Stadtratswahlen in Baden

Jürg Caflisch: Der Bilderbuch-Sozialdemokrat

Er war einst Juso-Mitglied, GSoA-Mitbegründer und beteiligte sich als junger Erwachsener an Häuserbesetzungen. Politische Gegner sehen im SP-Stadtratskandidaten deshalb einen Hardliner und Verhinderer.

Im Wahlkampf fliegen schon mal die Fetzen und es wird zum verbalen Zweihänder gegriffen. Da bildet auch der Badener Stadtratswahlkampf keine Ausnahme. So bezeichnete etwa alt CVP-Stadtrat Peter Conrad den SP-Kandidaten Jürg Caflisch vor rund einem Monat in einem Leserbrief als «sozialistischen Hardliner». Dass die SP Caflisch und nicht Erich Obrist als Stadtratskandidaten nominiert habe, «ist ein Abbild des links wie rechts grassierenden politischen Fundamentalismus, der so gar nicht zur bewährten Badener Politkultur passt», schrieb Conrad weiter.

Der Angesprochene nimmt den Hardliner-Vorwurf gelassen. «Das amüsiert mich eher und gehört halt zum Wahlkampf. Ich weiss aber, dass ich zum Beispiel während meiner 13 Jahre im Badener Einwohnerrat ganz sicher nicht als Hardliner gegolten habe.» Sogar der damalige FDP-Fraktionspräsident Lukas Breunig habe sich bei seinem Rücktritt für die gute und konstruktive Zusammenarbeit bedankt. «Ich bin kein Hardliner, aber ein Sozialdemokrat, der für Chancengleichheit und ökologische Nachhaltigkeit einsteht.»

«Oft sind wir dann der Bölimann»

Ist die Bezeichnung «Hardliner» für Jürg Caflisch also völlig aus der Luft gegriffen? Wirft man einen Blick in seinen Lebenslauf, wird klar, weshalb ihm die politischen Gegner gerne dieses Etikett anheften. So gehörte Caflisch im Alter von 15 Jahren bereits der Juso Baden an; später war er im Vorstand der Juso Schweiz. Zusammen mit Andreas Gross, dem Mitbegründer der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), machte sich Caflisch damals für eine Abschaffung der Schweizer Armee stark. Später war er mit Gross bei «Eurotopia» aktiv, einer Bewegung, die sich europaweit für mehr Demokratie einsetzte. Seit 36 Jahren ist Caflisch nun Mitglied der SP; war Vorstandsmitglied in den Sektionen Würenlingen, Windisch und Baden. Seit 2008 sitzt er für die SP im Grossen Rat, wo er sich vor allem bei Umwelt-, Bau- und Verkehrsfragen einen Namen machte.

So stellte er sich etwa gegen einen Ausbau der A1 auf sechs Spuren, forderte den Umweltschutzverein Pro Natura auf, sich prominenter gegen das Sparprogramm zu wehren, oder sprach sich gegen ein millionenschweres Nachrüsten der Beznauer Atomreaktoren aus. Caflisch betont dabei immer wieder: «Als SP-Grossrat und Präsident des VCS Sektion Aargau habe ich eine andere Rolle, als ich sie als Badener Stadtrat einnehmen würde – dessen bin ich mir absolut bewusst.» Insbesondere könne er den Vorwurf, er sei ein Verhinderer, nicht auf sich sitzen lassen. «Bei grossen Bauprojekten ist es sehr oft so, dass die Gemeinden ihren Job nicht machen, weil sie den Investoren nicht dreinreden wollen und deshalb nicht genau hinschauen. So ist dann oft der Verkehrs-Club Schweiz der Bölimann.» Vor Gericht würde der VCS fast immer Recht bekommen, so Caflisch.

Jürg Caflisch: «Es ging uns nie darum, die Wirtschaft zu verhindern.»

Jürg Caflisch: «Es ging uns nie darum, die Wirtschaft zu verhindern.»

Dass Caflisch als Hardliner bezeichnet wird, hängt bestimmt auch mit seinen Engagements als junger Erwachsener zusammen. So hat er in der «Badener Bewegung der 80er-Jahre» mitgewirkt, wie er es selber umschreibt. Auch bei der Besetzung des «Schlachthofs» oder des «Falkens» war er mit von der Partie. «Es ging dabei nie darum, etwas zu verhindern. Im Gegenteil: Uns war es immer wichtig, kulturelle Freiräume – wie es zum Beispiel das «Royal» heute ist – zu erhalten und dass frei werdende Stadtareale sinnvoll genutzt werden können.» Er verfolge denn auch die zunehmende Kommerzialisierung und Ökonomisierung in der Stadt Baden mit Sorge. «Um den Ladenmix steht es nicht mehr zum Besten. Das Gewerbe kritisiert, man komme nicht mehr in die Stadt. Man könnte sich auch mal kritisch fragen. Lohnt es sich denn überhaupt noch, in die Stadt zu fahren?» Für Caflisch ist klar: «Es lohnt sich noch immer. An Samstagen sowieso; der Wochenendmarkt hat eine sehr hohe Qualität.»

Zurück in die Vergangenheit: Jürg Caflisch gehörte auch zu den Mitgründern des Vereins Baden Nordstadt. «Das war Ende der 80er-Jahre, nachdem die schwedische Asea und die BBC fusioniert hatten und sich abzeichnete, dass Flächen im nördlichen Stadtgebiet neu genutzt werden können», erinnert er sich. «Es ging uns aber nie darum, die Wirtschaft zu verhindern. Vielmehr sahen wir die einmalige Chance, dass dieses Stadtgebiet künftig auch bewohnt und kulturell genutzt werden kann. Wir vom Verein hatten damals den Eindruck, der Stadtrat setze sich zu wenig für diese Anliegen ein.»

Ganz anders in Erinnerung hat die Geschehnisse der damalige Stadtammann Josef Bürge (CVP), der von 1985 bis 2006, die Stadt regierte. «Wenn Jürg Caflisch heute sagt, seine Haltung und die des Vereins sei nicht wirtschaftsfeindlich gewesen, dann beschönigt er vieles. Vielmehr habe der Verein Baden Nordstadt versucht, eine vernünftige Entwicklung dieses Stadtteils zu verhindern. «Wäre es nach den Vorstellungen des Vereins gegangen, sollte der Wohnanteil von null auf hundert Prozent gesteigert werden.

Das war nicht nur eine dumme Vorstellung, sondern hätte regelrecht zum Zusammenbruch des Immobilienmarkts geführt.» Klar sei eines der Hauptziele des damaligen Stadtrats gewesen, die Arbeitsplätze zu erhalten. «Doch haben wir keineswegs nur Wirtschaftsentwicklung betrieben, sondern waren um eine gute Durchmischung und insbesondere Sozialentwicklung besorgt», blickt Bürge zurück. Caflisch kontert: «Das stimmt nun schlicht und einfach nicht. Man kann gerne die Vorstösse zur Sache von damals nochmals hervorsuchen. Wir waren immer für eine gemischte Nutzung, aber eben für einen Wohnanteil von mindestens 25 Prozent.»

Ja oder Nein? Die Stadtratskandidaten Jürg Caflisch, Erich Obrist und MarioDelvecchio (v.l.) zu Stadtratspräsidium, Road-Pricing und Stadtcasino.

Ja oder Nein? Die Stadtratskandidaten Jürg Caflisch, Erich Obrist und MarioDelvecchio (v.l.) zu Stadtratspräsidium, Road-Pricing und Stadtcasino.

Ob Hardliner oder nicht: Mit Jürg Caflisch will auf alle Fälle ein waschechter Sozialdemokrat Badener Stadtrat werden. Wenig hätte gefehlt, und er wäre bereits vor zwei Jahren in den Ring gestiegen. Doch damals war er es, der im internen Nominationsverfahren unterlag – gegen Regula Dell’Anno. Das erklärt wahrscheinlich auch, weshalb Caflisch seine Enttäuschung über das Verhalten von Erich Obrist so offenherzig kundtat, nachdem dieser aus der Partei ausgetreten war, um als Parteiloser in den Wahlkampf zu ziehen.

«Ich empfinde das als gewisse Geringschätzung der Partei gegenüber. Denn Parteien haben eine Daseinsberechtigung, erfüllen sie in unserer Demokratie doch eine wichtige Funktion.» Ihm wäre Gleiches vor zwei Jahren sicher nie in den Sinn gekommen. «Im Gegenteil. Nach der Niederlage im Nominationsverfahren habe ich mich im Unterstützungskomitee aktiv für die Wahl von Regula Dell’Anno eingesetzt.»

Keine Stadtammann-Ambitionen

Als grosses Plus gegenüber den anderen zwei Kandidaten Erich Obrist und Mario Delvecchio erachtet Caflisch seinen beruflichen Rucksack – vor allem im Hinblick auf das Ressort Kultur und Kinder, Jugend und Familie, das der neu gewählte Stadtrat wohl übernehmen dürfte. Der ausgebildete Sozialarbeiter hat sich in den letzten Jahren stets weitergebildet. So hatte er schon mehrere Lehraufträge an Fachhochschulen im Bereich Wohnen, Jugend, Gemeinwesenarbeit oder Konfliktmanagement. Seit gut einem Jahr leitet er die Fachstelle Schulsozialarbeit beim Kanton Zürich. Als weiteren Vorteil erachtet er sein Grossratsmandat, da er so die Interessen der Stadt Baden auf kantonaler Ebene einfliessen lassen könne.

Jürg Caflisch: «Ausserhalb von Baden ist Gerigate doch schon lange kein Thema mehr.»

Jürg Caflisch: «Ausserhalb von Baden ist Gerigate doch schon lange kein Thema mehr.»

Doch sieht er sich auch als die Führungsperson, die neuen Schwung in die Exekutive bringen und so dazu beitragen kann, das ramponierte Image der Stadt wieder aufzupolieren? «Der Badener Geist steckt zurzeit tatsächlich in der Flasche; doch das nicht erst seit Gerigate.» Vielmehr habe er den Eindruck, dass die Bürgerlichen die Wahlniederlage von 2013 noch nicht richtig verdaut hätten. «Doch grundsätzlich glaube ich nicht, dass wir so schlecht dastehen, wie geschrieben wird. Wir sollten aufhören mit dieser Nabelschau», fordert Caflisch.

«Ausserhalb von Baden ist Gerigate doch schon lange kein Thema mehr.» Aber klar: «Seine Handlung finde ich eine Dummheit und persönlich hätte ich anders reagiert.» Und doch steht für Caflisch bereits jetzt fest, dass er als Stadtrat im Herbst 2017 nicht gegen Müller ins Ammann-Rennen steigen würde, sollte dieser wieder antreten. «Das würde meinem politischen Grundverständnis widersprechen; wir stehen uns politisch zu nahe.» Zu seinen eigenen Führungsqualitäten befragt, sagt Caflisch: «Ich blicke auf 20 Jahre berufliche Führungserfahrung, gerade auch in Verwaltungen, zurück und bin sicher eine Persönlichkeit, die verbinden kann.»

Einziger «zugezogener» Kandidat

Wo er als Stadtrat ansetzen würde, ist für ihn auch klar. «Mir wären gute Rahmenbedingungen für die Kultur, die Bildung, ein gutes Betreuungsangebot sowie die Förderung des Veloverkehrs und des öV wichtig – ohne dabei den motorisierten Individualverkehr zu schikanieren. Zusammengefasst eine gute Lebensqualität.» Und vor allem möchte er der Stadt etwas zurückgeben, in der er seit knapp 20 Jahren wohnt.

Anders als seine beiden Kontrahenten Obrist und Delvecchio ist Caflisch ein «Zugezogener». Er wuchs in Würenlingen auf. Sein Vater war Garagenchef im PSI, seine Mutter kaufmännische Angestellte. «Mein Vater war ein richtiger Alt-Gewerkschafter; oft waren wir uns bei politischen Themen nicht einig.» Caflisch schloss sich der Orts-SP an und sagt lachend: «Zu dieser Zeit war Würenlingen schwarzkatholisch; wenn man das als Sozialdemokrat überlebt hat, dann ist man für den politischen Kampf gewappnet.» Nach der Bezirksschule in Endingen «hatte ich vorerst genug von der Schule und absolvierte eine KV-Lehre in einer Metallwarenfabrik in Siggenthal». Später durchlief er verschiedene Ausbildungen im Bereich Soziale Arbeit und Organisationsentwicklung. «Die soziale Ader entdeckte ich erstmals richtig während meiner KV-Lehre, als ich den italienischen Angestellten half, Dokumente zu übersetzen.»

Als «Zugezogener» würde er – der heute mit seiner Partnerin an der Rütistrasse in Baden lebt – sich selber nicht bezeichnen. «Schon vor 1996 war Baden für mich immer der Mittelpunkt, vor allem was das kulturelle Angebot betraf. Und so erstaunt es denn auch nicht, dass Caflisch an vorderster Front anzutreffen ist, wenn Kreativität gefordert ist. So gehört er der Schnitzelbankgruppe Clochards an und war an der Badenfahrt 2007 und am Stadtfest 2012 Gastrochef des Quartiervereins Martinsberg. Am 18. Oktober wird sich an der Wahlurne zeigen, ob ihm die Badener auch zutrauen, den wirklich grossen Kochlöffel zu rühren.

Stadtrats-Wahltalk in Baden

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