Kurtheater Baden
Inzest – und alle schauen weg

Mit 18 schrieb Katja Brunner «Von den Beinen zu kurz»: Das Schauspiel Hannover gastierte mit dem preisgekrönten Stück im Kurtheater.

Elisabeth Feller
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Die Protagonisten des Stücks haben eine beklemmende Wirkung.

Die Protagonisten des Stücks haben eine beklemmende Wirkung.

Katrin Ribbe

Die Wände sind mit skizzenhaften Menschen- und Tiergesichtern bemalt; ringsum sind Waschbecken angebracht; links befindet sich ein thronähnlicher Ledersessel; hinten türmen sich Matratzen. Fällt der Stapel um, ist er ein Spitalbett. Gespenstisch wirkt dieser Fantasieraum (Dirk Thiele, Mareike Hantschel) anfänglich umso mehr, als dass drei ineinander verknäuelte Schauspieler wie tot auf den Brettern liegen.

Aber dann schleift sie eine kindliche Gestalt im weissen Kleid, Zöpfen und einem blau-rosa geschminkten Clownsgesicht über die Bühne. Plötzlich wird die Szene lebendig. Die Totgeglaubten drehen sich auf dem Boden. Ein Walzer erklingt dazu, was sich anhört, wie von einer alten Vinylplatte abgespielt. Immer wieder stockt die Musik: Die Platte hat einen Sprung, vielmehr einen gewaltigen Kratzer– wie ihn auch die namenlose Familie hat, die die heute 24-jährige Schweizer Autorin Katja Brunner in ihrem Stück «Von den Beinen zu kurz» vereint.

Keine Familienidylle: Der Vater missbraucht die fünfjährige Tochter. Von Unfassbarem erzählt Brunner, aber auch von Unglaublichem; einem Kind, das sich nicht etwa auflehnt gegen den Vater, sondern diesen sogar schützt: «Mein Vater – er ist anders als all die Väter und das ist gut so.» Der rechtfertigt sein Tun mit der Verführung, die halt greifbar nahe gelegen habe. Grausam ist das, widerlich. Unvorstellbar, dass ausnahmslos alle wegschauen.

Puppen als Vertraute

Wie setzt Regisseurin Heike M. Götze die von Brunner mit 18 Jahren geschriebene Inzestgeschichte um? Indem sie das Geschehen in eine surreale Welt verpflanzt und damit dem Zuschauer jene notwendige Distanz verschafft, die ihn nicht (nur) in hilflose Betroffenheit taumeln lässt. Die kalkig geschminkten, oft grosse Rundköpfe aufsetzenden Protagonisten (Lisa Natalie Arnold, Katja Gaudard, Dominik Maringer, Oscar Olivo), variieren ihre Texte mannigfach und unterstreichen das Gesprochene mit abgezirkelten Bewegungen, die jenen von Puppen ähneln.

Damit überantwortet Götze das Geschehen «seelenlosen», zum Spiel idealen «Gegenständen», denen Kinder selbst das Schlimmste anvertrauen. Die Puppen sind bei Götze aber keine schweigenden Zuhörer, sondern handelnde Vertraute in einem bitterbösen, mit Märchentexten ergänzten Inzestspiel. Beklemmende Stille im Zuschauerraum; am Ende langer Applaus.

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