Überdosis
Kantonsspital Baden: Mann stirbt wegen Medikamenten-Überdosis – Ärztin verurteilt

Eine 33-jährige Ärztin ist wegen eines «Kunstfehlers» zu einer Geldstrafe verurteilt worden: Ein 66-Jähriger verstarb im August 2009, weil sie offenbar die Erklärung für die Medikamenten-Dosierung falsch verstanden hatte.

Adrian Hunziker
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Kantonsspital Baden

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Aargauer Zeitung

Der Beschuldigten tat der Tod ihres Patienten unendlich leid. Das war ihr im Gerichtssaal ganz eindeutig anzusehen. Dies bemerkte auch das Badener Bezirksgericht. Trotzdem sprach das Gericht die heute 33-jährige Ärztin der fahrlässigen Tötung schuldig und eine bedingte Geldstrafe von 24000 Franken aus.

Der unglückliche Todesfall ereignete sich im August 2009. Damals wurde ein 66-jähriger Patient wegen massiver Atemnot und Herzrhythmusstörungen ins Kantonsspital Baden eingeliefert. Nachdem der Patient auf die Intermediate Care Station verlegt worden war, wies er einen schnellen und unregelmässigen Puls auf.

Die Angeklagte entschied sich, nach Absprache mit anderen Ärzten, dem Patienten zur Verlangsamung des Pulses das Medikament Digoxin zu verabreichen. Doch da die junge Ärztin bisher noch keine Erfahrung mit diesem Medikament hatte, konsultierte sie die Onlineversion des Arzneimittelkompendiums, um die richtige Dosierung zu erhalten. Diese Konsultation wurde der Deutschen zum Verhängnis.

Ungewöhnliche Formulierung

Die Beschuldigte empfand es als kompliziert, wie die Dosierung im Kompendium formuliert war. «Ich habe die Erklärung für die Digoxin-Dosierung falsch verstanden», entschuldigte sich die Angeklagte.

Sie hatte den Text im Internet zusammen mit einer Assistenzärztin durchgelesen. Auch diese hatte die Erklärungen gleich interpretiert. So bekam der Patient in den nächsten Tagen viel zu viel Digoxin verabreicht. Dies führte vier Tage später zu Herzversagen und somit zu seinem Tod.

Ein schwieriger und stressiger Tag

Die Angeklagte war zum Zeitpunkt des Vorfalls erst vier Monate im Kantonsspital Baden angestellt. Sie amtete als Oberärztin. Zuvor hatte sie am Unispital in Zürich gearbeitet.

An besagtem Tag leistete sie erst ihren zehnten langen Ernsteinsatz, der insgesamt 36 Stunden dauerte. Sie musste insgesamt 115 «normale» und 20 Notfall-Betten betreuen. Eine enorme Verantwortung für eine junge Ärztin.

Die damals 31-Jährige hatte bereits zwölf Stunden ihrer Schicht abgearbeitet, als der 66-jährige Patient eintraf. «Kurz zuvor hatte zudem ein Betrunkener im Spital begonnen zu randalieren und sich selbst zu verletzen. Ich musste mit ihm sprechen, um ihn zu beruhigen», führte die Beschuldigte aus.

Da sie noch nie mit so einer Situation zu tun hatte, verständigte sie den Chefarzt. Damit war dieses Thema für sie gegessen und sie konnte sich des Patienten mit zu schnellem Puls annehmen. Sein Zustand war zu diesem Zeitpunkt nicht lebensbedrohlich.

Da der Patient Wasser auf der Lunge und zudem einen tiefen Blutdruck hatte, konnten keine Beta-Blocker eingesetzt werden.

So teilte der anwesende Kardiologe der Angeklagten mit, man solle mit der Digoxin-Behandlung beginnen. Heute wird dieses Medikament nur noch selten verwendet. Zudem wurde die Formulierung der Digoxin-Dosierung im Kompendium dieses Jahr verständlicher gemacht.

Sorgfaltspflicht verletzt

Die Staatsanwaltschaft forderte für die Ärztin eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten wegen fahrlässiger Tötung. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch, weil ihrer Meinung nach noch weitere Ärzte, die den Patienten später konsultierten, seinen Tod hätten verhindern können.

Bruno Meyer, Präsident der 2. Abteilung des Bezirksgerichts Baden, entschied trotzdem auf schuldig, da die Angeklagte ganz offensichtlich einen gravierenden Fehler begangen hatte. «Sie hätten grössere Vorsicht walten lassen und sich besser informieren müssen. Sie haben ihre Sorgfaltspflicht verletzt», erklärte Meyer seinen Schuldspruch.

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