Baden

Jeder verliert die Beherrschung

Vier Menschen kommen in Fahrt: Die Figuren in «Der Gott des Gemetzels» reden sich in ein Crescendo.

Vier Menschen kommen in Fahrt: Die Figuren in «Der Gott des Gemetzels» reden sich in ein Crescendo.

Das Theater Kanton Zürich spielt im Kurtheater Yasmina Rezas «Der Gott des Gemetzels». Regisseur Felix Prader setzt die böse Komödie auf einer roten, von weissem Mobiliar kühl belebten Schräge um.

«Ihr Sohn war bewaffnet mit einem Stock»: Diesen Satz wollten Véronique und Michel Houillé (Katharina von Bock, Stefan Lahr) in einer Erklärung festhalten, die Annette und Alain Reille (Miriam Wagner, Andreas Storm) unterschreiben sollen. Grund: Der elfjährige Ferdinand Reille hat dem gleichaltrigen Bruno Houillé zwei Schneidezähne eingeschlagen. Nun haben die Houillés die Reilles eingeladen, um den Konflikt mittels der «Kunst des zivilisierten Umgangs» gütlich beizulegen. Doch da gibt es von Alain schon den ersten Einwand. Weshalb das Wort «bewaffnet»? Véronique gibt nach, ersetzt es durch «ausgestattet». Ende gut, alles gut? Nicht in Yasmina Rezas Bühnenerfolg «Der Gott des Gemetzels».

Schrei- und Bezichtigungsorgie

Ausgehend von einer Bubenrauferei entzündet sich eine vorerst moderate, dann stetig bissigere Diskussion um den zivilisierten Umgang miteinander, der sich - ernüchternd – als Trugbild herausstellt. Will man für Rezas Stück einen musikalischen Vergleich bemühen, liegt Ravels Boléro nahe. Wie bei Ravel ist auch bei Reza das einzige Element der Abwechslung das Crescendo, das sich bei ihr zur Schrei- und Bezichtigungsorgie steigert. Man ärgert sich über die Figuren und lacht zugleich über sie, deren Wohlerzogenheit sukzessive bröckelt, bis jeder seine Beherrschung verliert. Dabei ist Véronique Schriftstellerin, ihr Mann Michel verkauft Küchengeräte. Annette ist Vermögensverwalterin, Alain Rechtsanwalt. Meistens hört er nur mit einem Ohr zu, denn mit dem anderen hängt er am Handy und versucht, im Gespräch mit seiner Kanzlei, ganz cool einen Pharmaskandal zu vertuschen. Nicht heimlich, sondern so, dass die anderen im Raum ungeniert mithören können. Dass Alain den «Gott des Gemetzels» beschwört, ist da nur konsequent.

Rasante Pingpong-Gespräche

Wie setzt Regisseur Felix Prader Rezas böse Komödie um? Auf einer roten, von weissem Mobiliar kühl belebten Schräge (Raum: Werner Hutterli), auf der Requisiten wie Kunstbildbände, Kuchen, Föhn, Handy, Rumflasche und Tulpen, die Annette am Ende zerfetzt, eine wichtige Rolle spielen.

Prader benutzt sie als vorantreibende Handlungselemente, die den Zuschauer immerzu neugierig machen. Das Ganze wirkt wie ein offenes Experiment in einem Labor, das dem Ensemble viel Spielraum lässt. Als rasantes Pingpong muten die Streitgespräche des Quartetts an; als ausgeklügelt-sinnfällig die Choreografie von Gesten und Schritten.

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