Fislisbach
Indizien-Urteil: Boutique-Brandstifter erhält dreieinhalb Jahre

Vor vier Jahren wurden im Zentrum Gugger in Fislisbach mehrere Läden in Brand gesteckt. Jetzt hat das Bezirksgericht Baden den Täter zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt – der Fall bleibt aber nach wie vor suspekt.

Jörg Meier
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Der Pflichtverteidiger brachte es auf den Punkt: «Dieser Fall ist filmreif, geradezu hitchcockwürdig. Der Sachverhalt ist unklar, es gibt keine Beweise, nur Indizien. Jeder hat ein Motiv und alle irren, lügen oder können sich nicht erinnern.»

Eindeutig und unbestritten war einzig: In der Nacht auf den 29. April 2011 brannte es im Fislisbacher Zentrum Gugger. Eine Modeboutique, ein Coiffeursalon und ein Schuhladen wurden vom Feuer völlig zerstört; der Sachschaden wurde später auf 1,58 Millionen Franken beziffert.

Aufräumarbeiten in den zerstörten Läden
8 Bilder
Cony Trachsel, die Mitbesitzerin des zerstörten Coiffeur-Salons in Fislisbach ist fassungslos
Auf diesen Sesseln wird niemand mehr frisiert
Drei Läden wurden in Fislisbach durch den Brand vollkommen zerstört
Der Aufräumtrupp an der Arbeit
Diese Schuhe werden wohl unverkauft bleiben
Der Coiffeur-Puppenkopf fliegt in die Mulde
Die Männer von Renofit beim Aufräumen

Aufräumarbeiten in den zerstörten Läden

Walter Schwager

Rasch war klar, dass es sich um Brandstiftung handelte und dass das Feuer in der Boutique Beautiful ausgebrochen war. Jemand hatte Benzin ausgeleert und es entzündet. Ebenso schnell war klar, dass nur drei Personen für die Tat infrage kommen konnten: Die Besitzerin der Boutique, ihr Ex-Mann Oleg und der damalige Lebenspartner Igor (Namen geändert).

«Er hat meine Existenz zerstört, einfach alles zerstört», sagte Ladenbesitzerin Natascha Ritovska nach dem Prozess zu Tele M1. Tränenüberströmt. Sie leidet nocht heute. «Ich habe Albträume.»

Eine komplizierte Geschichte

Ritovska, ihr Ex-Freund und der damalige Partner stammen alle aus Mazedonien, genauso wie die weiteren Protagonisten der komplizierten Geschichte: ein dubioser Hellseher, der neue Partner der Boutique-Frau und eine Reihe von Kindermädchen, die immer nach drei Monaten ausgetauscht wurden. Denn die Boutique-Besitzerin Natascha Ristovska ist auch noch Mutter von drei Kindern, für die sie aber wenig Zeit aufbringen konnte, da sie ständig arbeitete: am Tag in der Boutique, in der Nacht in einem Pflegeheim. Der heftige Scheidungskrieg war ein Nebenschauplatz; die Kinder wurden Vater Oleg zugesprochen.

In der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Baden bezeichnete Oleg seine Exfrau als äusserst clever und schimpfte sie «Scheidungslügnerin». Kurz nach dem Brand hat sie ihn beschuldigt, den Brand gelegt zu haben; Oleg sass deswegen drei Tage in Untersuchungshaft.

Doch er kann es nicht gewesen sein. Er hat ein hieb- und stichfestes Alibi für den fraglichen Abend. Und Natascha Ristovska schuldet nicht nur ihm, sondern auch einer Reihe von andern Leuten Geld. Vor Gericht sagte Ristovska aus, sie habe Angst vor Oleg gehabt. Er habe sie mit der Pistole bedroht.

Da aber auch Ristovska ein Alibi für die Tatnacht hat – sie arbeitete als Nachtwache 30 Kilometer vom Zentrum Gugger entfernt – kommt als Täter nur noch Igor infrage.

Ristovska hatte Igor im Jahr 2010 via Internet kennen gelernt. Zwei Wochen nach der ersten Kontaktnahme stand er bei Ristovska vor der Tür und zog ungefragt bei ihr ein. Sie habe bald gemerkt, dass das keine Liebe sei. Aber sie sei ihn nicht mehr losgeworden. Das hat immer wieder zu Spannungen geführt. Auch zwischen Oleg und Igor.

Igor habe dann Ristovska erpresst: Wenn sie ihn verlasse, veröffentliche er intime Fotos und Filme von Ristovska im Internet, sagte er. Deshalb habe sie sich gefügt, sagt sie vor Gericht. Was Oleg aber offensichtlich nicht daran gehindert hat, die kompromittierenden Inhalte dennoch ins Netz zu stellen.

22 Handynummern

In der Tatnacht setzt sich Igor nach Mazedonien ab; erst im Dezember 2014 wird er in Slowenien verhaftet, in die Schweiz überführt, wo es vier Jahre und drei Monate nach der Brandstiftung zum Prozess kommt. Eine Dolmetscherin ist auch dabei. Aber sie kann wenig ausrichten. Igor gibt sich wortkarg, will von nichts wissen, hat das Meiste vergessen.

Klar ist nur eines: Mit dem Brand hat er nichts zu tun, sagt er. Auch die befragten Zeugen widersprechen sich und einander; können sich nicht mehr erinnern; belasten sich gegenseitig.

Vieles bleibt unklar: Zum Beispiel, warum alle Beteiligte immer wieder nach Mazedonien reisen und sich dort treffen; oder warum Natascha Ristovska 22 verschiedene Handynummern hatte. Eine davon wurde schliesslich Igor zum Verhängnis.

In der Verhandlung kam es immer wieder zu emotionalen Ausbrüchen; sowohl Ristovska als auch ihr neuer Partner Alban, mit dem sie nun ein Restaurant betreibt, störten mit Zwischenrufen; Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr musste mehrmals energisch eingreifen. Nicht verhindern konnte sie, dass in der Verhandlungspause Ristovska auf den von zwei Polizisten bewachten Igor losging und ihn ins Gesicht schlug.

Eifersucht und Hass

Obschon weder eindeutige Beweise noch ein Geständnis oder ein eindeutiges Motiv vorlagen, war der Fall für den Staatsanwalt klar; die Indizienkette lasse nur diesen einen Schluss zu, erklärte er: Igor hat den Brand am 29. April 2011 gelegt und sich dann nach Mazedonien abgesetzt.

Zum Verhängnis wurde ihm dabei, dass er eines von Ristovskas vielen Handys mitgenommen hatte. Es konnte einwandfrei festgestellt werden, dass das Handy kurz nach Brandausbruch in Fislisbach benutzt wurde und sich dann gegen Morgen hin aus der Schweiz entfernt hatte.

Als wahrscheinliches Motiv nannte der Staatsanwalt Eifersucht und daraus entstehenden Hass auf Ristovska. Er forderte wegen qualifizierter Brandstiftung eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

Der Verteidiger wies pointiert auf die vielen offenen Fragen hin und verlangte mangels Beweisen einen Freispruch für Igor – oder im Falle eines Schuldspruches höchstens ein Jahr Haft wegen Brandstiftung. Denn eine Gefährdung von Menschen habe zu keiner Zeit bestanden.

Das Gericht hatte keine entscheidenden Zweifel am Tathergang, sprach deshalb Igor der Brandstiftung schuldig und verurteilte ihn zu dreieinhalb Jahren Haft. Dieses Strafmass liegt deutlich unter dem Antrag des Staatsanwaltes. Das Gericht beurteilte die Tat – im Gegensatz zum Staatsanwalt – als Brandstiftung ohne Gefährdung von Menschenleben.

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