Vierte industrielle Revolution
In diesem Labor machen sich Berufslernende für den Megatrend der Zukunft fit

Vor kurzem hat die «libs Industrielle Berufslehren Schweiz» in Baden das «RemoteLab» in Betrieb genommen. Damit rüstet das Ausbildungsunternehmen seine über 1100 Lernenden für die vierte industrielle Revolution.

Stefanie Garcia Lainez
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Libs RemoteLab Baden Industrielle Berufslehren
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Fabian Rohmer an einer Workstation mit Tablet für die Fernwartung einer technischen Installation.

Libs RemoteLab Baden Industrielle Berufslehren

Alex Spichale

Fabian Romer soll auf den erwarteten Megatrend der Zukunft vorbereitet werden: die «Industrie 4.0». Das ist das Ziel der «libs Industrielle Berufslehren Schweiz» in Baden, dem grössten Ausbildungsunternehmen in der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie). Aus aller Welt strömen Bildungsminister in die Schweiz, um sich bei der «libs» über das duale Bildungssystem der Schweiz zu informieren, den Mix zwischen Lernen im Betrieb und in der Berufsfachschule.

Der Lehrling aus Wettingen wischt über das Tablet. «Ich verändere die Einstellung einer der vier Kameras, um einen besseren Blick auf die Kühlung des Schiffsmotors vor mir zu erhalten», erklärt er. Der angehende Automatiker hat die ganze Anlage zusammen mit anderen Lernenden selbst montiert, verdrahtet und mit dem Computer vernetzt, sodass er die Kühlung auch aus der Ferne überwachen und warten kann. Die Vorrichtung kühlt keinen richtigen Motor, sondern ist ein Testgerät im «RemoteLab», dem erst vor wenigen Wochen in Betrieb genommenen Labor der «libs». Hier bereiten sich die Lernenden auf die bevorstehende vierte industrielle Revolution vor.

Breite Vernetzung erwartet

Doch was bringt diese «Industrie 4.0» überhaupt mit sich? Eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist, wie «libs»-Geschäftsführer Ingo Fritschi erklärt: «Was die ‹Industrie 4.0› alles verändert, ist nicht einfach vorherzusagen. Wir erwarten aber, dass dieser Megatrend zur breiten Vernetzung führt. Die Zukunft liegt im Internet der Dinge.» Ein Beispiel: Das Fliessband, dessen Motor mit einem Sensor ausgestattet ist. Dieser überwacht den Motor und ist mit dem Internet verbunden. Dabei hält der Sensor mit einer Software fest, wie oft und wie lange der Motor in Betrieb ist. Der Vorteil: Das System kann anhand der Daten genau bestimmen, wann der Motor wieder gewartet werden muss. Dies spart Kosten, da die Wartung dann erfolgt, wenn sie auch wirklich nötig ist.

Üben im «RemoteLab»

Genau diese Vernetzung mit dem Internet und das Zugreifen auf ein bestimmtes Gerät aus der Ferne («remote») üben die Lehrlinge in ihren ersten zwei Ausbildungsjahren im «RemoteLab» in der «libs»-Werkstatt in Baden, bevor sie im dritten und vierten Lehrjahr in die Betriebe wechseln. Das Labor ist Teil der Initiative «Berufsbildung Industrie 4.0», die das Ausbildungsunternehmen vor einem Jahr startete. «Unsere Berufslernenden sind die Zukunft», sagt Fritschi. Deshalb sei es auch wichtig, eine Berufsbildung zu entwickeln, die in Richtung «Industrie 4.0» ausgerichtet sei.

Eine Vorstudie der «libs» zur «Digitalen Zukunft der Berufsbildung der Schweizer Industrie» habe gezeigt, dass nicht etwa die modernsten Programmiersprachen oder Netzwerktechniken entscheidend seien. «All dies wird relevant sein und auch in unsere Ausbildung einfliessen.» Aber neben dem selbstständigen Lernen liege die Zukunft in der breiten digitalen Vernetzung. Fritschi ist überzeugt: «Davon profitieren unsere Lehrlinge, die den Fortschritt vorantreiben.» Sprich: angehende Informatiker, Polymechaniker oder Automatiker wie Fabian Romer.

Der 17-jährige Lehrling sitzt unterdessen vor dem Computer. Romer übt den Ernstfall: Setzt die Kühlung des Schiffmotors mitten auf dem Ozean plötzlich aus, soll er es richten – aus der Ferne. Vor sich am Bildschirm lässt er ein Programm laufen, das die elektrischen Signale der Kühlung überprüft. Ist ein Sensor defekt, zeigt es das System an. Gleichzeitig lässt sich Romer auf dem Handy die Pläne der Kühlung anzeigen, während er via Tablet die Anlage aus vier verschiedenen Kamera-Perspektiven ansehen kann. «Die Kameras sind meine Augen vor Ort», sagt Romer. Ist ein Schalter defekt oder sonst etwas an der Kühlung ausserhalb beschädigt, erkennt er dies dank der Kameras oder dank der Software.

Angst vor Wegrationalisierung

Mit der kompletten Vernetzung als vierte industrielle Revolution nach Mechanisierung, Massenproduktion und Digitalisierung kommt auch die Angst, wegrationalisiert zu werden. Müssen künftige Berufsleute wie Fabian Romer um ihren Job fürchten? «Nein», sagt Fritschi. Die Schweizer Industrie ist fast zu 100 Prozent exportorientiert. Um trotz der hohen Kosten in der Schweiz dennoch erfolgreich exportieren zu können, spiele die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung eine wichtige Rolle. «Dies voranzutreiben – darin liegt die Zukunft unserer Firmen.» Fritschi: «Unsere ehemaligen Lernenden werden deshalb in der Zukunft ‹Nutzniesser› dieser ‹Industrie 4.0› sein und davon profitieren.»

Die «libs» bildet ihre Lernenden in 10 Berufsfeldern aus

Als Ausbildungsspezialist ist der Verein «libs Industrielle Berufslehren Schweiz» von A bis Z zuständig für die über 1100 Lehrlinge. Konkret: Die «libs» rekrutiert die Lernenden für ihre Mitglieder, schliesst die Lehrverträge mit ihnen ab und trägt die Verantwortung bis zum erfolgreichen Lehrabschluss. Sie bildet die Lernenden in zehn Berufsfeldern aus: Konstrukteur, Automatiker, Automatikermonteur, Anlagen- und Apparatebauer, Elektroniker, Informatiker, Kunststofftechnolog, Logistiker, Polymechaniker und Kaufmann/Kauffrau.

Die Mitgliedsfirmen werden von administrativen Aufgaben entlastet und haben mehr Zeit für ihre Lehrlinge, was wiederum Anreiz bietet, zusätzliche Lehrstellen zu schaffen. Die ganze Ausbildung wird von den Mitgliedsfirmen finanziert. Die duale Ausbildung dauert vier Jahre. Das theoretische Wissen vermitteln Berufsfachschulen. In Baden ist dies die BBB (BerufsBildungBaden), die sich auf demselben Areal wie die «libs» befindet. Die ersten beiden Jahre der praktischen Ausbildung verbringen die Lernenden in den Werkstätten der «libs» und nicht etwa in einem Betrieb.

Der Vorteil: Die «libs» hat die Infrastruktur, um den angehenden Automatikern oder Konstrukteuren ein sehr breites Fachwissen weiterzugeben. Mehr, als sie vor allem in kleineren Betrieben lernen könnten. Und: Wenn die Jugendlichen im dritten Lehrjahr in die Firmen wechseln und sich in der realen Arbeitswelt beweisen müssen, sind sie in den neusten Technologien ausgebildet. Etwas anders gestalten sich die kaufmännische Ausbildung und die Logistiker-Lehre: Sie dauern drei Jahre und beginnen schon vom ersten Tag an im Lehrbetrieb. (sga)