Baden
Ist es in Ordnung, wenn ein Chef mit seinem Lehrling in die Kiste steigt?

Ein Gerichtsfall wegen Sex im Lehrbetrieb gibt zu reden, das Gericht schütze so Sex mit Abhängigen, wird vorgeworfen; für den Aargauer Strafrechtler Martin Killias ist das Urteil aber vertretbar.

Daniel Vizentini
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Martin Killias war selber von 1984 bis 2008 nebenamtlicher Richter am Bundesgericht. Daneben das Bezirksgericht in Baden.

Martin Killias war selber von 1984 bis 2008 nebenamtlicher Richter am Bundesgericht. Daneben das Bezirksgericht in Baden.

Keystone

Das Bezirksgericht Baden sprach kürzlich einen 47-jährigen Mann aus der Region frei, der zum zweiten Mal wegen sexueller Handlungen mit einem Lehrling vor Gericht antraben musste.

Noch beim ersten Fall 2013 wurde der Mann schuldig gesprochen, weil der Lehrling zum Tatzeitpunkt noch nicht 16 Jahre alt gewesen war und damit noch im Schutzalter stand.

Im zweiten Gerichtsfall lief das anders: Der Lehrling war einerseits schon 16 Jahre alt, andererseits konnte er das Gericht nicht davon überzeugen, dass sein Vorgesetzter seine Abhängigkeit oder Notlage als Lehrling ausgenutzt habe.

Dieses letzte Urteil gibt zu reden. In einem Online-Kommentar schrieb ein Leser etwa: «Das Gericht schützt Sex mit Abhängigen. Das ist verwerflich.» Ein anderer fügte an: «Ein zweimaliges, wenn auch subtiles Ausnützen einer Abhängigkeit zeigt klar auf, dass dieser Mensch die ganz feinen Grenzen nicht zu kennen scheint.»

Es bleibt also die Frage: Ist es eigentlich nicht per se schon problematisch oder gar verboten, wenn etwa Lehrmeister und Lehrling, Professorin und Student oder Chef und Praktikantin eine Affäre oder Beziehung miteinander eingehen?

Das sagt das Strafrecht

Rein juristisch ist dies gemäss Strafrechtsprofessor und Nationalratskandidat Martin Killias (SP) so lange nicht verboten, als die Beziehung einvernehmlich erfolgt. «Bei der Gesetzesrevision 1991 wollte man zwar den jüngeren Beteiligten vor Missbrauch durch eine Autoritätsperson schützen, gleichzeitig aber konsensuale Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz nicht kriminalisieren.»

Als Beispiel nennt er einen 21-jährigen Klavierlehrer und eine 18-jährige Schülerin, die sich ineinander verlieben: Früher lag das Schutzalter bei 20 Jahren, solche Beziehungen wurden damals ausnahmslos geahndet, auch wenn es sich um junge Leute handelte.

Heute muss bei über 16-Jährigen geprüft werden, ob der Jüngere die Beziehung nur wegen des Abhängigkeitsverhältnisses eingegangen ist. «Wenn beide eine lange Beziehung führen, ist es schwierig zu sagen, ob ein Missbrauch vorliegt», sagt Killias.

Wenn sich der betroffene Lehrling – wie im vorliegenden Fall – zudem über längere Zeit nicht wehrt, könne man die Ausnützung der Abhängigkeit durch den Vorgesetzten kaum mehr beweisen.

Den Freispruch des 47-jährigen Geschäftsführers durch das Bezirksgericht Baden findet Killias deshalb in strafrechtlicher Hinsicht vertretbar. «Das Verhalten des Geschäftsführers empfinde ich aber als völlig unprofessionell und störend.»

Er gibt an, Fälle zu kennen, in denen betroffene Lehrlinge aus solchen Gründen den Betrieb verlassen wollten, dann aber grösste Schwierigkeiten hatten, eine neue Lehrstelle zu finden. «Das ist wirklich eine Schwachstelle im Lehrsystem. Die Lehrstelle zu wechseln, ist oft sehr schwierig.»

«Letztlich eine moralische Frage»

Bleibt da noch die Frage, ob Beziehungen zwischen Geschäftsführer und Lehrling immerhin berufsrechtlich verboten sind. Gemäss Simone Strub, Leiterin Kommunikation beim kantonalen Bildungsdepartement, gibt es keine Richtlinien diesbezüglich.

«Letztlich ist es eine moralische Frage», sagt sie. Es gebe aber mehrere Gesetze, die die persönliche Integrität der Lehrlinge und die Qualität der Ausbildung schützen. Ein Lehrmeister müsse demnach neben fachlichen und pädagogischen Fähigkeiten auch über genügend Sozialkompetenzen verfügen.

Nach dem ersten Fall 2013 überprüfte die kantonale Lehraufsicht deshalb die Bildungsbewilligung für den Betrieb des damals verurteilten Geschäftsführers und entzog dem die Erlaubnis, männliche Lehrlinge auszubilden.

Der Geschäftsführer bildet die Lehrlinge zwar nicht selber aus; er hat gar keinen Lehrmeistertitel. Als Chef sei er aber in den Lehrbetrieb involviert. Weibliche Lehrlinge darf der Betrieb hingegen weiterhin ausbilden. Für die Lehraufsicht habe es gemäss Simone Strub keine Anzeichen dafür gegeben, dass auch sie gefährdet sein könnten.

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