Baden
Joachim Gauck zeigt «die Schönheit der Freiheit» auf

Joachim Gauck war einer jener Revolutionäre in der DDR, die das System in die Knie gezwungen haben. Danach wirkte er auf Stasi-Aufklärer. Am Montagabend war er Stargast beim «Talk im Trafo» von Binder Rechtsanwälte und AZ Medien in Baden.

Max Dohner
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«Die Leute schätzen gegenwärtig die Libertinage, mit der Liberté aber haben sie Probleme.» Joachim Gauck gestern in Baden.

«Die Leute schätzen gegenwärtig die Libertinage, mit der Liberté aber haben sie Probleme.» Joachim Gauck gestern in Baden.

Alex Spichale

Wer im Spital liegt, weiss, welcher Stellenwert draussen die Gesundheit hat – oder haben sollte. Und wer in einem Zwangsstaat aufwächst, weiss, was Freiheit draussen bedeutet.Joachim Gauck

Joachim Gauck ist der Mann für derartiges Wissen aus beiden Zuständen. Gauck war einer jener Revolutionäre in der DDR, die das System
in die Knie gezwungen haben. In der Bundesrepublik leitete er zehn Jahre lang die Stasi-Unterlagenbehörde. 2010 kandidierte er, als Parteiloser, als «linker liberaler Konservativer» für das Amt des Bundespräsidenten. Und unterlag nach drei Wahlgängen gegen den jetzigen, umstrittenen Präsidenten, Christian Wulff.

Zur Causa Wulff hielt sich Gauck gestern Abend erwartungsgemäss bedeckt. Im Rahmen des 13. «Talk im Trafo», erstmals unter dem Patronat von Binder Rechtsanwälte und AZ Medien, sprach er vornehmlich zum Thema «Angst vor der Freiheit».

 Rudolf Dellenbach, CEO der AKB und FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger
9 Bilder
 Andreas Binder, Rechtsanwalt und Co-Organisator, Redner Joachim Gauck und Peter Wanner, Verleger der az Aargauer Zeitung und ebenfalls Co-Organisator
 Der ehemalige Grossrat Rudolf Hug mit FDP-Regierungsrat Peter C. Beyeler
 Urs Meier, ehemaliger Fifa-Schiedsrichter
 Der ehemalige Polizeikommandant Léon Borer mit seiner Gattin Sylvia und Zuhörer Andreas Buri
 Der ehemalige CVP-Regierungsrat Rainer Huber
 Ex-Verwaltungsratspräsident der Limmattaler Zeitung Markus Hünig mit SVP-Nationalrat Maximilian Reimann
 Thomas Pauli, Direktor des Museums Aargau
 Die CVP unter sich: Urs Hany, ehemaliger Nationalrat ZH, Gerhard Pfister, Nationalrat ZG, die Aargauer Nationalrätin Ruth Humbel und der Ex-Nationalrat Norbert Hochreutener aus dem Kanton Bern

Rudolf Dellenbach, CEO der AKB und FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger

Emanuel Freudiger

Vorgängig aber, in einem Interview mit dem «Sonntag», das am 22.Januar erscheint, sagte Gauck allgemein zu den Diskussionen um Bundespräsident Wulff, Politiker lebten vom Vertrauen; bei Krisen, deren Ursprung und Folgen niemand verstehe, ganz besonders, wie der Eurokrise. Den Unterschied von Gauck und Wulff charakterisierte der «Spiegel» einmal so: «Das politische Leben ist mittlerweile so speziell, dass unterschieden werden kann in Mensch und politischen Menschen.»

Gestern lernten die vielen Gäste am «Talk im Trafo» ohne jeden Zweifel den Menschen Gauck kennen. Darum war das ein guter, irgendwo sogar heilsamer Abend: Politik kommt ohne Verdrehung aus, ohne ständiges Angstschielen auf die Wirkung. Gauck reiste mit dem Zug an und trat ohne Allüren auf. Er sprach über eine Stunde lang frei (vielleicht einen Tick zu lang), das aber mit rhetorischer Brillanz, ein auf der Basis seiner ganzen Erfahrung unabhängiger intellektueller Kraftmensch.

Vor allem vermittelte Gauck ein Gefühl für Freiheit, ein Gefühl gar für «die Schönheit der Freiheit», die er gesehen habe, er, der die Freiheit länger vermisste, als sie viele der Anwesenden genossen. Die Trafohalle war restlos besetzt, weitere Besucher wurden in die benachbarte Glashalle geleitet, wohin Gaucks Rede übertragen wurde.

Gauck erzählte von Deutschland, aber auch von Beobachtungen in Holland oder Skandinavien. Ironisch fragte er, ob die Schweiz mitgemeint sein könnte – natürlich sollte sie das! Er habe hier, in Westeuropa, weni-ger das Gefühl der Freiheit gesehen, sagte Gauck, als Menschen, die sich nach den Mängeln oder Defiziten
der freien Gesellschaft orientierten. Furcht vor den Zeitläufen könne zwar «ein erhebendes Gefühl» sein, aber ein schlechter Ratgeber: «Angst macht kleine Augen, ein enges Herz und schafft Kleinmut.»

Ihm falle auf, wie sehr die Leute gegenwärtig «die Libertinage schätzen, die Freizügigkeit, aber mit der Liberté ihre Probleme haben». Freiheit sei bereichernd vor allem in Bezug auf etwas oder für jemanden. «Es ist wie in der Ehe» – aus verschiedenen Stadien der Paarliebe zog Gauck mehrfach grosse Anschaulichkeit –, «da muss man sich auch anstrengen, wie für die Freiheit.» Und das wollte Gauck «tief verankern»: Die grundlegende Prägung des Menschen sei eben nicht purer Egoismus, sondern komme dann zum Vorschein und zum Tragen, wenn er sich in Beziehung setze zu anderen.

Am Schluss fragte Gauck, warum viele «Ossis» heute seltsam DDR-nostalgisch seien. «Aus Furcht vor der Freiheit», antwortete er und fragte, jetzt direkt: «Ist das so etwas Frem-des in der Schweiz?» Auch darauf antwortete er selbst, weiter höflich in der Form, inhaltlich jedoch sehr bestimmt: Nachdem er seinem Erstaunen über Rechtspopulismus in Holland oder Finnland Ausdruck gegeben hatte, sagte er: «Es gibt Teilbestände einer Angst, die zurück möchte in eine Gesellschaft der Ähnlichen. Ist die Demokratie so schwach, dass wir neue politische Bewegungen aus Angst schaffen müssen?» Als Betroffener einer osteuropäischen Verlustgeschichte wisse er deutlicher als die, die immer über sie verfügt haben, «dass wir, wenn wir uns nicht immer wieder von der Freiheit beflügeln lassen, auch an Kraft und Willen zur Veränderung einbüssen».

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