Kinder kriegen ist nicht schwer, Kinder haben hingegen sehr. Die weitverbreitete Redewendung bringt zum Ausdruck, wie anspruchsvoll sich die Erziehung des Nachwuchses gestalten kann. Zwar werden Eltern dabei nicht sich selbst überlassen. So gibt es zahlreiche Beratungsstellen wie etwa die Erziehungsberatung vom Verein Beratungsplus oder die Mütter- und Väterberatung. Das Problem: Diese Beratungsdienste sind kostenpflichtig, was für finanziell schwächere Familien – oft wären gerade diese auf Beratung angewiesen – eine Hürde darstellt.

Angebot nur für Badener Familien

Abhilfe soll nun ein Gutschein schaffen, der von verschiedenen Beratungsstellen an Badener Familien verteilt wird. «Familien, die knapp bei Kasse sind, können eine ganze Beratungssequenz kostenlos beziehen», sagt Hildegard Hochstrasser, Leiterin Soziale Dienst in Baden. Die Gutscheine liegen bei den verschiedensten Beratungsstellen auf. «Davon erhoffen wir uns, möglichst viele Familien zu erreichen», so Hochstrasser.

Die Kosten des Projekts für ein Jahr werden auf rund 30000 Franken geschätzt und hängen davon ab, wie gross die Nachfrage nach der kostenlosen Beratung ist. Im Februar 2012 werde man das Projekt ein erstes Mal auswerten, stellt Hochstrasser in Aussicht. Durchgeführt werden die Beratungen vom Verein Beratungsplus. «Wir hoffen natürlich, dass andere Gemeinden zu einem späteren Zeitpunkt ähnliche Projekte lancieren», sagt Hochstrasser. Übrigens: Das Netzwerk Kulturvermittlung bietet ausländischen Familien einen kostenlosen Übersetzungsdienst an – auch bei der Erziehungsberatung.

Sozialhilfeabhängigkeit droht

Vom Projekt verspricht sich Hochstrasser sehr viel: «Es ist extrem wichtig, Kinder im Vorschulalter zu fördern, beziehungsweise deren Eltern in der Erziehung zu unterstützen.» Denn Studien würden belegen: Kinder, die beim Schuleintritt über zu wenig Fähigkeiten besitzen, machen eine schwierige Schulzeit durch und werden als Erwachsene mit grösserer Wahrscheinlichkeit abhängig von der Sozialhilfe.

Dass die Erziehungsarbeit eine grosse Herausforderung ist, legte Stadträtin und Vorsteherin Soziales Daniela Oehrli dar: «Die Gefährdungen für die Entwicklung von Kindern nehmen zu.» Auch die Zahlen seien erschreckend. «20 Prozent der Kinder können heute nicht mehr normal eingeschult werden.» Oehrli ist überzeugt, dass viele dieser Kinder gezielt gefördert werden könnten.

Gute Kindergärtner sind gefragt

In seinem Referat ging Andrea Lanfranchi von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich genau auf diese Frühförderung ein. Lanfranchi wies darauf hin, dass sich die Schere bei den Kindern immer weiter öffne: «Ich kenne ein 8-jähriges Mädchen, dass als Violinistin bereits internationale Auftritte hat. Dann gibt es wieder 4-jährige Kinder, die nicht in der Lage sind, Treppen zu steigen.» Um diese Ungleichheiten auszuebnen, müssten Kinder früh gefördert werden. Umso wichtiger seien gute Kindergartenlehrer. «Ein schlechter Gymi-Lehrer kann pädagogisch nie so viel Schaden anrichten, wie ein schlechter Kindergärtner.»