«Ich habe bis gestern nicht mal gewusst, dass Nussbaumen im Aargau liegt», gesteht Dimitri vor seinem Konzert in der Aula Unterboden. Schaut man seine Agenda an, ist das kaum verwunderlich. Eine Vorstellung reiht sich an die andere.

Der vitale 80-Jährige mit der markanten Rundschnittfrisur und dem verschmitzten Lachen ist immer noch permanent unterwegs. Sein Alter Ego, den Clown, legt er auch beim Programm «Canti popolari nel Ticino» nicht ab, das er zusammen mit Roberto Maggini auf die Bühne bringt. Während die beiden singen und Gitarre spielen, macht er immer wieder Faxen, rollt die Augen und hat das Publikum vom ersten Moment an im Sack.

Die alten Volkslieder im Tessiner Dialekt sind so unverwüstlich wie ihre Interpreten. Dimitri übersetzt sie vor der Interpretation kurz auf Deutsch. Aber seine Gesten und Gesichtsausdrücke lassen meist gar keinen Zweifel aufkommen, um was es geht.

Wie Kinderlieder klingen viele der Canti popolari und reflektieren gleichzeitig den Alltag der einfachen Tessiner Bevölkerung vor Jahrzehnten. Amüsante Episoden werden zu Gehör gebracht, etwa von der schönen Monfrinotta, die von den Bergen runterkommt, um frisch geröstete Kastanien in Turin zu verkaufen und einen Verehrer um sein ganzes Geld bringt.

Die Volkslieder im Blut

Absolut textsicher sind die beiden Künstler auch bei zungenbrecherischen Kettenkehrreimen im Staccato-Tempo. «Spazzacamino» erinnert an das harte Los der Kaminfegerbuben, die zur Arbeit nach Italien geschickt werden, um sich und ihre bettelarmen Familien zu ernähren.

Genauso einer, wie es der Vater von Roberto und Hunderte andere Tessiner waren. Der langjährige Weggefährte von Dimitri hat die traditionellen Volkslieder im Blut, weil er sie schon im Grotto seiner Eltern mit der weinseligen Gästeschar mitsang.

«Robertos Onkel spielte Orgel an der Hochzeit von Marilyn Monroe und Joe DiMaggio», plaudert Dimitri aus dem Nähkästchen. Als Publikumsliebling sorgt er immer wieder galant dafür, dass auch sein Partner ins Rampenlicht rückt. Dieser ist zwar kein geborener Showman, aber dafür stimmlich eine Nasenlänge voraus.

Im Publikum sitzt ein Ehepaar mit einer Langspielplatte von Dimitri, Roberto und ihren «Canti popolari nel Ticino» in der Hand. «Die haben wir uns vor 49 Jahren am Tag unserer Verlobung gekauft», sagen sie und schwärmen, «die Lieder sind auch heute noch schön.» Vor allem bringen die flotten, verspielten Weisen eines zum Ausdruck: dass jeder Lebensabschnitt mit Humor etwas erträglicher wird. Damals so wie heute.