links, dass ich politische Gespräche, wenn möglich, vermeide. Oder noch schlimmer: Einige junge Pädagogen der Y-Generation sind schlicht unpolitisch und informieren sich bestenfalls mit «20 Minuten».

Gewiss, Sie fragen zu Recht, weshalb ich als liberal denkender Mensch keinen anderen Beruf gewählt habe, in dem ich Gleichgesinnte als Kollegen hätte. Nun, ich bin sehr gerne Lehrer, aber vor allem auch Querdenker. Und dies mit Leidenschaft. Wir Lehrer müssen aber immer kritisch sein – und auch politisch denken können. Ich finde vor allem: Es braucht unbedingt mehr Querdenker, ob links oder rechts, ist letztlich egal. Wenn Lehrer aber nur noch auf einem Mainstream surfen, ist dies verantwortungslos und gefährlich.

Der 47-Jährige unterrichtet im Kanton Zürich, lebt aber in Baden. Er äussert sich in der Kolumne privat. Als freier Journalist schreibt er für die AZ und für den «Mamablog» des «Tages-Anzeigers».