Herr Gretener, vor zehn Jahren hatte Mellingen knapp 4300 Einwohner, seit Mai sind es 5000. Woran liegt das?

Bruno Gretener: Wir haben das Glück, als Region das Wachstum von Zürich und Baden mitzumachen. Zusätzlich gab die Eröffnung des Bahnhofs Heitersberg im Jahr 2004 der ganzen Region einen Schub.

Warum begann das Wachstum in Mellingen später als in den Nachbargemeinden?

In den 90er-Jahren stieg die Einwohnerzahl kaum, auch weil es mit der Umfahrung nicht weiter ging. Ab 2000 entstand das Projekt, welches das Volk 2011 annahm. Das lockte Interessenten und Investoren an, die sagten: Okay, jetzt glauben wir an den Bau der Umfahrung. Das half mit, dass das starke Wachstum der Region auch in Mellingen einsetzte und dass viel gebaut wurde.

Ein Ende dieses Baubooms ist nicht in Sicht: Im Neugrüen sind 198 Wohnungen bezugsbereit, weitere 116 sind im Kreuzzelg geplant. Zusammen gibt das Platz für 650 Einwohner. Staunen Sie manchmal selbst ob dieser Zahlen?

Nein. In Niederrohrdorf zum Beispiel sind die Zuwachsraten noch höher. Die Region ist eben attraktiv. Das sagen mir auch die Neuzuzüger aus dem Gebiet rund um Zürich. Hier können sie in die S-Bahn sitzen und sind in 25 Minuten am Zürcher Hauptbahnhof. Selbst an vielen Orten im Limmattal ist das nicht möglich.

Eine Schattenseite des Bevölkerungswachstums ist die Zunahme des Verkehrs. Auf Ihrer Website verlangen Sie einen zweiten Heitersberg-Tunnel. Wie ernst ist es Ihnen damit?

Der erste Tunnel ist pumpenvoll und hat keine Kapazitäten mehr. Die Lösung ist daher effektiv ein zweiter Tunnel, vor allem für den Güter- und den Regionalverkehr. Im Regionalverkehr haben wir den Halbstundentakt nur zu den Hauptverkehrszeiten. Schauen wir die Verkehrssysteme in Grossstädten wie Paris, London oder Mailand an: Die Aussenstandorte in der Distanz Mellingen-Zürich haben dort mindestens einen durchgehenden Halbstundentakt.

Sie schlagen auch vor, die geplante Limmattal-Bahn bis zum Heitersberg weiterzuführen.

Ja, schliesslich steht das Trassee der alten Nationalbahnlinie immer noch. Die SBB braucht es als Ausweichroute für die Güterzüge. Wenn der zweite Heitersberg-Tunnel kommt, dann wird die Nationalbahnlinie frei, was wiederum Platz für Personenverkehr schaffen würde. Natürlich ist das nur eine Vision. Aber an grössere Ideen muss man möglichst früh denken, denn irgendwann gehen diese Türchen auf.

Mit dem Wachstum Mellingens befasste sich der Gemeinderat im Entwicklungskonzept 2035+. Wo soll das Städtchen noch wachsen?

Wenn man die ganze Umfahrung dazudenkt, dann ist klar: Wir wollen die Kernzone vom Durchgangsverkehr entlasten und auch dort wachsen, im Bereich Lindenplatz, Birrfeldstrasse und Lenzburgerstrasse. Dort macht eine Entwicklung aus der Sicht des Gemeinderats Sinn. Weiter wachsen können wir vor allem noch durch innere Verdichtung.

Demnach ist das Kreuzzelg die letzte grössere Überbauung auf freiem Land?

Gemäss dem neuen Raumplanungsgesetz sind praktisch keine Neueinzonungen möglich. Insofern ja.

Das Wachstum macht auch zusätzliche Pflegeplätze nötig. Das Alterszentrum plant zehn Jahre nach seinem Bau eine Erweiterung um 20 Pflegebetten. Reicht das längerfristig?

Laut Pflegegesetz muss nicht jede Gemeinde für ihre eigenen Einwohner so und so viele Pflegeplätze zur Verfügung stellen. Neben den grossen Pflegeinstitutionen in Baden und Niederwil gibt es viele kleinere. Es darf aber nicht sein, dass alle kleinen Altersheime das Gefühl haben, sie müssten jetzt auch wachsen und am Schluss haben wir zu viele Plätze. Wir müssen als Region schauen, wo weitere Pflegeplätze Sinn machen. Ich rechne damit, dass auch die privaten Anbieter sehr aktiv bleiben. Im Gesundheitsmarkt lässt sich offensichtlich viel Geld verdienen.

Wachsen will auch der Bezirkshauptort Baden. Hätte die Fusion zu Gross-Baden auch Auswirkungen auf Mellingen?

Wenn Baden hustet, merken wir das schon heute, gerade in Sachen Verkehr. Baden-Wettingen ist schon jetzt der Motor der Region und ein wichtiger Zentrumsort. So gesehen würde sich für uns nach einer Grossfusion nicht viel ändern.

1296 erlangte Mellingen das Habsburger Stadtrecht. Heute gilt als Stadt, wer 10 000 Einwohner hat. Wann ist es in Mellingen so weit?

Nie. Ich glaube nicht, dass Mellingen eine Stadt mit 10 000 Einwohnern wird. Im Entwicklungskonzept 2035+ haben wir davon gesprochen, dass Mellingen in ferner Zukunft maximal 7000 Einwohner haben könnte. Das ist aber definitiv keine Zielsetzung. Der Kanton will in den nächsten 20 Jahren um 180 000 Einwohner wachsen. Als kleines regionales Zentrum können wir einen Teil dieser Menschen in den verdichteten Wohnzonen aufnehmen.