Konzentriert sitzen die Schülerinnen und Schüler im Kurszimmer und hören den Ausführungen von Carmen Arnold zu. Zusammen mit ihrer Kollegin Verena Berthold und den Spreitenbacher Bez-Lehrpersonen Simone Eichenberger, Regula Arrigoni und Patrick Schmid unterrichtet die Kantilehrerin an diesem Nachmittag rund 23 Bez-Schüler mit Migrationshintergrund. Ziel: Sie sollen dereinst eine Matura oder Berufsmatura absolvieren können. Denn wer heute im Kanton eine Matura oder Berufsmatura absolviert, ist mit grosser Wahrscheinlichkeit Schweizer und kommt aus eher gut situierten Verhältnissen. Konkret: Auf vier Schweizer Maturanden kommt heute an Aargauer Mittelschulen ein Schüler mit Migrationshintergrund.

Damit dieses Verhältnis kleiner wird, ist das Programm «Chagall» lanciert worden. «Chagall» steht für «Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn». Getragen wird das Förderprogramm von der Kantonsschule Baden, der Berufsfachschule Baden, den Bezirks- und Sekundarschulen Baden, Wettingen und Spreitenbach sowie dem Bildungsnetzwerk Baden (BnB). «Mit dem Projekt wollen wir mithelfen, brachliegende Potenziale und Talente besser auszuschöpfen», sagt Daniel Franz, Rektor der Kantonsschule Baden, im Namen der Initiatoren des Projekts.

Viele Untersuchungen und statistische Erhebungen zeigten, dass auch in der Schweiz immer noch die Herkunft über den schulischen Erfolg von Kindern und Jugendlichen stark mitentscheidet, so Franz. «Dies zeigt sich etwa darin, dass Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder, deren Eltern nicht studiert haben, in anspruchsvollen Ausbildungsgängen auf der Sekundar- und Tertiärstufe unterrepräsentiert sind und vielfach auch weniger erfolgreich studieren.»

Motivation muss gegeben sein

Die Gründe dafür seien vielfältig. Neben sprachlichen Defiziten und finanziellen Aspekten spielten oft auch psychologische Barrieren und teilweise auch fehlendes kulturelles Wissen eine wichtige Rolle. «Intelligente Kinder aus sozial schwächeren Familien stehen oft allein da, wenn es beispielsweise darum geht, einen Übertritt in einen Maturitätslehrgang ins Auge zu fassen. Sie sind weniger selbstsicher als Kinder aus privilegierteren Familien, trauen sich weniger zu und können weniger gut mit Unsicherheiten und schulischem Druck umgehen, weil ihnen Ansprechpersonen fehlen», fasst Kanti-Rektor Daniel Franz zusammen.

Wie funktioniert das Förderprogramm in der Praxis? Angesprochen sind talentierte und motivierte Schülerinnen und Schüler in der 2. oder 3. Oberstufe, die einen Migrationshintergrund haben und/oder in bescheidenen finanziellen Verhältnissen aufwachsen. «Ziel ist es, dass diese Schüler einem Bildungsgang der (Berufs-)Mittelschule oder in einer anspruchsvollen technischen Lehre wie Informatiker oder Automatiker erfolgreich Fuss fassen», erklärt Franz. Die Kriterien zur Aufnahme ins Programm seien der familiäre Hintergrund, das Potenzial, die Motivation sowie die Selbstkompetenz der jungen Menschen.

Vor allem auch die Oberstufe Spreitenbach mit einem grossen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund verspricht sich viel von der Teilnahme am Programm: «Gerade bei den Schulübertritten erleben wir immer wieder, wie begabte Schüler auf sich alleine gestellt sind», sagt Roger Stiel, Schulleiter der Bezirks- und Sekundarschule Spreitenbach. Natürlich setze die Schule ohnehin alles daran, das Potenzial der Schüler zu erkennen und zu fördern. «Doch mit ‹Chagall› haben wir jetzt ein weiteres, offizielles Gefäss, das uns zudem noch hilft, einen unserer Aufträge – nämlich die Integration in die Berufswelt – wahrzunehmen», so Stiel. Denn das Programm ermögliche es, Jugendliche aus bildungsfernen Schichten gezielter abzuholen und zu motivieren.

Kurs dauert rund 2½ Jahre

Eigentlich hätte «Chagall» letzten Sommer loslegen sollen. Doch aufgrund noch unsicherer Finanzierung hat sich die Lancierung verzögert. Doch nun steht die Finanzierung für die dreijährige Pilotphase. Damit man jetzt bis zum definitiven Start im Sommer nicht ein Jahr verliere, biete man seit Februar für 23 Schülerinnen und Schüler verkürzte Kurse an. «Längerfristig ist es das Ziel, pro Jahr rund 20 Schüler in das Programm aufzunehmen», so Kanti-Rektor Franz. Während zweier Jahre werden die Schüler rund 1½ Stunden von einem Kanti- sowie zwei Oberstufenlehrern unterrichtet und gecoacht.

Ein «Chagall»-Kurs dauert in der Regel zweieinhalb Schuljahre. Nebst Grundlagentraining in den Fächern Deutsch, Französisch und Mathematik besuchen die Jugendlichen zusätzlich schulische und kulturelle Veranstaltungen. Sobald der Übertritt an die Berufsmaturitätsschule respektive an die Kantonsschule erfolgt ist, werden die Schüler ein halbes Jahr begleitet. «Es ist durchaus denkbar, das Angebot auf Oberstufenschulen weiterer Gemeinden auszuweiten», so Franz. Damit dies auch Realität werden könne, müsse natürlich die Finanzierung gewährleistet sein. Franz: «Ziel wäre es längerfristig, das Förderprogramm über Stiftungen zu finanzieren.»

Ein erfreulicher Nebeneffekt aus der Zusammenarbeit der verschiedenen Schulen sei eine bessere Vernetzung zwischen den Volksschulen und den nachobligatorischen Schulen, so Franz. «Es ist zu begrüssen, wenn die Berufsbildung und die Mittelschulen näher zusammenrücken.»