Baden/Zurzibiet
Ist der Kiosk ein Auslaufmodell? – «Betriebe in Dörfern werden es schwer haben»

Nach der Schliessung der Verkaufsstelle in Oberrohrdorf betreibt Valora in den Bezirken Baden und Zurzach noch 14 Kioske. Auch private Betreiber spüren Umbruch.

Carla Stampfli (Text und Foto)
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Seit drei Jahren ist Kioskbetreiberin Lydia Bieri (76) aus Turgi auf der Suche nach einem Nachfolger.

Seit drei Jahren ist Kioskbetreiberin Lydia Bieri (76) aus Turgi auf der Suche nach einem Nachfolger.

Carla Stampfli

Nach über 30 Jahren hat er Ende Jahr seinen Betrieb eingestellt: der Kiosk an der Bushaltestelle im Zentrum von Oberrohrdorf. Für viele Einwohner gehörte ein kurzer Stopp zur Gewohnheit. Doch für die Betreiberin, die Valora AG, genügte dies nicht mehr: Wegen tiefer Kundenfrequenzen und neuer Konkurrenzangebote hat sie den Mietvertrag mit der Gemeinde gekündigt. Mit der Schliessung der Filiale betreibt Valora im Bezirk Baden noch neun Verkaufsstellen, fünf sind es im Zurzibiet.

Schliesst der Kioskkonzern in der Region bald noch weitere Filialen? Hat Valora doch schweizweit schon Hunderte Kioske aufgegeben und sich in den letzten Jahren auf sogenannte kleinformatige Ladenkonzepte für Take-away, Kaffee sowie Laugenbackwaren konzentriert. Auf Anfrage sagt Mediensprecher Lukas Mettler, dass Valora in regelmässigen Abständen evaluiere, «welche Verkaufsstellen aus kommerzieller und strategischer Sicht Sinn machen». Weitere Schliessungen seien in den Bezirken Baden und Zurzach «im Moment nicht vorgesehen».

Grosse Zentren statt Kioske

Den Umbruch in der Branche spüren auch privat geführte Kioske. Gemäss Handelsregister gibt es in den Bezirken Baden und Zurzach knapp 20 Firmen, deren Zweck ausschliesslich der Betrieb eines Kiosks ist. «Die traditionellen Standbeine des Kiosks, etwa Presseprodukte und Tabakwaren, sind seit vielen Jahren rückläufig. Niemand ist mehr bereit, nur für Nachrichten an den Kiosk zu gehen und dafür auch zu bezahlen», sagt Hansluz Nussbaum. Er ist Präsident des Schweizerischen Kiosk-Inhaberverbands (SKIV), dem hierzulande rund 130 private Kioskbetreiber angehören. Nussbaum betont dabei, dass der «Rückgang nicht nur uns trifft, sprich, privat geführte Kioske, sondern auch Konzerne wie Valora».

Lydia Bieri, die seit bald 30 Jahren den Kiosk bei der Post in Turgi führt und dem Verband angehört, bestätigt: «Nur vom Verkauf von Zigaretten und Zeitungen könnte ich nicht mehr leben.» Das Einkaufsverhalten der Kunden habe sich verändert. «Heute nimmt man lieber das Auto und fährt in die grossen Zentren, in denen alles auf einmal erhältlich ist», sagt die 76-Jährige. Hansluz Nussbaum fügt an: «Wenn Kioskbetreiber ihren Betrieb nicht schliessen wollen, müssen sie sich etwas einfallen lassen und auf alternative Produkte setzen.» Das könnten zum Beispiel Fertigmahlzeiten, Convenience-Food, sein.

Die Turgemer Kioskbetreiberin hat ihr Sortiment ebenfalls angepasst. An ihrem Stand sind mittlerweile auch die offiziellen Kehrichtsäcke der Gemeinde erhältlich. «Im Vergleich zu früher ist der Umsatz dennoch zurückgegangen», sagt Bieri. Neben dem veränderten Konsumverhalten hätten auch Tankstellenshops, der Einkaufstourismus oder die Tatsache, dass es in Turgi im Vergleich zu früher nur noch wenige Läden gibt, zu einem Rückgang geführt. Trotz aller Konkurrenz: Ihr Kiosk hat sich gehalten. Vor allem das Lottogeschäft und Lose würden gut laufen, ebenso kämen viele Kinder der nahegelegenen Schule vorbei.

Heute sind an Kiosken auch Toilettenartikel, Backwaren und Kaffee erhältlich. Es gibt Leih-Akkus für Smartphones und man kann Pakete aufgeben sowie abholen. Weshalb ähneln Verkaufsstellen immer mehr «Gemischtwarenladen»? Der Valora-Mediensprecher sagt: «‹K Kioske› sind Convenience Shops, die sich an den Bedürfnissen der Kunden ausrichten. In den letzten Jahren führte dies insbesondere zu einem Ausbau im Bereich des Food-Angebotes.» Mettler betont, dass trotz Umbruch der Kiosk aber kein Auslaufmodell sei: «Für Valora bleibt das Kiosk-Geschäft nach wie vor ein Kerngeschäft.» Kleinflächige Verkaufsstellen an hochfrequentierten Lagen seien auch künftig ein wichtiges Standbein von Valora.

Vorteile der Selbstständigkeit

Auch Bieri glaubt, dass solche Kioske, etwa an Bahnhöfen, Zukunft haben. «Doch Kioske in den Dörfern werden es mit der Zeit wohl schwer haben.» Sie selber ist seit drei Jahren auf der Suche nach einem Nachfolger – und wollte in diesem Jahr eigentlich kürzertreten. «Bis heute habe ich aber niemanden gefunden, der den Betrieb kaufen und übernehmen will.» Sie habe auch mal darüber nachgedacht, bei Valora anzuklopfen. Doch als sie gehört habe, dass der Konzern nach und nach Filialen schliesse, sei sie von der Idee abgekommen. «Als Private kann ich mir mein Sortiment selber auswählen. Mir wird kein Druck von oben gemacht und nicht so vieles vorgeschrieben», zählt Bieri einige Vorteile der Selbstständigkeit auf.

Wann sie in den verdienten Ruhestand geht, kann sie nicht beantworten: «Den Kiosk einfach so zu schliessen, wäre schade.» Vor allem wegen der Kunden, mit denen sie einen schönen Austausch pflege. Sie habe den Kiosk immer sehr gerne geführt. Eines weiss Lydia Bieri jetzt schon: «Wenn ich den Kiosk nicht mehr habe, werde ich den Betrieb bestimmt vermissen.»