Oberrohrdorf

«Irgendwann muss ich loslassen»: Wenn ein Hong Konger Künstler in Oberrohrdorf ausstellt

Tsunshan Samson Ng wuchs in Hongkong auf, und lebt heute mit seiner Frau in Niederrohrdorf. Bild: ubu

Tsunshan Samson Ng wuchs in Hongkong auf, und lebt heute mit seiner Frau in Niederrohrdorf. Bild: ubu

Der gebürtige Hongkonger Künstler Tsunshan zeigt in der Zähnteschüür in Oberrohrdorf neue und vor allem überraschende Werke.

«Ein Bild ist nie fertig», sagt Tsunshan vor einem seiner Bilder, die er bis zum 27. Oktober 2019 in der Zähnteschüür Oberrohrdorf zeigt. Nachdenklich schaut er das grossformatige abstrakte Acrylgemälde an, das an eine Insel im Meer aus der Vogelperspektive erinnert. Der Malstil des 63-jährigen Chinesen weist Elemente des Action Paintings auf.

Dem Betrachter offenbaren sich Bildwelten mit wilden schnellen Pinselstrichen; und Farben, die der Künstler immer wieder mit Wasserspray besprüht hat, damit sie ineinander überfliessen. Obwohl viele Exponate an Landschaften erinnern, sind es kaum je reale Gegenden, die Tsunshan zu den Malereien inspirieren. Er geht in erster Linie den eigenen Gefühlen und inneren Bildern nach und setzt seine Seelenlandschaften intuitiv auf der Leinwand um.

Das Ergebnis ist immer eine Überraschung. Auch für den Künstler selber. «Wenn mir ein Werk nicht gefällt, übermale ich es und fange neu an. Oder stelle das Bild zur Seite und vollende es in einem zweiten Anlauf.» Als Finish setzt er noch ein paar ganz gezielte Akzente.

Oft ist es nur ein feiner Strich oder ein roter Farbfleck. Mit diesen kleinen Details balanciert er die Aufteilung auf der Leinwand gekonnt aus. Aber eben: Ein wirkliches Finale gibt es für ihn nie. «Irgendwann muss ich loslassen. Dann rahme ich das Bild einfach und setze damit dem kreativen Prozess ein Ende», sagt Tsunshan.

Seine fernöstlichen Wurzeln zeigen sich in der Kunst

Er arbeitet in seinem Atelier in Niederrohrdorf flach auf dem Tisch oder dem Boden. Rahmen und Leinwände stellt er alle selber her, genauso wie die Farben. Seine Ausstellung in Oberrohrdorf ist eine der ersten seit langem. 30 Jahre hat Tsunshan in renommierten Werbeagenturen in Zürich als Art Director gearbeitet.

Erst seit drei Jahren widmet er sich wieder voll der Kunst. Augenfällig ist, dass keines seiner Bilder in der neuen Ausstellung mit einem Titel versehen ist. Denn der Betrachter soll eine möglichst grosse Spielwiese für eigene Assoziationen haben. Nur die Installationen aus Schwemmhölzern, die Tsunshan lackiert und die Schönheit ihres natürlichen Wuchses mit feinen Blattgold-Elementen unterstreicht, haben eine konkrete Botschaft.

Unter einem Objekt steht ein Text über den Wald als grüne Lunge der Erde. Die Natur ist für den Künstler eine der wichtigsten Inspirations- und Kraftquellen.

Mit vollem Namen heisst der Gastaussteller in der Galerie Zähnteschüür Tsunshan Samson Ng (ausgesprochen «Entschi»). Bis zu seinem 17. Lebensjahr lebte er in seiner Geburtsstadt Hongkong. Während seines Kunst- und Design-Studiums in London verdiente er sich als Porträtmaler auf der Strasse einen kleinen Extrabatzen.

Dort lernte er seine Frau Patrizia, eine gebürtige Niederrohrdorferin kennen, die gerade einen Englischaufenthalt machte. Und sich von ihm malen liess. «Sie war der Grund, dass ich in die Schweiz kam», sagt Tsunshan und strahlt. Er erhielt ein Stipendium und bildete sich in Florenz in Malerei und Skulptur weiter, bevor es in den Aargau ging. Das Paar ist mittlerweile 31 Jahre verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

«Niederrohrdorf ist heute mein Zuhause», sagt Tsunshan. Trotzdem drücken seine fernöstliche Wurzeln in der Kunst durch und erinnern von der impulsiven Pinselführung her manchmal an Kalligrafie, die in China und Japan einen besonders hohen Stellenwert hat. Ein witziges Element in der Zähnteschüür sind die zwei vergoldeten Stiefel, die an der Decke fixiert sind. Auch dieses Werk kommentiert Tsunshan nicht. Jeder kann sich selber dazu denken, was er will.

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