Ruth Erdt weiss, wie es sich in einer grossen Stadt anfühlt. Schliesslich hat sie Wohnsitze in Zürich und Berlin. Seit letztem Jahr kennt sie sich aber auch auf dem Land aus: Im April 2017 gab die Künstlerin ihr Leben in der Stadt Zürich auf, zog ins beschauliche Freienwil – und lichtete die Bewohnerinnen und Bewohner bis Ende Oktober in einer Porträtserie ab. Entstanden ist «Eine Chronik für Freienwil». Nun wird der Bildband im Rahmen eines Dorffestes am kommenden Samstag erstmals vorgestellt.

«Das Buch ist eine Momentaufnahme, mit der das Leben im Dorf möglichst authentisch abgebildet werden soll», erklärt Erdt das Konzept hinter der Porträtserie, die eine lange Vorgeschichte hat. Inspiriert wurde sie durch Franz Suter. Der 1907 geborene Freienwiler wanderte in jungen Jahren nach Kanada aus. Im Exil in Übersee notierte Suter neben einem exakten Strassennetz Anekdoten, Ereignisse und Geschichten aus seinem Heimatdorf und fügte sie zu einer ersten Freienwiler Chronik zusammen.

Ins Rollen kam das Fotoprojekt aber erst 2014 – aufgrund eines Baches: Immer wieder hatte die Gemeinde Freienwil in den vergangenen Jahren mit Überschwemmungen zu kämpfen. Nach Niederschlägen stieg jeweils das Wasser des Maasbaches in der Dorfmitte an. Vor vier Jahren sagten die Freienwiler im Rahmen des Hochwasserschutzes deshalb Ja zu einer Frei- und Umlegung des Baches.

Bei der Finanzierung konnte das Dorf auf die Unterstützung der Mobiliar Versicherung zählen. 250 000 Franken flossen aus deren Präventionsfonds in die Baumassnahmen. Bei diesem finanziellen Zustupf beliess es die Versicherungsgesellschaft allerdings nicht und beschloss, auch ein Kunstprojekt für die Dorfbewohner zu realisieren. Statt auf eine Skulptur im öffentlichen Raum setzte die Mobiliar dabei auf eine Porträtserie. Den Zuschlag für das Projekt erhielt Ruth Erdt.

Vorgärten und Wohnzimmer

Auf einer Website konnten sich die Freienwiler für die Fotoshootings einschreiben. Menschen aus 140 Haushalten – rund einen Drittel der Freienwiler Bevölkerung – hat Erdt in einem halben Jahr vor die Linse bekommen. Während dieser Zeit im Dorf zu wohnen, sei für sie ein entscheidender Faktor gewesen: «Ich wollte in das Leben der Freienwiler eintauchen und nicht einfach die Auswärtige bleiben.» Dabei lernte sie nicht nur ihre eigenen vier Wände in der Mietwohnung, sondern auch jene der Freienwiler kennen. Da die Porträts bei den Dorfbewohnern zu Hause gemacht wurden, erhielt Erdt Einblick in deren Wohnzimmer, Vorgärten und Lieblingsorte.

Knapp zwei Stunden waren pro Fototermin einkalkuliert. «Da darf man keine Zeit verlieren», sagt Ruth Erdt. «Nach dem ersten Kennenlernen musste ich innert wenigen Minuten sehr viele Entscheidungen treffen. Wie sollen die Personen inszeniert werden? Was eignet sich, was nicht?» Auch wenn sie bei den Shootings sämtliche künstlerische Freiheiten genoss, sei sie auch auf Wünsche eingegangen, sagt Erdt. «Es waren viele aussergewöhnliche Sachen dabei. Einmal wollte ein Frauenpaar ihre beiden Alpakas mit auf dem Bild haben, da holten wir die Tiere eben in die Wohnung. Das war eine witzige Erfahrung, die das Eis sofort gebrochen hat.»

Im Vorfeld eines jeden Treffens habe sie keinerlei Anhaltspunkte gehabt, habe nicht gewusst, was sie erwartet, erinnert sich Erdt. Als sehr offen und angenehm habe sie die Freienwiler wahrgenommen, die sich für das Projekt angemeldet hatten. Die Teilnehmenden seien ihr gegenüber zwar meist aufgeschlossen gewesen, einige hätten ihr anfänglich aber auch eine gewisse Skepsis entgegengebracht. Erdt findet das nachvollziehbar: «Ein Porträt ist immer etwas sehr Intimes und Persönliches. Meine Aufgabe als Fotografin war es, den Leuten ihre Bedenken zu nehmen.»

Längst ist Ruth Erdt wieder in ihrem gewohnten Alltag in Zürich angelangt. An ihr «Dorfleben auf Zeit» erinnert sie sich gerne zurück. Es habe ihr im Vergleich zum Leben in der Stadt in Freienwil an nichts gefehlt, wie sie betont. Bis auf eines vielleicht: «Ein wenig vermisst habe ich nur die unmittelbare Nähe zu einem See oder einem Fluss.» Sie selbst habe versucht, sich im Dorf nicht zu verstecken, sondern die Leute auch abseits der Fototermine kennenzulernen. «Ich kann sagen, dass einige doch auch zu Freunden geworden sind», sagt Erdt rückblickend.

Rückkehr nach Freienwil

Auch einschneidende Veränderungen im Dorf, wie die Sanierungsarbeiten am «Weissen Wind», habe sie gespannt mitverfolgt. Nun wird Erdt zum ersten Mal auf eine wiedereröffnete Dorfbeiz treffen, wenn sie am 16. Juni anlässlich der Buchvernissage nach Freienwil zurückkehrt. Auf das Wiedersehen mit den Freienwilern freue sie sich sehr, sagt Erdt. Gleichzeitig gibt sie zu, auch ein wenig angespannt zu sein. Denn alle Haushalte, die am Fotoprojekt teilgenommen haben, werden am Samstag ein Exemplar des Bildbandes erhalten. «Dann wird sich zeigen, ob ihnen gefällt, wie ich sie dargestellt habe.»