Baden

Ines Geipel: «Du bist jemand anderer durch die Chemie»

Thomas Gröbly sprach mit Ines Geipel über das «Scheitern nach Programm» und das Staatsdoping der ehemaliegen DDR.

Thomas Gröbly sprach mit Ines Geipel über das «Scheitern nach Programm» und das Staatsdoping der ehemaliegen DDR.

Unter dem Titel «Scheitern nach Programm» interviewte Thomas Gröbly die ehemalige Leichtathletin und Philosophin Ines Geipel im ThiK. Es wurde ein Gespräch über das systematische Verabreichen von Doping in der DDR.

«Die Kunst des Scheiterns» heisst die aktuelle Philothik-Saison im Theater im Kornhaus. Thomas Gröbly sprach mit Ines Geipel, ehemalige Leichtathletin und Philosophin, über Doping und die DDR, die das Staatsdoping ab 1974 einsetzte.

40 Jahre später ist das System im weltweiten Spitzensport weit ausgeklügelter, raffinierter – und das Doping allgegenwärtig. Ines Geipel mag die Pauschalisierung nicht, dennoch sagt sie: «Alle Sportarten, auf die die Kameras gerichtet sind, haben ein Problem.»

Was in der DDR ein Zwangssystem war, sei heute weltweit Systemzwang. «Es geht ja jetzt schon wieder los: Wenn wir (die Deutschen) dieses Jahr nicht Fussball-Weltmeister werden, fallen wir um. Man sollte meinen, dass der Staat ein System schaffen könne, in dem die Jungen nicht kaputtgemacht werden», sagt Ines Geipel.

Geipel liess Weltrekord streichen

Ines Geipel lief 1984 mit der DDR-4x100-Meter-Staffel Weltrekord. 2005 bat sie den deutschen Leichtathletik-Verband ihren Namen aus der Rekordliste streichen zu lassen, da sie ihn nur durch unfreiwillige Dopingeinnahme erreichte. Seither ist anstelle ihres Namens ein Sternchen in der Rekordliste aufgeführt.

Relativ spät, mit 17 Jahren, kommt Ines Geipel aus Dresden zum Spitzensport. «Du hast Lust an Bewegung und möchtest herausfinden, wie schnell es geht. Du bist ein Stück Elite und das wird dir jeden Tag gesagt», erzählt Ines Geipel.

Mit dem unterdrückten Ich einer 17-Jährigen und dem Traum vom Olympiasieg werde kaum über das System nachgedacht.

Ich dachte: «Wow, du musst nur trainieren und bist ein halbe Sekunde schneller.» Rund 15 000 Sportlerinnen und Sportler, darunter auch 8-jährige Kinder, wurden in der DDR mit männlichen Sexualhormonen gedopt.

«Durch die Chemie gehst du dir verloren, was heisst das?», fragt Moderator Thomas Gröbly. «Mit Steroid-Doping kannst du 10 Kilogramm mehr Muskelmasse haben, doch das muss der Körper verkraften», antwortet Ines Geipel.

Die Frage nach der philosophischen Komponente des verlorenen Ichs durch das Doping erklärt Geipel so: Es sei eine Frage nach Rückkehr, wie könne man ins eigene Ich zurückkehren? Um zu sehen: «Es geht nicht, du bist jemand anderer durch die Chemie.»

«Was wäre denn eine gesunde Gesellschaft?», will Thomas Gröbly wissen. Viele Menschen litten unter Depressionen, Burn-Outs, sagt Geipel.

«Tatsächlich scheinen unsere Seelen, das Gesündeste an uns zu sein. Durch eine Depression will die Psyche nicht so schnell klein beigeben», erklärt sie.

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