Baden-Wettingen
Jugendmusik wirft das Handtuch – einmal wird aber noch musiziert

Weil der Nachwuchs ausbleibt, stellt der Jugendmusikverein Wettingen seinen Probebetrieb ein. Doch ganz will der Vorstand die Notenständer noch nicht wegräumen.

Sabina Galbiati
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Das Korps 1979 am 4. Aargauer Jugendmusiktag in Wettingen.zvg

Das Korps 1979 am 4. Aargauer Jugendmusiktag in Wettingen.zvg

Die Jugendmusik Wettingen stellt auf den 1. November ihren Probebetrieb ein. Das Orchester wird aufgelöst.

Der Grund: Der Verein kann keine Kinder mehr für sich begeistern, die sich als Bläser, Streicher oder Perkussionisten im Orchester engagieren. «Für die 17 verbliebenen, jungen Musikerinnen und Musiker suchen wir Anschlusslösungen in anderen Musikvereinen der Region», sagt Präsident Pascal Zandonella. «Wir haben in den vergangenen Jahren Nachwuchs gesucht, aber es wurde immer schwieriger. Die Kleinsten von damals sind heute 16 Jahre alt» sagt Zandonella. Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch unklar, wie es mit dem Verein selber weiter geht.

Zandonella gingen die Diskussionen um die Zukunft des Orchesters und des Vereins sehr nahe, ist er doch mit der Jugendmusik aufgewachsen. «Die Auflösung des Orchesters schmerzt auf jeden Fall, allerdings muss man auch positiv denken. Wenn etwas verschwindet, ergibt sich eine Chance für etwas Neues.»

Wie die meisten Jugendmusiken besteht auch jene von Wettingen vor allem aus Bläsern. «Der Stellenwert der Blasmusik hat aber nicht nur bei den Jugendmusiken stark abgenommen in den letzten Jahren», sagt Zandonella. Inzwischen ist das Orchester mit seinem Durchschnittsalter von 16 Jahren «überaltert».

Dirigent als Chance

Die Jugendmusik Wettingen steht mit ihren Problemen nicht alleine da. Auch in Spreitenbach wird seit einigen Jahren ein Mitgliederschwund verzeichnet. Zählte man 2010 noch rund 40 Jugendliche, sind es heute noch 16. Dies, obwohl Killwangen und Bergdietikon der Jugendmusik Spreitenbach angeschlossen sind. Vereinspräsident Patrick Walther stellt fest, dass nebst dem verstaubten Image, das den Blasinstrumenten teils anhaftet, auch das gewaltige Freizeitangebot, das Kindern und Jugendlichen heute geboten wird, mitverantwortlich ist für die sinkenden Zahlen.

«Wir stellen auch fest, dass sich Eltern nicht mehr an Vereine binden wollen», sagt Walther. «Bei all den Faktoren ist es um so wichtiger, dass Musiklehrer, Musikschulen und Jugendmusiken zusammenarbeiten». Ein grosser Gewinn sei es, wenn der Dirigent gleichzeitig als Musiklehrer in der Gemeinde arbeitet. «Wir stellen das bei unserem Dirigenten fest, der durch seine Lehrtätigkeit immer wieder junge Nachwuchsmusiker motiviert, bei uns mitzumachen.» Zandonella hingegen gibt zu bedenken, dass es äusserst schwierig sei, einen Dirigenten aus der Region zu finden, der als Musiklehrer an der lokalen Musikschule arbeitet und auch noch gut ins Orchester passt.

Wenn die Jugendmusiken um Mitglieder kämpfen müssen, wäre es dann sinnvoller, sich zusammenzuschliessen? Walther verneint: «Das Problem würde nur zeitlich verschoben werden. Die Mitgliederzahlen würden weiter sinken.»

In Spreitenbach versucht es der Verein mit gemeinsamen Projekten mit der Musikschule: «Musikschüler spielen vorübergehend bei uns mit und geben mit uns dann ein Konzert», erklärt Zimmermann. So werde ein erster aktiver Kontakt hergestellt. Doch der Verein greift noch zu einem konsequenteren Mittel: «Zukünftig wollen wir auch Familien, welchen das Geld für Musikstunden fehlt, finanziell unterstützen.»

Gegentrend am Rohrdorferberg

Eine erfolgsversprechende Lösung hat das Jugendspiel Rohrdorferberg gefunden. Nach dem dort die Mitgliederzahl in den 00er Jahren auf 26 gesunken war, hat man 2007 das jährliche Projektkonzert initiiert. «Musikschüler können mit wenigen Proben mitmachen und man lernt sich gegenseitig kennen», sagt Vereinspräsident Christian Zimmermann. Nach dem ersten Konzert wuchs das Orchester von 26 wieder auf 43 Mitglieder an. Heute sind es über 60 Musiker. «Wir arbeiten auch an unserem Image», sagt Präsident Zimmermann. «Wir wollen jugendlich und modern wahrgenommen werden.»

Und in Wettingen? Hier wird am 31. Oktober mit einem grossen Dankeskonzert der Abschied gefeiert. Dabei erhalten der Dirigent Daniel Bolt und sein Orchester tatkräftige Unterstützung von 20 Ehemaligen sowie weiteren Musikern aus der Region.

Abschiedskonzert: Samstag, 31. Oktober 2015, ab 19:00 Uhr, Kanti Wettingen in den Westschöpfen.