Ando Hakob
Kampf um EM-Titel: Badener Boxer und einstiger Flüchtling erhält eine historische Chance

Die Lebensgeschichte von Ando Hakob berührt. Nun begibt sich der einstige Flüchtling mit armenischen Wurzeln erneut auf eine Reise.

Andreas Fretz
Merken
Drucken
Teilen
Auf Ando Hakob (rechts) wartet in Spanien der bisher grösste Kampf seines Lebens.

Auf Ando Hakob (rechts) wartet in Spanien der bisher grösste Kampf seines Lebens.

zvg

Schweizer Profiboxer fristen in der Regel ein Mauerblümchendasein. Kaum Aufmerksamkeit, keine Anerkennung und wenig Geld. Für einen könnte sich das zumindest ein bisschen ändern. Laut Pass heisst er Andranik Hakobyan, im Ring nennt er sich Ando Hakob. Der 31-Jährige aus Baden kämpft am 5. Dezember in Spanien um die Europameisterschaft. In Torrelavega trifft er auf den Lokalmatador Sergio Garcia (28). Der Spanier hat alle seine 32 Profikämpfe gewonnen. Die Bilanz des amtierenden Schweizer Meisters Ando Hakob: 14 Profi-Siege, 1 Niederlage, 2 Unentschieden.

Falls sein Coronatest negativ ausfällt, sitzt Hakob heute im Flugzeug nach Malaga. Die Reise, die im Normalfall zwei Stunden dauert, nimmt in Zeiten der Pandemie acht Stunden in Anspruch und führt mangels Direktflug über München. Doch lange und mühselige Reisen ist sich Hakob gewohnt. In Armenien in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, als Kind stundenlang auf den Äckern des grosselterlichen Bauernhofs schuftend, wagten seine Eltern und der damals siebenjährige Andranik die Flucht in den Westen.

Der Traum eines besseren Lebens wurde zur dreijährigen Odyssee durch halb Europa. Niemand wollte den Hakobyans Asyl gewähren – Deutschland nicht, Frankreich nicht, Spanien nicht. In der Schweiz landete die Familie in Genf, in Aarau und in einem tristen Zivilschutz-Bunker in Muri, ebenfalls mit geringen Chancen auf ein Bleiberecht. Der frustrierte Vater ­reagierte mit Gewalt gegen die eigene Familie. Er wurde ausgewiesen, Mutter und Kind erhielten den Schutzstatus. Heute wohnen sie in Baden.

Im Ring provozierend, ausserhalb zuvorkommend

Als 1987 letztmals ein Schweizer den Titel des Europäischen Boxverbandes EBU holte, war Ando Hakob noch nicht einmal geboren. «Dieser Kampf ist eine grosse Sache, eine historische Chance», sagt der Badener der AZ. Er weiss: «Dieser Kampf kann ein Türöffner sein.» Garcia, sein Gegner, wird vom Weltverband WBC als Nummer 2 geführt. Wer ihn schlägt, kann nach den Sternen und weiteren Titelkämpfen greifen.

Hakob ist in diesem Kampf der Superweltergewichter (bis 70 kg) der Aussenseiter, sagt aber: «Ich bin schneller als Garcia und technisch viel besser.» Der Kampfrekord, die Erfahrung und die Grösse sprechen indes für den Spanier. «Ich werde viel riskieren müssen, brauche einen perfekten Tag und hoffe auf faire Punktrichter», sagt Hakob. Als Athlet ist der einstige Flüchtling gerne laut, provozierend und extrovertiert, bezeichnet sich gerne als «besten Boxer der Schweiz». Neben dem Boxring aber ist er umso bescheidener. Im persönlichen Gespräch ist er höflich, zuvorkommend, fast schon leise. Sein Talent, der enorme Wille, der Hang zur Show und die Fähigkeit, andere von seinen Ideen zu begeistern, öffneten ihm immer wieder Türen.

Kampf ohne Publikum und ohne Angehörige

Den Auftritt in Spanien hat sein Manager Gregor Stadelmann eingefädelt. Der Titelkampf wird voraussichtlich ohne Publikum stattfinden, aber im Fernsehen übertragen. Weder Fa­milie noch Freundin begleiten Hakob auf seinem Weg, Manager Stadelmann wird vor dem Kampf nachreisen. «Dass es kein Publikum hat, ist sicher ein Vorteil für mich», sagt der Badener. Ohnehin gilt sein Fokus einzig und allein sich selbst. «Es warten spartanische Tage auf mich», sagt er. In Marbella wird er sich im Trainingszentrum von MTK Global, einem der führenden Boxställe, auf seinen bisher grössten Kampf vorbereiten.