Interview

«Ja, ich werde wohl da und dort Kopfschütteln ernten»: Badener Stadträtin Sandra Kohler über ihren Rücktritt

Tritt Ende Mai zurück: die Badener Stadträtin Sandra Kohler.

Tritt Ende Mai zurück: die Badener Stadträtin Sandra Kohler.

Im Interview mit dem Badener Tagblatt führt Noch-Stadträtin Sandra Kohler (38, parteilos) aus, weshalb sie – laut eigener Aussage «erhobenen Hauptes» – zurücktritt.

Am Mittwochmorgen haben Sie nach nicht einmal zweieinhalb Jahren im Amt Ihren Rücktritt als Badener Stadträtin erklärt und damit wohl nicht wenige überrascht. Wann haben Sie Ihre Stadtratskollegen informiert und wie haben diese reagiert?

Sandra Kohler: Meine Stadtratskolleginnen und Stadtratskollegen habe ich am Montagmorgen an der Stadtratssitzung informiert; mit Stadtammann Markus Schneider hatte ich mich schon früher bezüglich Vorgehen abgesprochen. Sie haben meinen Entscheid zur Kenntnis genommen und respektiert. Wir haben uns dann darauf geeinigt, rasch zu kommunizieren. Erstens, damit die Parteien genügend Zeit haben, geeignete Kandidaten für die Ersatzwahl zu finden. Zweitens, weil ich persönlich die Erfahrung gemacht habe, dass Menschen keine grosse Lust mehr verspüren, mit jemandem zusammen zu arbeiten, der sich innerlich verabschiedet hat.

Sie sind mit grossen Ambitionen und nicht mit zu knappem Selbstvertrauen bei den Stadtratswahlen 2017 angetreten. Aussagen wie «nur das Stadtammann-Amt liegt mir wirklich», «wer den Neuanfang will, wählt mich» oder «ich komme nicht aus dem Chlüngel» gehörten zu Ihrem Repertoire. All jene, die sie damals wählten, müssen sich heute ziemlich verschaukelt vorkommen?

Ja, ich werde wohl da und dort Kopfschütteln ernten für diesen Entscheid. Doch das war schon der Fall, als ich mich erdreistet habe, als Parteilose für das Amt des Badener Stadtammanns zu kandidieren. In den Augen einiger Menschen habe ich jetzt wohl erneut die Frechheit, einen anderen Weg zu gehen – aber ich bin so! Glauben Sie mir: Dieser Entscheid ist mir nicht einfach gefallen, aber am Schluss will ich ehrlich zu mir selber sein. Fakt ist aber auch, ich bin heute noch sehr dankbar, dass ich damals gewählt worden bin und ich diese zweieinhalb Jahre Stadträtin sein durfte. In dieser Zeit habe ich mich sehr für die Stadt engagiert ...

... wofür Sie immerhin stolze 65'000 Franken pro Jahr erhielten.

Ja, alle Stadträtinnen und Stadträte erhalten per Gesetz pauschal 65'000 Franken pro Jahr.

Die Frage, die sich stellt: Was genau ist in den letzten zweieinhalb Jahren mit Ihnen als Person passiert, dass Sie – nach nicht einmal einer Legislatur und mit so vielen Versprechen im Wahlkampf – als Stadträtin zurücktreten?

Als Stadträtin ist man sehr privilegiert, weil man sehr nahe an den Menschen und ihrem Leben ist. Zudem verfolge ich die Ereignisse auf der Welt mit grosser Aufmerksamkeit. Dabei bin ich in den letzten Monaten zur Erkenntnis und zur festen Überzeugung gekommen, dass wir Menschen komplett auf dem Holzweg sind. Es gibt so viele Menschen, die krank sind oder es werden. Es muss sich etwas verändern in dieser Gesellschaft.

Wie sind Sie zu dieser Erkenntnis gelangt und wo zeigt sich dieser Holzweg Ihrer Meinung nach?

Ich habe sehr viele Gespräche geführt, viel gelesen und vor allem viele Weiterbildungen zu Gesellschaftsthemen absolviert. Unsere immer mehr auf Individualismus und Abschottung aufgebaute Gesellschaft erachte ich als ungesund. Hier suche ich nach Antworten und Inputs – und zwar jetzt.

Aber wie, wenn nicht als Stadträtin, wären Sie in der Lage, diese Themen aktiv zu beeinflussen?

Das stimmt einerseits, denn gerade in einer Kleinstadt wie Baden könnte man das Gemeinschaftliche viel mehr fördern. Andererseits gibt es verschiedene Interessengruppen, die alle in ihrer Blase funktionieren, doch untereinander nichts miteinander zu tun haben wollen. Und hier kommt die Politik ins Spiel: Wenn man das Gemeinschaftliche wieder fördern will, müsste man in verschiedenen Bereichen wie etwa Siedlungs-, Wohn- oder Verkehrspolitik ansetzen. Letztlich geht es darum, die Gesellschaft neu zu denken.

In Ihrer Antwort schwingt Frust mit, dass dies gerade mit dem Amt als Stadträtin nur bedingt zu erreichen ist. Täuscht der Eindruck?

Ja, wenn die Bevölkerung nicht will oder für Veränderung nicht bereit ist, kann ich mich lange auf den Kopf stellen. Am Ende muss die Kraft für eine Veränderung aus der Bevölkerung heraus kommen, davon bin ich überzeugt.

Hätten Sie mit Ihrer persönlichen Veränderung nicht wenigstens bis Ablauf Ihrer ersten Legislatur abwarten können und dann einfach erhobenen Hauptes nicht mehr antreten können?

Gerade weil ich ehrlich zu mir selber bin, gehe ich jetzt eben durchaus erhobenen Hauptes. Ich müsste mich verbiegen, wenn ich jetzt «aus Anstand» einfach noch diese Legislatur absitzen würde. Und vielleicht spielt auch die Erfahrung mit meinem Vater eine Rolle, der vor fünf Jahren von einer Sekunde auf die andere gestorben ist. Ich habe mir damals gesagt, wenn für mich ein Entscheid klar ist, dann handle ich.

Sie sind Vorsteherin des Ressorts Bau und Planung, eines der grössten und komplexesten Ressorts, für dessen Einarbeitung man viel Zeit und Energie aufwenden muss. Kaum sind Sie eingearbeitet, treten Sie jetzt zurück. Nicht gerade ideal.

Also, so viel will ich festhalten: Ich hinterlasse eine Abteilung, die super funktioniert, und alle wichtigen Projekte sind auf Kurs. Aber ja, die Einarbeitung war in der Tat nicht ohne. Und noch bin ich ja Bauvorsteherin und freue mich auf die wichtigen Geschäfte im März wie die beiden Kredite für die BNO-Revision und für die strategische Planung für die Suche eines neuen Schulstandortes.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus? Was haben Sie in diesen zweieinhalb Jahren für die Stadt Baden erreicht?

Derzeit laufen grosse und wichtige Bauprojekte in meinem Ressort und diese sind auf Kurs. Zudem ist es mir sicher gelungen, als politisch nicht «Vorbelastete» Sichtweisen von ausserhalb der Politik in die Verwaltung zu tragen.

Was haben Sie konkret erreicht?

Ich konnte sicher dazu beitragen, dass die Stadt Baden gerade im ökologischen Bereich einen Schritt vorwärts gemacht hat. Wir haben in den letzten Monaten mehrere Forderungen für eine nachhaltigere Klimapolitik umgesetzt. So wurden etwa Anreize für die Produktion und Einspeisung von Ökostrom geschaffen. Die Sitzstufen und eine Fassadenbegrünung sind in der Pipeline, auch hier habe ich meinen Beitrag geleistet. In der Vorbereitung der Revision der Allgemeinen Nutzungsordnung habe ich mich stark dafür eingesetzt, dass den ökologischen Themen ein hoher Stellenwert eingeräumt wird.

Was werden Sie an Ihrem Amt vermissen, was überhaupt nicht?

Vermissen werde ich, dass man als Stadträtin einfach sehr viel weiss und erfährt und unglaublich nah am Puls des Geschehens ist und sich in die Diskussionen einbringen kann, sei es bei den politischen Akteuren, aber auch in der Wirtschaft. Nicht vermissen werde ich das Korsett, das mich zuweilen schon sehr stark eingeengt hat. Es gab schon Situationen, in denen ich mich in meinem Wesen stark eingeschränkt fühlte. Als ich zur Wahl angetreten bin, habe ich mich zwar darauf eingestellt, dass ich als Person im politischen System gefordert sein werde. Ich habe aber trotzdem kandidiert, mit dem Ziel, meine Art einzubringen.

Ihren Rücktritt begründen Sie damit, dass Sie sich auf eine Studienreise begeben wollen, um sich den Fragen des Zusammenlebens zu widmen. Mit Verlaub, das tönt eher abgehoben. Wie gedenken Sie, künftig Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten?

Mein Ziel ist es, auf meiner Studienreise zu arbeiten und bei verschiedenen Initiativen mitzuwirken. Zudem habe ich auch lange in der Gastronomie gearbeitet und kann mir gut vorstellen, das wieder zu tun.

Sie schreiben, diese Reise sei wichtig für Ihre «hauptberufliche Zukunft». Wie sieht denn diese konkret aus?

Schwierig, das jetzt schon konkret zu beantworten. Ich will mich mit dem Wissen und den Erkenntnissen dieser Studienreise dann natürlich beruflich und in Gesellschaftsthemen weiterentwickeln. Vielleicht biete ich Beratungen an in diesem Bereich oder schreibe Bücher, das wird sich dann zeigen. Und ganz wichtig: Ich halte es für durchaus denkbar, dass ich mich dereinst wieder in der Stadt Baden einbringen werde.

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