Prozess in Baden
Junger Raser muss ins Gefängnis: «Wir können Ihnen keine allerletzte Chance geben»

153 km/h ausserorts: Wegen einer verhängnisvollen Fahrt stand ein 27-Jähriger vor dem Bezirksgericht Baden. Er beteuerte, nicht in böser Absicht so schnell unterwegs gewesen zu sein. Aber: Seine Vorstrafen belasteten ihn zusätzlich.

Philipp Zimmermann
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Auf dieser Strasse zwischen Ehrendingen und Schneisingen wurde der Angeklagte geblitzt – mit heftigen Folgen für ihn.

Auf dieser Strasse zwischen Ehrendingen und Schneisingen wurde der Angeklagte geblitzt – mit heftigen Folgen für ihn.

Screenshot Google Street View

Als Adnan (Name geändert) in jener Februarnacht in seinem Seat Leon geblitzt wird, schaut er auf den Tacho und begreift: Er hat einen Riesenfehler gemacht. «Es war ein Riesenschock», erzählt der 27-Jährige kürzlich vor dem Bezirksgericht in Baden.

Nicht sein erster grosser Fehler

Er hatte alles andere als eine einfache Kindheit. Als junger Erwachsener verfiel er der Drogensucht. War auf dem besten Weg, eine Karriere als Kleinkrimineller einzuschlagen. Und doch gelang es ihm, das Steuer seines Lebens herumzureissen. Und jetzt das. Es ist nicht der erste grosse Fehler in seinem Leben. Aber diesmal werden die Folgen einschneidend sein.

Adnan ist an dieser Nacht um 23.40 Uhr nach dem Tiefenwaag-Kreisel in Ehrendingen in Richtung Schneisingen abgebogen. Er arbeitet als Pfleger in einem Spital, hat einen langen Arbeitstag hinter sich. Nach Hause ist es nicht mehr weit.

Am Himmel oben steht der Vollmond. Die Nacht ist hell, die Strasse gerade und weit und breit ist kein anderes Fahrzeug zu sehen. Adnan löst den Tempo­mat, gibt Gas – etwa an dieser Stelle:

153 km/h messen die Polizisten auf der Ausserortsstrecke. 146 km/h sind es nach Abzug der Toleranz – 66 km/h zu viel. Ab einer Überschreitung von 60 km/h greift der Rasertatbestand. «Sie sind ein Raser, so wie Sie da gefahren sind», sagt ihm Gerichtspräsident Christian Bolleter an der Verhandlung ins Gesicht.

Der eingebürgerte Adnan kam als Neunjähriger aus dem Kosovo in die Schweiz. Seine Eltern lassen sich später scheiden. «Dann war alles nicht mehr so einfach», sagt er. Als er 14 Jahre alt ist, nimmt ihn eine Pflegefamilie auf. Er bleibt dort vier Jahre. Er nimmt Drogen, weiche und harte. Kommt immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Richter Bolleter hält sie ihm vor: Vermögensdelikte, Diebstahl, Sachbeschädigung. Tätlichkeit, Raub, Drogendelikte. «Ich erkenne mich nicht wieder», antwortet Adnan mit gesenktem Kopf.

Eine Frau nachts in Baden ausgeraubt

Im Januar 2015 folgt der negative Höhepunkt: Adnan raubt mit einem Freund, beide vermummt, eine Frau in der Badener Kronengasse aus. Der eine hält das Messer in der Hand, der andere fordert Geld. Sie machen 50 Franken Beute, die fürs Taxi nach Hause draufgehen. Die Polizei veröffentlicht das Bild einer Überwachungskamera beim Limmatsteg, das die Räuber zeigt. Adnan erkennt sich wieder und stellt sich.

Bei der Verhandlung im Februar 2016 zeigte er sich reuig. Den Drogen habe er schon abgeschworen, eine Therapie erfolgreich hinter sich gebracht, sagte er. Das Urteil lautete auf 12 Monate bedingt. Nun liest ihm Gerichtspräsident Bolleter aus dem Protokoll vor, was der damalige Richter Adnan klarmachte:

Sie sind haarscharf an einer unbedingten Freiheitsstrafe vorbeigeschrammt. Das ist Ihre letzte Chance.

Wird die Strafe nun widerrufen, muss Adnan die 12 Monate absitzen.

Die Autoprüfung muss er nochmals machen

Einmal noch kommt er mit dem Gesetz in Konflikt. Kurz vor einer 80er-Tafel gibt er Gas und wird innerorts mit 92 km/h geblitzt, nach Abzug der Toleranz sind es 87 km/h. Es bleibt bei einer hohen Busse.

Wieso hat er in jener Nacht in Ehrendingen Gas gegeben? Gerichtspräsident Christian Bolleter konfrontiert Adnan mehrmals mit dieser Frage. Der 27-Jährige, in Jeans, mit kurzen, auf eine Seite gegelten Haaren, hat sich keine Antwort bereitgelegt. Er ringt nach Worten, hebt und senkt die Schultern. Falls er die Antwort kennt, bleibt sie sein Geheimnis. «Es war keine böse Absicht», sagt er. «Autofreak bin ich gar nicht. Ich bin auch kein Rennfahrer.» Das Auto aber bedeute ihm ganz viel. «Ich habe es mir selbst ermöglicht.» Der Führerausweis ist nun weg. Er muss zum Verkehrspsychologen, bevor er die Prüfung nochmals ablegen kann.

Erst vor kurzem hat er seine Stelle in einer Klinik aufgegeben. Trennung in gegenseitigem Einvernehmen. Seit dem verhängnisvollen Abend fuhr er mit dem ÖV zur Arbeit. Die Vorgesetzten kamen ihm entgegen. Er durfte bei der Frühschicht eine halbe Stunde später starten. Doch im Team kam die Sonderbehandlung nicht gut an. Es rumorte. Bis zur Trennung.

Clean seit einigen Jahren

Nun arbeitet er temporär, weiterhin in der Pflege. Wohnt bei der Mutter. Das Auto wurde eingezogen und verkauft. Der Erlös deckt die Verfahrenskosten. Adnan hat trotzdem noch Schulden – von früher. Das Billett will er so schnell wie möglich wieder machen. Und die Drogen? «Ich bin seit einigen Jahren clean», sagt er. Und: «Man muss nicht alles probiert haben im Leben.» Seinen damaligen Kollegenkreis hat er längst aufgegeben. Ein normales Leben will er führen. Sich beruflich weiterbilden. Wieso will er in der Pflege bleiben? «Meine Motivation ist, den Leuten zu helfen. Ich kann mit einem guten Gewissen ins Bett gehen. Man bekommt auch viel zurück.»

Die Staatsanwältin fordert eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten, davon 6 Monate unbedingt – Gefängnis. «Ich würde das Urteil so annehmen», antwortet Adnan dem Richter, der ihn auf diese mögliche Strafe anspricht. «Das ist vielleicht das eine Mal zu viel gewesen. Aber das Urteil würde mich stark zurückwerfen.»

Verteidiger: «Er ist kein Raser, der illegale Rennen fährt»

Adnan könnte die Gefängnisstrafe in Halbgefangenschaft absitzen. Aber er glaubt nicht, dass er als Pfleger so eine Stelle finden würde. «Ich muss doch auch Früh- und Spätschichten übernehmen können. Das wird nicht gehen.» Und so sagt er:

Ich bitte Sie, Herr Richter und Frau Staatsanwältin, mir eine letzte Chance zu geben.

Das wäre eine bedingte Strafe und der Verzicht auf den Widerruf jener 12 Monate. Sein Verteidiger fordert 14 Monate bedingt, dafür 5 Jahre Probezeit. «Er hat sein Leben in den letzten fünf Jahren radikal geändert», sagt er. «Wir dürfen das Augenmass nicht verlieren. Er ist kein Raser, der in einem PS-Boliden illegale Rennen fährt.»

Das fünfköpfige Bezirksgericht spricht Adnan aber im Sinne der Anklage schuldig: 16 Monate teilbedingt also, davon 6 Monate Gefängnis. Statt das Rauburteil zu widerrufen, spricht es eine Verwarnung aus. Adnan nimmt das Urteil gefasst auf. Richter Bolleter verweist auf seine Vorstrafen, auf jenen Raub, der ein anderes Urteil verunmöglicht hat: «Wir haben heute keine Möglichkeit mehr, Ihnen eine allerletzte Chance zu geben.»

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